41. Verhandlungstag im NSU-Prozess : Verfassungsschützer will nichts gesehen haben

Der Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes war am Tatort, als der NSU Halit Yozgat erschoss. Vor Gericht aber bleibt Andreas T. dabei, er habe nichts bemerkt. Richter Götzl ist skeptisch.

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Elektrogeschäft in Kassel. Früher hier ein Internetcafé. Am 6. April 2006 tötete der NSU Halit Yozgat mit zwei Kopfschüssen.
Elektrogeschäft in Kassel. Früher hier ein Internetcafé. Am 6. April 2006 tötete der NSU Halit Yozgat mit zwei Kopfschüssen.Foto: dpa

Wenn es nach Andreas T. geht, dann ist das alles eine zwar überaus unangenehme, aber ganz und gar harmlose Geschichte. Andreas T. war Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes. Er war am Tatort, während oder Sekunden bevor der NSU am 6. April 2006 gegen 17 Uhr Halit Yozgat in Kassel mit zwei Kopfschüssen in seinem Internetcafé tötete. Ein dummer Zufall. So stellt es T. dar.

Der 46-jährige, große, kräftige Mann mit Glatze und Brille hat für alles eine Erklärung. Und er muss viel erklären an diesem 41. Tag im NSU-Prozess. Etwa warum er sich nach dem Mord an Yozgat als einziger Zeuge nicht sofort bei der Polizei meldete. Die Ermittler mussten T. erst selbst auf die Spur kommen. Er war von 16.51 Uhr bis 17.01 Uhr im Internet eingeloggt. Keine Minute später müssen die Schüsse gefallen sein.

Er habe von dem Mord gar nichts bemerkt, sagt T. Als er drei Tage später davon hörte, habe er gedacht, dass er nicht am Tattag, sondern am Vortag im Internetcafé gewesen sei. Er spricht von einem „Trugschluss“, dem er da wohl „erlegen“ sei.

Richter Götzl schenkt den Aussagen wenig Glauben

Richter Manfred Götzl fällt es zunehmend schwer, seine Skepsis zu verbergen. Er hakt nach. Immer wieder. Wie kann er an einem Sonntag nicht mehr gewusst haben, wo er am Donnerstag war? „Ich habe da, das gebe ich ganz offen zu, Schwierigkeiten“, sagt Götzl. Andreas T. aber bleibt dabei. „Ich verstehe es auch nicht“, viel mehr kommt von ihm nicht. Beate Zschäpe guckt aufmerksam von Götzl zu T. und wieder zurück.

Der ehemalige Verfassungsschützer erklärt sein damaliges Schweigen gegenüber den Behörden damit, dass er aus dienstlichen Gründen gar nicht in dem Internetcafé hätte sein dürfen. Denn in der Nähe befinde sich „ein Objekt“, das zu seinem Aufgabenfeld gehört habe. Eine Moschee, wie am Tag zuvor schon ein Ermittler verraten hat. T. war für mehrere Informanten aus der islamistischen und für einen Informanten aus der rechten Szene zuständig. Außerdem habe er Stress mit seiner schwangeren Frau befürchtet, weil er in Yozgats Internetcafé mit fremden Frauen chattete.

Andreas T. will nichts gehört haben, als Schüsse fielen

Ungewöhnliche Geräusche habe T. jedenfalls nicht gehört. Alle anderen, die zur Tatzeit im Internetcafé waren, gaben an, Knallgeräusche oder dumpfe Geräusche wahrgenommen zu haben. Die einen dachten an platzende Luftballons, die anderen an etwas Schweres, das zu Boden gefallen sei. So sagten es die Zeugen Am Dienstag vor Gericht. T. aber sagt, ihm sei nichts aufgefallen.

Nur eines sei anders gewesen, sagt der frühere Verfassungsschützer. Er habe Yozgat nicht gesehen, als er den Laden verlassen wollte. Also habe er ihm ein 50-Cent-Stück auf den Tresen gelegt. Lag hinter dem Tresen Halit Yozgat? Tot? Sterbend? Ein 50-Cent-Stück jedenfalls lag tatsächlich auf dem blutbesudelten Tresen.

Die Staatsanwaltschaft Kassel leitete 2006 ein Ermittlungsverfahren wegen Mordverdachts gegen T. ein. Anfang 2007 wurden die Ermittlungen eingestellt. Der Verdacht habe sich nicht erhärtet. Vom Beschuldigten ist Andreas T. zum bedeutenden Zeugen geworden.

Götzl hat ihn trotzdem zu Beginn seiner Vernehmung nach Paragraf 55 Strafprozessordnung belehrt. Das bedeutet, dass der ehemalige Verfassungsschützer nichts sagen muss, womit er sich selbst belasten könnte. Götzl ist an diesem Tag noch nicht fertig mit ihm. Er wird ihn erneut laden. Und befragen.

Vater von NSU-Opfer Halit Yozgat auf dem Zeugenstuhl

Am Vormittag hatte der Vater von Halit Yozgat auf dem selben Stuhl seinen Schmerz in den Saal geschrien. Mit zitternder Stimme berichtete Ismail Yozgat von dem Tag, an dem er seinen Sohn sterbend in seinem Internetcafé fand. Es war ein Tag vor Ismails Yozgats Geburtstag. Halit hatte ihm Geld gegeben und in die Stadt geschickt, um sich ein Geschenk zu kaufen. Zwei Stunden später, kurz nach 17 Uhr kam er zurück. „Da sah ich meinen Sohn im vollen Blut.“

Dann bricht es aus ihm heraus. Ismail Yozgat guckt zur Anklagebank, wo alle Angeklagten starr in seine Richtung blicken.„Warum haben Sie meinen Sohn getötet?“, fragt er. Yozgat weint. Seine Frau streichelt ihm über den Rücken. „Mit welchem Recht haben Sie das getan?“

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