Agrarfront in Brasilien : Verschärfte Attacke auf den Regenwald

Der brasilianische Regenwald hatte sich für kurze Zeit erholen dürfen. Aber jetzt wird wieder abgeholzt. Die Agrar- und Minenindustrie hat den Ureinwohnern und der Natur jetzt den Krieg erklärt.

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An die Substanz. Die Holzfäller kommen mit Sägen. Foto: dpa
An die Substanz. Die Holzfäller kommen mit Sägen.Foto: dpa

Überquert man Brasilien im Flugzeug von Südosten nach Norden, ist man zunächst beeindruckt von den gigantischen Ausmaßen des Landes. Dann ist man geschockt. Stunden bevor man den ersten großen Wald erblickt, sieht man nur eins: Felder. Zunächst sind es noch mittelgroße Äcker, dazwischen Stauseen, Rinderweiden und Eukalyptusplantagen. Irgendwann fliegt man dann über die Hauptstadt Brasilia in der semiariden Hochebene von Goiás. Kurz darauf erreicht man den Bundesstaat Mato Grosso, und die Wüste beginnt. Sie ist grün. Mato Grosso, rund dreimal so groß wie Deutschland, ist Brasiliens Sojastaat. Auf rund 8,5 Millionen Hektar werden die Bohnen hier angebaut, das entspricht der Fläche Bayerns und Thüringens.

Der Regenwald heute und vor 50 Jahren. Grafik: Tsp/Pieper-Meyer
Der Regenwald heute und vor 50 Jahren.Grafik: Tsp/Pieper-Meyer

Die Felder wirken selbst aus der Luft gigantisch, werden einzig unterbrochen von schnurgeraden Straßen und vereinzelten Farmen. Darüber ziehen Sprühflugzeuge ihre Bahnen, bringen Pestizide auf die Pflanzen. Ab und zu wächst Mais, der mittlerweile im Wechsel angebaut wird. Soja wie Mais werden vor allem als Tierfutter nach China, Europa und in die USA exportiert. Auch wegen des dortigen Fleischhungers ist Brasilien zum zweitgrößten Sojaproduzenten der Welt aufgestiegen – die Anbaufläche hat sich seit 2001 auf 28 Millionen Hektar verdoppelt.

Bedeutung für das Weltklima

Dort, wo sich heute die Monokultur ausbreitet, stand früher Wald. Was von ihm übrig geblieben ist, beginnt weit im Norden Mato Grossos. Eine wie mit dem Lineal gezogene Kante trennt die Felder vom Amazonas. Es ist die Agrarfront, wie sie in Brasilien heißt. Der Begriff ist kein Zufall. Brasiliens Agrarindustrie hat dem Wald und seinen Bewohnern den Krieg erklärt. Aus der Luft sind die Straßen schon gut zu erkennen, die illegal in den Wald getrieben werden. Dass Amazonien, das größte Regenwaldgebiet der Welt, eine Schlüsselrolle für das globale Klima einnimmt, weil es durch seinen Wasserhaushalt einen enormen Einfluss auf die Erdatmosphäre hat, interessiert die Industrie offenbar nicht.

Davilson Brasileiro, der für die Indio-Schutzbehörde Funai das Leben der indigenen Völker im Amazonas dokumentiert, ist gerade aus Mato Grosso zurückgekehrt. Er sagt: „Erst kommen die illegalen Holzfäller mit brandneuen Sägen, Baggern und Lkw-Flotten. Sie werden von kleinen Privatarmeen beschützt. Wenn sie die wertvollen Bäume geschlagen haben, dann wird der Rest niedergebrannt und die Fläche an die Großbauern übergeben. Holz- und Agrarmafia arbeiten Hand in Hand, die Funai ist machtlos. Es ist wie Wilder Westen.“ Tatsächlich ist Mato Grosso ein gutes Beispiel für die große Macht von Brasiliens Regionalfürsten. Sie sind oft Großgrundbesitzer und Politiker in einem.

Vom Sojabauer zum Vorsitzenden des Umweltausschusses


Zwischen 2003 und 2010 hieß Mato Grossos Gouverneur Blairo Maggi. Er ist einer der größten Sojabauern der Welt, in seiner Amtszeit wurden in seinem Staat Waldflächen von der doppelten Größe Hessens vernichtet. Oft illegal. Heute sitzt Maggi im brasilianischen Senat und ist Vorsitzender des Umweltausschusses.

Dorthin gelangte er mit Hilfe der bancada ruralista, einem Zusammenschluss von 120 bis 200 Parlamentariern, die den Interessen der Agrarindustrie dienen. Sie sind es, die den aktuellen Großangriff auf den Wald anführen. Zuletzt haben sie einen Verfassungszusatz eingebracht, der die Verantwortung für Indianerreservate von der Schutzbehörde Funai auf die Legislative übertragen soll. Die Territorien der indigenen Bevölkerung gelten den Ruralisten schon lange als entscheidendes Hindernis zur weiteren wirtschaftlichen Ausbeutung des Amazonasgebiets.

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