Armenien und Aserbaidschan : Kämpfe um Karabach

Armenien und Aserbaidschan liefern sich in und um die Region Berg-Karabach die schwersten Gefechte seit über 20 Jahren. Worum geht es in dem Konflikt?

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Armenische Artillerie in Martakert, Berg-Karabach.
Armenische Artillerie in Martakert, Berg-Karabach.Foto: Vahram Baghdasaryan/Reuters

Der Konflikt im Südkaukasus ist fast in Vergessenheit geraten. Doch am Wochenende wurden bei Kämpfen zwischen Armenien und Aserbaidschan an der Kontaktlinie zu der Region Berg-Karabach mindestens 30 Soldaten getötet. Es waren die schwersten Gefechte seit mehr als zwei Jahrzehnten im Karabach-Konflikt, der oft als „eingefrorener Konflikt“ bezeichnet wird. Die internationale Gemeinschaft warnte vor einer Eskalation der Gewalt. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon mahnte beide Seiten, „die Waffenstillstandsvereinbarung vollständig zu respektieren“. Auch der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier forderte ein Ende der Kampfhandlungen und eine Rückkehr zu Verhandlungen. „In diesem Konflikt kann es keine militärische Lösung geben“, betonte Steinmeier.  

Die Gefechte hatten in der Nacht zum Samstag begonnen. Mindesten 18 armenische und zwölf aserbaidschanische Soldaten sollen an der Kontaktlinie zu Berg-Karabach getötet worden sein. Beide Seiten beschuldigten sich gegenseitig, die Kämpfe begonnen zu haben. Ein Sprecher des aserbaidschanischen Außenministeriums in Baku erklärte, die armenischen Streitkräfte hätten Siedlungen beschossen und dabei auch Zivilisten getötet. Stellungen der aserbaidschanischen Armee seien mit schweren Waffen beschossen worden. Dagegen erklärte das armenische Verteidigungsministerium, Aserbaidschan habe mit Panzern, Artillerie und Luftwaffe eine Offensive begonnen. Armenien schoss einen aserbaidschanischen Kampfhubschrauber ab und will nach eigenen Angaben auch mehrere aserbaidschanische Panzer und Drohnen zerstört haben. Auch die aserbaidschanische Seite erklärte, Panzer des Gegners zerstört zu haben. Beide Länder behaupten zudem, eine weitaus höhere Zahl gegnerischer Soldaten getötet zu haben als vom anderen Land zugegeben. Unabhängige Beobachter gibt es in diesem Konflikt praktisch nicht, was das Überprüfen der Angaben beider Seiten erschwert. Am Sonntag erklärte das Verteidigungsministerium in Baku, die Kämpfe würden eingestellt.

Waffenstillstand, aber kein Frieden

Immer wieder kommt es an der Kontaktlinie um Berg-Karabach zu Schusswechseln zwischen armenischen und aserbaidschanischen Streitkräften. Doch so schwere Kämpfe wie am Wochenende gab es dort seit 1994 nicht mehr. Damals verständigten sich Aserbaidschan und Armenien auf einen Waffenstillstand. In dem Krieg der beiden Südkaukasus-Staaten um das kleine Berg-Karabach waren zuvor mehr als 30 000 Menschen getötet worden, mehr als eine Million Menschen wurden vertrieben. Als beide Staaten noch Teil der Sowjetunion waren, bildete Berg-Karabach ein autonomes Gebiet innerhalb der aserbaidschanischen Sowjetrepublik. Im Zuge der Auflösung der Sowjetunion sagte sich Berg-Karabach mit armenischer Unterstützung von Aserbaidschan los, es kam zum Krieg und zu Massakern an der Zivilbevölkerung. Völkerrechtlich gehört Berg-Karabach zu Aserbaidschan, de facto ist die Bergregion aber unter Kontrolle der selbsterklärten „Republik Berg-Karabach“, die international nicht anerkannt ist. Nicht einmal Armenien hat die Unabhängigkeit Berg-Karabachs offiziell anerkannt – ein Zeichen dafür, dass die Führung in Jerewan die Region als Teil Armeniens betrachtet. Armenische Truppen halten noch immer große Gebiete Aserbaidschans an der Grenze zu Berg-Karabach besetzt.

Seit dem Waffenstillstand von 1994 vermittelt die sogenannte Minsk-Gruppe der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in dem Konflikt. Unter dem Vorsitz der USA, Russlands und Frankreichs versucht die Gruppe, durch Verhandlungen einen Friedensprozess in Gang zu bringen – bisher allerdings erfolglos. Selbst mehrere Treffen der Präsidenten Aserbaidschans und Armeniens, Ilham Alijew und Sersch Sargsjan, brachten kein Ergebnis. Bisweilen sieht es sogar so aus, als würden die Gefechte an der Kontaktlinie ausgerechnet vor den Gesprächen über eine Friedenslösung aufflammen. Als die jüngsten Kämpfe begannen, waren die beiden Staatschefs gerade beim Nukleargipfel in den USA. Ein Gespräch der Präsidenten am Rande des Treffens kam nicht zustande.

Auch Deutschland bemüht sich um Vermittlung

Der Konflikt im Kaukasus beschäftigt nun auch die deutsche Außenpolitik, weil Steinmeier in diesem Jahr Vorsitzender der OSZE ist. Der Außenminister schaltete sich am Wochenende in die Vermittlungsbemühungen ein und telefonierte mit den Außenministern Armeniens und Aserbaidschans. Am Dienstag wird Armeniens Präsident Sargsjan in Berlin erwartet. Das Auswärtige Amt will den Besuch nutzen, mit ihm und dem armenischen Außenminister „nach Wegen zu einer Konfliktlösung zu suchen“, wie es aus dem Ministerium hieß.

Der Konflikt um Berg-Karabach erhält zusätzliche Brisanz dadurch, dass Russland als Schutzmacht Armeniens in der Region gilt und Aserbaidschan enge Beziehungen zur Türkei unterhält, deren Beziehungen zu Moskau derzeit ohnehin angespannt sind. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan erklärte am Sonntag: „Wir werden Aserbaidschan bis zum Ende unterstützen.“

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