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Beschneidungs-Verbot : Empörung, aber auch Verständnis aus der Türkei

29.06.2012 00:00 Uhrvon
Ein Junge bei seiner Beschneidungszeremonie. Sie gehört zur festen Tradition im Islam. Foto: dpaBild vergrößern
Ein Junge bei seiner Beschneidungszeremonie. Sie gehört zur festen Tradition im Islam. - Foto: dpa

Die Reaktionen auf das Kölner Beschneidungs-Urteil in der Türkei sind gemischt. Manche berufen sich auf die Religionsfreiheit und fürchten einen "Beschneidungs-Tourimus". Andere pflichten dem Urteil bei.

Regierung und Religionsbehörde in der Türkei haben das umstrittene Urteil des Kölner Landgerichts zur Strafbarkeit der Beschneidung heftig kritisiert. Der türkische EU-Minister Egemen Bagis nannte das Urteil eine „Dummheit“, der Chef der Auslandsorganisation der türkischen Religionsbehörde wies die Entscheidung als Angriff auf die islamische Identität zurück. Andere Beobachter kommentierten, wenn das Urteil Bestand habe, werde es einen „Beschneidungs-Tourismus“ von Muslimen in Deutschland in andere Länder geben. Das Urteil hat aber auch eine neue Debatte in der Türkei ausgelöst – und erstaunlicherweise pflichten einige Türken den deutschen Richtern bei und plädieren dafür, mit der Beschneidung bis zur Volljährigkeit zu warten.

Ausgerechnet jene, die Ankara immer an Demokratie und Menschenrechte erinnerten, offenbarten jetzt selbst ein „windschiefes“ Verständnis von Religions- und Gewissensfreiheit, erklärte Bagis. Die Anspielung des Ministers auf die häufigen Ermahnungen der EU an den Beitrittsbewerber Türkei weist auf den eigentlichen Kern der Kritik aus Ankara hin: Die Türkei wirft den Europäern schon lange vor, in Fragen der Religionsfreiheit mit zweierlei Maß zu messen und immer dann restriktiv vorzugehen, wenn es nicht um Christen geht, sondern um andere Religionen, besonders den Islam.

Kritik kam auch von der Türkisch-Islamischen Union (Ditib), die als Auslandsvertretung der staatlichen Religionsbehörde der Türkei die Ansichten Ankaras vertritt. Ditib-Chef Ali Dere erklärte, das „befremdliche“ Urteil könnte zu „Ausgrenzung und Diskriminierung“ führen. Die Entscheidung ignoriere völlig, dass die Beschneidung bei Jungen „ein religiöses Gebot im Islam und ein Identitätsmerkmal in der religiösen Tradition“ sei.

Der türkischstämmige Anwalt Oguz Sarikaya aus Köln wies nach türkischen Medienberichten darauf hin, dass kein deutscher Arzt mehr argumentieren könne, er habe von der Strafbarkeit nichts gewusst. Wenn das Urteil Bestand habe, würden viele Eltern mit ihren Söhnen zur Beschneidung in die Türkei, in die Niederlande oder nach Frankreich reisen.

In der Türkei wird die Beschneidung von Jungen – meist im Alter von sechs bis neun Jahren – von vielen Familien mit einem Fest gefeiert. Die Jungen werden ausstaffiert wie kleine Prinzen, in großen Städten gibt es „Beschneidungs-Paläste“, in denen der Eingriff wie ein Kindergeburtstag zelebriert wird. Trotz des festlichen Rahmens gibt es häufig Tränen.

Bisher gab es in der Türkei keine Debatte darüber, ob die Beschneidung die Rechte der Kinder verletzt. Seit dem Kölner Urteil ist das anders. Bei Diskussionen in Internet ließen zwar viele Kritiker der Entscheidung ihrer Verärgerung freien Lauf. Doch meldeten sich auch etliche Türken zu Wort, für die das Urteil in die richtige Richtung weist. Das Thema müsse aus Sicht der Rechte der Kinder betrachtet werden, schrieb ein Leser der Online-Ausgabe der liberalen Zeitung „Radikal“. Das „Trauma“ der Beschneidung sei ein Grund für die Macho-Kultur in der islamischen Welt.

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