20 Tage bis zur US-Wahl : Donald Trump kann immer noch gewinnen

Eine Strategie, die den republikanischen Kandidaten trotz der Rückschläge ins Weiße Haus führen soll, setzt auf weiße Bürger ohne College-Abschluss. Ein Kommentar.

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Frauen in Wisconsin für Trump.
Frauen in Wisconsin für Trump.Foto: REUTERS

Die Präsidentschaftswahl scheint entschieden. Hillary Clinton treibt Donald Trump in die Enge. Da gibt es freilich ein großes Fragezeichen. In diesem ungewöhnlichen Wahljahr 2016 ist schon manches anders gekommen als erwartet.

47 Millionen Nichtwähler - Trumps Potenzial

Gibt es wirklich keinen realistischen Weg für Trump zum Sieg? Doch, den gibt es. Zahlenmäßig ist der sogar ziemlich leicht zu beschreiben. In der Wahl 2012 erhielt Barack Obama Amerika-weit rund fünf Millionen mehr Stimmen als sein republikanischer Gegner Mitt Romney. Aber 47 Millionen Weiße gingen nicht zur Wahl, obwohl sie wahlberechtigt waren - und zwar Weiße ohne College-Abschluss. Wenn es Trump gelänge, auch nur 15 oder 20 Prozent dieser 47 Millionen zu mobilisieren, dann wäre die Wahl wieder offen. Bringt er gar 30 bis 40 Prozent von ihnen an die Urnen, hätte er wohl gewonnen.

Generell entscheiden sich ältere Weiße und Weiße ohne höhere Bildung 2016 für Trump. Hillary Clinton hat einen hohen Vorsprung unter Minderheiten, jungen Wählern und Weißen mit Universitätsabschluss.

Nun wird die Präsidentenwahl nicht dadurch entschieden, wer mehr Stimmen landesweit erhält. Sondern jeder der 50 Bundesstaaten wird einzeln ausgezählt. Und wer in einem Bundesstaat gewinnt, erhält alle Wahlmänner dieses Staats. "The winner takes it all." Es geht also darum, eine Kombination von Bundesstaaten zu gewinnen, die 270 oder mehr Wahlmännerstimmen einbringt.

Iowa ist das Paradebeispiel

Donald Trump müsste sich auf die Staaten konzentrieren, wo der Abstand zwischen Obama und Romney gering war und es eine hohe Zahl von Weißen ohne College-Abschluss gibt. Dieses Szenario hat die "New York Times" dieser Tage durchgespielt. In Iowa macht die Gruppe 62 Prozent der Wähler aus. Trump führt dort in den Umfragen. 2012 hatte Obama den Staat gewonnen. Ähnlich in Ohio. Obama hatte dort 2012 gewonnen, doch es gibt 53 Prozent Weiße ohne universitäre Bildung, und Trump hat die meiste Zeit 2016 geführt.

Das Szenario zeigt eine weitere Reihe von Staaten, die aussichtsreich für eine solche Trump-Strategie wären: Wisconsin, New Hampshire, Minnesota, Missouri, Michigan und eventuell Pennsylvania. Hingegen braucht Trump es in Colorado oder Virginia eher nicht zu versuchen - zu viele Weiße mit College-Abschluss.

Nach den aktuellen regionalen Umfragen führt Clinton in den meisten Staaten, die diese Angriffsfläche bieten. In Wisconsin mit sieben Prozent, in New Hampshire mit 3,6 Prozent, in Minnesota mit 4,3 Prozent. Aber das widerlegt das Gedankenspiel nicht.

Clintons Vorteil: Trump agiert nicht optimal

Trump hat bisher nicht genug getan, um dieses Potenzial zu mobilisieren und an die Urnen zu bringen. Das ist Clintons Glück. Seiner Kampagne fehlt es an der Professionalität beim "Voter Turn-out", die Obama gezeigt hat. Und am nötigen Geld, um diese potenziellen Wähler gezielt anzusprechen. Denn auch das Spendeneinwerben hat Trump sträflich vernachlässigt.

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Clinton muss zugleich hoffen, dass die Demoskopen ihre Arbeit zuverlässig machen. Denn im Grund genommen weiß niemand so ganz genau, ob sie wirklich so weit vorne liegt, wie es die Umfragen ausweisen. Meinungsforscher können nur messen, was sie kennen und mit Erfahrungswerten abgleichen können. Über Weiße, die bisher nicht wählen gingen, haben sie so gut wie keine belastbaren Daten.

Binnen 20 Jahren hat sich Amerikas Demographie, aber auch seine Wahlsoziologie stark verändert. Bill Clinton gewann bei seiner Wiederwahl 1996 die "weißen" Arbeiter- und Farmstaaten Iowa, Ohio, Missouri. Und er verlor Colorado, North Carolina, Virginia. 2016 wird es Hillary Clinton wohl umgekehrt gehen. Sie verliert Iowa, Ohio, Missouri. Und gewinnt in Colorado und Virginia, eventuell sogar im Südstaat North Carolina. Aus Industriestaaten ist ein "Rostgürtel" geworden. Linkes Klassenbewusstsein im europäischen Verständnis hatten Amerikas weiße Arbeiter nicht. Heute wählen sie mehrheitlich die Republikaner.

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