Politik : Da hinkt was

Der Gesundheitsminister will die hohe Zahl von Hüft- und Knieoperationen reduzieren – und erntet prompt Widerspruch.

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Berlin - Es ist ein Thema mit großem Erregungspotenzial, und Daniel Bahr muss das gewusst haben. Wer die hohe Zahl von Hüft- und Knieoperationen beklagt, sieht sich sofort dem Verdacht ausgesetzt, an der gesundheitlichen Versorgung älterer Menschen sparen zu wollen. Philipp Mißfelder lässt grüßen. Den Chef der Jungen Union hat die Bemerkung im Tagesspiegel, er halte „nichts davon, wenn 85-Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekommen“, vor neun Jahren fast die politische Karriere gekostet.

Nun also der Gesundheitsminister, wenn auch in ganz anderer Zielrichtung und Tonlage. Deutschland gelte als „Weltmeister bei den Endoprothesen für Knie und Hüften“, sagte der FDP-Politiker im Zusammenhang mit aktuellen Geldforderungen der Krankenhäuser. Und dass Krankenkassen und Experten bezweifelten, ob die damit verbundenen „Fallzahlsteigerungen“ notwendig seien. Von Altersgrenzen kein Wort. Von einer Überforderung der Sozialsysteme durch übertriebene Patientenansprüche auch nicht. Die Gesundheitspolitiker der Koalition wollen nur ein wenig mehr von dem, was im deutschen System als Steuerungsinstrument Usus und womöglich auch unverzichtbar ist: finanzielle Abschläge bei bestimmten Mengenüberschreitungen. 2011 brachte diese Art Rabatt die Kliniken bereits um 350 000 Euro.

Trotzdem schaffte es Bahr mit grimmigem Gesicht und großer Überschrift in die „Bild“-Zeitung, die ihm unterstellte, alten Menschen künftig nicht mehr alle Operationen zahlen zu wollen. Die Reaktionen ließen nicht auf sich warten. CDU-Sozialausschüsse und SPD warnten vor Rationierung, die Senioren-Union sprach sogar von „Selektion“. Alles „ vollkommener Unsinn“, beeilte sich Bahr zu versichern. Jeder könne sich darauf verlassen, die notwendige Behandlung und Operation zu erhalten. Dafür erhielten die Kliniken künftig sogar mehr Geld als bisher. Gerade eben nämlich haben sich Union und FDP auf eine Finanzspritze von 300 Millionen Euro für die Kliniken geeinigt – als Ausgleich für die Tarifsteigerungen.

Auch die Experten aus CDU und CSU sahen sich zur Klarstellung genötigt. Die Union stehe „seit jeher dafür, dass jeder in Deutschland unabhängig vom Alter oder Einkommen medizinisch notwendige Leistungen erhält“, sagte ihr Fraktionssprecher Jens Spahn. Dazu gehörten „ausdrücklich auch Hüft- oder Knieoperationen“. Jedoch wolle man die Menschen vor unnötigen Eingriffen schützen, „die nur gemacht werden, damit das Krankenhaus oder der Arzt Kasse machen kann“.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts wurden 2010 rund 214 000 künstliche Hüftgelenke und 158 000 Kniegelenke eingesetzt. Das ist im Vergleich zu 2005 eine Steigerung um 9,3 beziehungsweise 18,4 Prozent. Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und orthopädische Chirurgie findet dies, angesichts von Alterung und medizintechnischer Fortschritte, nicht sehr aufregend. Zudem seien darin teilweise auch Frakturen und Revisionseingriffe enthalten, was die internationalen Vergleiche „sehr stark hinken“ lasse, sagte Generalsekretär Fritz Uwe Niethard dem Tagesspiegel. Die Frage, welche Operationsrate angemessen sei, werde seit 30 Jahren diskutiert, erinnerte er. Eine allgemeingültige Antwort gebe es nicht, schließlich spielten demografische Veränderungen bei der Beurteilung eine wesentliche Rolle. Es sei für Deutschland aber keine Alternative, das niedrige Niveau Rumäniens anzustreben und Menschen mit Hüft- oder Knieproblemen wieder „in den Lehnstuhl“ zu verbannen. „Politiker, die 70-Jährigen verbieten wollen, aktiv zu sein, werden ein Problem bekommen“, warnte der Aachener Orthopäde.

Ein Problem allerdings gibt es auch im Umgang mit Nachlässigkeiten – und dort ließe sich richtig sparen: In Pflegeheimen werden pro Jahr mehr als eine Million Stürze registriert. Die Jahreskosten für Sturzprophylaxe lägen pro Heim bei maximal 6000 Euro, rechnet die Deutsche Hospizstiftung vor. Schon die Behandlung einer einzige Hüftfraktur komme teurer.

Informationen zu Operationen

im Krankenhaus und zu Behandlungsalternativen:

         www.gesundheitsberater-berlin.de

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