Asylpolitik : Der lange Marsch der Flüchtlinge

Sie haben sich längst strafbar gemacht. Aber sie haben sich auch befreit. Eine Gruppe Asylbewerber aus Bayern läuft nach Berlin. Ihr Marsch ist ein Protest gegen ihre Lebensumstände.

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Am 8. September liefen die Asylbewerber in Würzburg los.
Am 8. September liefen die Asylbewerber in Würzburg los.Foto: epd

Sie haben diesen Moment extra gefilmt, so wichtig war er ihnen. Als sie mitten im Nirgendwo standen, im Wald zwischen Bayern und Thüringen, kurz vor dem Örtchen Henneberg, da wo einst eine Grenze die Bundesrepublik Deutschland von der DDR trennte. Sie kramen nach ihren Ausweispapieren, halten sie in die Kamera. Deutlich ist zu lesen, was darauf geschrieben steht: „Aufenthaltsgestattung“ und „Staatliche Gemeinschaftsunterkunft“. Dann zerreißen sie die Dokumente, einer nach dem anderen, und stecken die Schnipsel in Briefkuverts. Adressat: Bundesamt für Migration, Nürnberg.

Seit vier Tagen waren sie da schon unterwegs gewesen, 15 Leute, 20, manchmal mehr. Vier Tage zu Fuß, in denen sie einige Grenzen überschritten hatten. Die erste, als sie gerade losgelaufen waren, raus aus dem bayerischen Würzburg und raus aus dem Landkreis, was sie gar nicht durften.

Denn sie sind Asylbewerber und unterliegen der gesetzlichen Residenzpflicht, was bedeutet, dass sie zu bleiben haben, wo man sie hingesetzt hat: in ihrer Unterkunft und deren Umkreis, so wie es die zuständige Ausländerbehörde erlaubt. Anfang September hatten sie genug und machten sich auf den Weg Richtung Berlin, ins Zentrum der Regierung, deren Asylpolitik sie kritisieren. Es sind über 568 Straßenkilometer, die sie laufen. „Refugee Protest March“ nennen sie die Aktion – Protestmarsch der Flüchtlinge.

Es ist ein Marsch, mit dem andauernd deutsches Recht gebrochen wird, ganz bewusst und absichtlich. Wer gegen die Residenzpflicht verstößt, begeht eine Ordnungswidrigkeit und im Wiederholungsfall eine Straftat. Im Asylverfahrensgesetz steht: „Mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer wiederholt einer Aufenthaltsbeschränkung zuwiderhandelt.“

Sie haben sich längst strafbar gemacht. Aber sie haben sich auch befreit.

„Wir machen jetzt diese Grenze für uns kaputt, und wir machen andere Grenzen kaputt“, sagt einer in der Gruppe.

Angekommen im Freistaat Thüringen, marschieren sie weiter. Einige deutsche Unterstützer begleiten den Tross mit Autos, fahren vor, kümmern sich um Essen und Übernachtung, nehmen Gepäck und Schlafsäcke mit. Sie informieren auf einer Homepage über den aktuellen Stand, setzen sich mit den Behörden auseinander. Um was es den Flüchtlingen geht, das skandieren sie auf der Strecke immer wieder lautstark: „Kein Mensch ist illegal – Bleiberecht überall.“

Die Polizei in Thüringen empfängt sie freundlich, sichert einen Kilometer des Marsches auf einer vielbefahrenen Landstraße ab, bevor es wieder in den Wald geht. Der Iraner Keyvan Shafiee sagt: „Ich kann jetzt besser atmen.“

Die Wanderung der Asylbewerber ist nicht nur ein wortwörtlicher Aufbruch. Es ist ein neues Gefühl, das sie dem erzwungenen Nichtstun, dem Eingesperrtsein, dem monate- und jahrelangen zermürbenden Warten auf einen Asylentscheid entgegensetzen.

Tag acht des Marsches, Waltershausen in der thüringischen Provinz, nicht weit entfernt von Gotha. Am Morgen um halb zehn greift Mohammed Kalali das Megafon. Laut und durchdringend ruft der schmale Mann die Menschen zusammen, während er hin und her läuft. Der Verstärker lässt seine Sätze scheppern, sie erinnern an den Weckruf eines Muezzin. „Guten Morgen, bitte alle bereitmachen, in 15 Minuten gehen wir los.“ Drei, vier Mal wiederholt der 32-Jährige das, und innerhalb kurzer Zeit kommen alle aus einem großen roten Backsteinhaus, einer nach dem anderen, die Rucksäcke in den Händen, die Wanderschuhe geschnürt. Diese Nacht haben sie nicht im Zelt verbracht, sondern in diesem teilweise sanierten Jahrhundertwendebau, ein multikultureller Treff, der von einem Verein namens „Kommune“ betrieben wird.

Keyvan Shafiee trinkt noch einen Schluck Instantkaffee aus dem Plastikbecher. Pflaster für die Füße werden herumgereicht. Das nächste Ziel ist Cobstädt, 370 Einwohner. Bis zur thüringischen Landeshauptstadt Erfurt ist es nicht mehr sehr weit. Die Strecke nach Berlin haben sie sich in 25 Etappen aufgeteilt. Wo immer sie einen Platz zum Zelten, oder, wie in Waltershausen, sogar Zimmer bekommen, übernachten sie.