9. November: 25. Jahrestag des Mauerfalls : Die Entsorgung der Geschichte

Mutige Menschen gingen auf die Straße, stürzten die Regierung, rissen die Mauer ein. Dafür steht der 9. November 1989. Und wer soll beim Festakt zum 25. Jubiläum die Rede halten? Martin Schulz, der Präsident des Europäischen Parlaments. Ja, geht's noch? Ein Kommentar.

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Und wo, bitteschön, sieht man Martin Schulz auf diesem Bild?
Und wo, bitteschön, sieht man Martin Schulz auf diesem Bild?Foto: dpa

Es ist ein urdeutsches Datum. Der 9. November in all seinen Facetten definiert deutsche Identität. Kein anderes Datum in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts hat mehr  Emotionen und Kontroversen entfacht - der Fall der Mauer, die Reichspogromnacht, der Hitlerputsch und die Novemberrevolution. In diesem Jahr wird in erster Linie gefeiert. Vor einem Vierteljahrhundert wurde die Mauer gestürmt, der Eiserne Vorhang eingerissen. Das Sehnen nach Freiheit war stärker als der real existierende Sozialismus, als Gängelung, Repressalien, Überwachung, Meinungsdiktatur, Planwirtschaft.

 Ein guter Grund also für eine ordentliche Sause in Berlin, mit 8000 Luftballons, einer Lichtinstallation auf dem ehemaligen Grenzverlauf, einem Bürgerfest am Brandenburger Tor. Außerdem plant die Stadt Berlin einen Festakt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Wird die Festrede von einem Idol der Unbeugsamkeit, des Freiheitswillens und des politischen Mutes gehalten, der bereits Millionen mit seinen Reden inspiriert hat. Nicht ganz. Statt dessen fiel die Wahl auf Martin Schulz, den Präsidenten des Europäischen Parlaments. Als die Mauer fiel, war er Bürgermeister von Würselen, dort ist er bis heute gemeldet.

Der Vorzeigeeuropäer verdrängt die Revolutionshelden

Martin Schulz also, im westdeutschen Institutionengerangel geschult, nicht sehr charismatisch, einer, der nie etwas mit der DDR am Hut hatte. Schulz selbst kann nichts für diese Fehlbesetzung. Die Berliner Senatskanzlei hat angefragt, und weil er nicht ungern öffentlich redet, hat er halt zugesagt. So laufen die Dinge. Aber dass die friedliche Revolution, die Wende, dieses historisch einmalige Ereignis, befördert von Menschen mit Namen, Biographie und Charakter, nun ausgerechnet durch Schulz symbolisiert werden soll, ist ein Schlag ins Gesicht all derjenigen, die im Herbst 1989 auf die Straße gegangen waren.

 Der Vorzeigeeuropäer verdrängt die Revolutionshelden. Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, zum 25. Jahrestag zum Beispiel 25 Bürgerrechtler zu Wort kommen zu lassen, jeden von ihnen fünf Minuten lang. Das wären zwei launige, spannende Stunden persönlicher, reflektierter Geschichte gewesen. Durchaus nicht homogen, aber durch Authentizität geprägte Zeitzeugenschaft. Ein historisches Mosaik wäre entstanden aus Oppositions- und Bürgerbewegung, der Geist dieser Wahnsinnszeit einen Moment lang wiederbelebt.

Alles geht auf in einem europäischen Einheitsnarrativ

Die Auswahl dieser 25 würde sicher Kritik hervorrufen. Es waren schließlich mehr als die, und es war auch ein Großteil des Volkes der DDR. Doch mit dieser Kritik muss man leben. Nehmen wir spontan eine Hälfte der möglichen Bürgerrechtler in alphabetischer Reihenfolge: Marianne Birthler, Rainer Eppelmann, Joachim Gauck, Roland Jahn, Freya Klier, Vera Lengsfeld, Markus Meckel, Günter Nooke, Ulrike Poppe, Jens Reich, Friedrich Schorlemmer, Wolfgang Templin, Arnold Vaatz, Konrad Weiß. Welch beeindruckende Wucht würde es haben, sie alle nacheinander auf die Bühne gehen zu sehen, sie reden zu hören! Über Erinnerungen, Hoffnungen, Enttäuschungen.

 Es soll nicht sein. Statt dessen Martin Schulz.

 Eine Nation entsorgt ihre Geschichte, indem sie deren zentrale Momente aufgehen lässt in einem europäischen Einheitsnarrativ. Nichts gegen Europa, nichts gegen Brüssel, nichts gegen Straßburg. Doch am Ende dieser Entwicklung könnten die Deutschen versucht sein, es mit den Schattenseiten ihrer Vergangenheit ganz ähnlich zu tun: Adolf Hitler – ein europäisches Unglück, Auschwitz – ein europäisches Verbrechen. Martin Schulz als Festredner zum 9. November ist vielleicht auch ein Symptom: für den offenbar tiefsitzenden Wunsch nach einer Art Schlussstrich, unter das Gute wie das Schlechte.

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