17. Juni 1953 : Die Stasi als Kritiker der SED

Das Ministerium für Staatssicherheit nahm sich in seinen frühen Jahren heraus, die SED zu kritisieren. Das belegt eine Dokumentation zu Geheimdienstdokumenten aus dem Jahr 1953, die 60 Jahre nach dem Volksaufstand in der DDR erschienen ist.

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Ost-Berliner Arbeiter am 17. Juni 1953 am Brandenburger Tor
Ost-Berliner Arbeiter am 17. Juni 1953 am Brandenburger TorFoto: dpa

Grotewohl und Ulbricht sollten „sich die Brust waschen und fertig machen zum Erschießen“, fordert ein Bauarbeiter aus Prenzlau. In Stralsund wettern Vertreter der Blockparteien gegen Ulbricht als SED-Chef, weil er „auch heute noch mit der verhassteste Mensch in der DDR“ sei. Vom „drohenden Schiffbruch“ des Regimes ist die Rede. Und ein 1. Sekretär der sowjetisch- deutschen Wismut AG macht sogar Reklame für den amerikanischen Feindsender: „Ich bin gezwungen, den Rias zu hören, die Parteiführung lässt uns voll und ganz im Stich.“ Und aus dem Kraftwerk Klingenberg in Berlin-Rummelsburg heißt es, SED-konforme Äußerungen würden nur „mit allgemeinem Gelächter aufgenommen“.

Das alles wurde so gesagt und festgehalten 1953 – in einem für die DDR sehr schlechten Jahr. Die Stasiberichte von damals – gerade systematisch ausgewertet kurz vor dem 60. Jahrestag des Aufstands vom 17. Juni – bergen ehrliche Informationen zur Stimmung im Land. Von einer „unbeholfenen Authentizität“ spricht der Forscher Roger Engelmann, der die „geheimen Berichte an die SED-Führung“ gerade im Auftrag der Stasiunterlagenbehörde in einem Buch zusammengefasst hat („Die DDR im Blick der Stasi 1953“, Vandenhoeck & Ruprecht, 320 Seiten, 29,99 Euro). Sein Fazit: Die Stasi, 1950 gegründet mit dem Anspruch, Schild und Schwert der Partei zu sein, scheute sich damals nicht, direkt und indirekt Kritik an der Partei zu äußern, bemängelte etwa die Agitationsarbeit der SED in Betrieben. Sie ließ sich auch nicht die parteioffizielle Deutung des Juni-Aufstandes aufdrücken, wonach der ein von „westlichen Agenturen“ gesteuerter „faschistischer Putschversuch“ gewesen sei. Im Gegenteil habe die Stasi, so Engelmann, „über weite Strecken relativ wirklichkeitsnah über Stimmungen und Missstände“ berichtet. Auch manche hektische Maßnahme der Führung nach dem 17. Juni – etwa der Import von Obst und Gemüse aus den sozialistischen Bruderländern – führt flugs zu den nächsten Negativ-Berichten: Das MfS beklagt eine „Obst- und Gemüseschwemme“ und berichtet, dass bei hochsommerlichen Temperaturen bis zu 90 Prozent der Lebensmittel verdorben in der DDR angekommen seien. Auch haarsträubende organisatorische Mängel im Handel prangert die Stasi an.

Der niedergeschlagene Massenprotest markiert eine Wende in der DDR – und hat großen Einfluss auf das Berichtswesen der Stasi. SED und Regierung sahen sich nicht hinreichend vor dem Aufstand gewarnt, die Stasi spielt den Ball zurück, Motto: Wir können doch nichts für die miese Lage. „Sie war auf das, was ihr plötzlich abverlangt wurde, in keiner Weise vorbereitet", sagt Forscher Engelmann über die Stasi nach dem 17. Juni. Vom Umfang her sei die Berichterstattung völlig aus dem Ruder gelaufen, die Texte „strotzen von orthographischen und grammatikalischen Fehlern sowie von Stilblüten aller Art“. Dass die Dossiers so dilettantisch sind, macht sie für die Geschichtsbetrachtung aber nicht wertlos, im Gegenteil: Denn damals wird noch ungeschminkt und oftmals wörtlich zitiert. Verschwurbelte Propaganda – auch um die Parteifunktionäre zu schonen – sollte es vom Geheimdienst erst Jahre später geben.

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