364 Tage und ein Gutschein : Der Muttertag droht Geschlechterrollen zu zementieren

Sonntag ist Muttertag, es wird gedankt. Aber überschwänglicher Dank sollte skeptisch machen. Er droht, ein Bild von Mutterliebe zu verfestigen, das starre Geschlechterrollen tradiert. Ein Kommentar.

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Am Muttertag wird gedankt - für Liebe und Verzicht, Hingabe und Geduld.
Am Muttertag wird gedankt - für Liebe und Verzicht, Hingabe und Geduld.Foto: dpa

Blumen, rote Herzen, ein selbst gemaltes Bild, ein Gutschein, der Anruf aus der Ferne. Sonntag ist Muttertag. Na klar, da wird gedankt – für Liebe und Verzicht, Hingabe und Geduld. Und in zehn Tagen beginnt in Berlin der Kirchentag. Dessen Motto lautet: „Du siehst mich.“ Es stammt aus einer von vielen biblischen Zeugungsgeschichten, die das Mutter-Dasein problematisieren. Die Geschichte zum Kirchentag steht im 1.Buch Mose und handelt von Sarah und Abraham. Das Paar ist alt und kinderlos, doch Gott hat Abraham viele Nachkommen versprochen. Was tun? Sarahs biologische Uhr tickt.

Ganz einfach, eine Leihmutter muss her. Sarah bittet also Abraham, ihre Sklavin Hagar zu schwängern, was der auch tut. Nach damaligem Recht war das möglich, denn Kinder einer Sklavin galten als Kinder der Herrin. Und Hagar? Die ist stolz und froh über die Schwangerschaft, vielleicht protzt sie sogar damit. Jedenfalls fühlt sich die kinderlose Sarah von der gebärfreudigen Hagar zunehmend respektlos behandelt. Zur Strafe schikaniert die Herrin ihre Sklavin, woraufhin diese flieht. Durch einen Boten sichert Gott der Geflohenen seinen Segen und die Geburt eines Sohnes zu, fordert sie aber auch zur Rückkehr auf. Hagar gehorcht und bringt Ismael zur Welt.

Ismael ist Abrahams Sohn. Aber wer ist seine Mutter? Wer die Mutter ist, steht immer fest, heißt es. Woran knüpft sich das? An ein befruchtetes Ei, an die Erfahrung von Schwangerschaft? Wenn ein Kind nach der Geburt vertauscht wird, nimmt es die neue Mutter meist selbstverständlich als das eigene an. Die leibliche Mutterschaft scheint keine Voraussetzung für die seelische Mutterschaft zu sein. Mütter von Adoptivkindern wissen das.

Sarah geht sehr pragmatisch mit ihrem Kinderwunsch um. Heute hätte sie wohl versucht, mit künstlichen Methoden schwanger zu werden. Und Hagar? Sie nimmt die Schwangerschaft nicht als ein Geschenk wahr, sondern als eine Leistung, die sie vor ihrer Herrin auszeichnet. Das kommt gar nicht gut an.

Für einen Ablasshandel taugt der Muttertag nicht

Allerdings haben an einer fast mythologischen Erhöhung der Mutterrolle bis heute viele ein Interesse. Die Männer, weil es sie von Betreuungs- und Erziehungspflichten befreit. Aber auch Frauen, weil es ihre Bindung an das Kind irgendwie adelt. Warum sind 85 Prozent der Alleinerziehenden Frauen? Zuallererst, weil viele Männer sich nach der Trennung vor einer verantwortungsvollen Vaterschaft drücken. Und auch, weil es einige Frauen immer noch als naturgegebene Aufgabe verstehen, dass sie als Mütter weiter die Kindererziehung tragen. Also Mutter-Sein verpflichtet, wegen der besonderen Mutter-Kind-Beziehung. Die Männer nicken beflissen und bedanken sich dafür am Muttertag.

Dank ja, Glorifizierung nein. Mütter sind auch die, die ermattet ins Bett sinken, wenn das Baby fertig gebrüllt hat, die stundenlang am Rand des Spielplatzes sitzen, sich dort langweilen, manchmal einsam sind, die ausflippen, wenn zwischen Läusebefall und Mathe-5 die Waschmaschine kaputtgeht.

Heute ist Muttertag. Da wird gedankt – für Liebe und Verzicht, Hingabe und Geduld. Aber überschwänglicher Dank sollte skeptisch machen. Er droht, ein Bild von der Mutterliebe zu verfestigen, das starre Geschlechterrollen tradiert. Er kompensiert nicht den 364-tägigen Alltagsstress. Für einen Ablasshandel taugt der Muttertag nicht. Der am allerwenigsten.

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