"Alternative Mitte" : In der AfD formiert sich Widerstand gegen Höckes „Flügel"

Sie wollen den Scharfmachern in der AfD nicht die Deutungshoheit über die Partei überlassen. Aber können die Anhänger der neuen "Alternative Mitte" etwas ausrichten?

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Die Freunde vom "Flügel": Der AfD-Landesvorsitzende Björn Höcke und Sachsen-Anhalts AfD-Chef Andre Poggenburg.
Die Freunde vom "Flügel": Der AfD-Landesvorsitzende Björn Höcke und Sachsen-Anhalts AfD-Chef Andre Poggenburg.Foto: dpa

Mittlerweile ist es Tradition für die äußerst Rechten in der AfD: das jährliche Treffen unterhalb des Thüringer Kyffhäuser-Denkmals. Mit seinem rotbraunen Sandstein ist das massive Bauwerk weithin sichtbar. Laut einer Sage schläft im Berg darunter der alte Kaiser Barbarossa, um eines Tages zu erwachen und das Reich zu neuer Herrlichkeit zu führen. Auch am vergangenen Wochenende hatten sich dort gut 550 Anhänger des völkisch-nationalistischen „Flügels“ der AfD versammelt. Gegründet 2015 von Rechtsaußen Björn Höcke und seinem Verbündeten André Poggenburg, ist er ein mächtiger Zusammenschluss innerhalb der Partei.

Doch in diesem Jahr traf sich zum gleichen Zeitpunkt, etwa 70 Kilometer Luftlinie entfernt, eine weitere Gruppe von AfD-Mitgliedern, ebenfalls vor symbolträchtiger Kulisse: der Wartburg in Eisenach. Sie wollten ein Gegengewicht bilden zum „Flügel“ – und gründeten die „Alternative Mitte in Thüringen“.

Die Gemäßigten waren lange duldsam

Es ist nach Bayern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt, Hessen und Niedersachsen bereits der sechste Landesverband der „Alternativen Mitte“, der sich seit Anfang Juli zusammengeschlossen hat. Bald schon will man in allen Ländern vertreten sein, am Ende eine Bundesorganisation bilden. „Es kann nicht sein, dass eine lautstarke Minderheit die Außenwahrnehmung der Partei dominiert“, sagt Berengar Elsner von Gronow. Er ist in NRW der Kopf der „Alternativen Mitte“ und Vorsitzender des AfD-Bundeskonvents, dem höchsten Beschlussgremium zwischen den Parteitagen.

Viel zu lange, sagt der 39-Jährige, seien die Gemäßigten in der AfD duldsam gewesen, bequem vielleicht auch. Doch damit soll es jetzt vorbei sein. Es formiert sich Widerstand gegen die Scharfmacher. Nur: Kann der etwas ausrichten?

Gut 1000 Unterstützer haben sich laut Elsner von Gronow in der Partei bislang gefunden. Im Vergleich mit den 20 bis 30 Prozent der mehr als 28 000 Parteimitglieder, von denen Björn Höcke laut Spitzenkandidat Alexander Gauland „heiß geliebt“ wird, mag das noch nicht viel sein. Doch mit weiteren „Mitte“-Landesverbänden sollen noch viele Mitglieder dazukommen. Prominentestes Mitglied ist Dirk Driesang, Mitglied des Bundesvorstands. Auch Parteichefin Frauke Petry und ihr Mann, der NRW-Landesvorsitzende Marcus Pretzell, sehen das Bündnis äußerst wohlwollend. Sie kamen zum „Mitte“-Sommerfest in NRW.

Vor der Bundestagswahl wollen Elsner von Gronow und seine Mitstreiter es nicht auf öffentlichen Streit mit den „Flügel“-Leuten ankommen lassen. Das, so glaubt er, käme beim Wähler schlecht an. Auf Facebook bekriegt man sich aber. „Gegen uns wird gehetzt. Man wirft uns vor, wir würden die Partei spalten wollen. Vielen ist eine Organisation der Bürgerlichen ein Dorn im Auge“, klagt Elsner von Gronow. Die „Mitte“-Leute pöbeln dann aber durchaus zurück.

Wer hat die Oberhand?

Elsner von Gronow wollte vor einigen Wochen den Streit befrieden. Er und ein Mitstreiter trafen sich mit Gauland. „Wir wollten mit ihm vereinbaren, dass er und seine Truppen sich in ihren Äußerungen bis zur Wahl zurückhalten“, erzählt Elsner von Gronow. Doch Gauland habe darauf nicht eingehen wollen. Einige Zeit später folgte seine Verbalattacke gegen Aydan Özoguz.

Nun läuft alles auf einen Showdown Ende des Jahres hinaus. In der AfD ist man der Meinung, dass sich beim Bundesparteitag im Dezember das Schicksal der Partei endgültig entscheiden wird. Dann wird ein neuer Bundesvorstand gewählt. Dessen Zusammensetzung dürfte maßgeblich sein für den künftigen Kurs: Haben die Gemäßigten das Übergewicht oder die Höcke-Sympathisanten?

Bereits auf dem Parteitag im April hatte AfD-Chefin Frauke Petry versucht, die Delegierten zu einer Entscheidung zwischen einem realpolitischen und einem fundamentaloppositionellen Kurs zu bewegen. Damals wollten sich die Mitglieder damit nicht befassen. Im Dezember kommen sie nicht mehr daran vorbei.

Die „Alternative Mitte“ wird sich dann für die gemäßigten Kandidaten starkmachen. Insofern es nicht zu einem unberechenbaren Mitgliederparteitag kommt, wolle man im Vorfeld natürlich Gespräche mit den Delegierten führen, sagt Berengar Elsner von Gronow. Einen Björn Höcke im Bundesvorstand gilt es aus Sicht der „Mitte“ auf jeden Fall zu verhindern.

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