Das Scheitern der Babyboomer : Politik aus einem gallischen Dorf

Die Sorglosigkeit einer ganzen Generation erweist sich in diesen Zeiten als politische Naivität. Ein Kommentar.

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So war es einmal, so wird es nie wieder: Zwei Babyboomer bei der Arbeit.
So war es einmal, so wird es nie wieder: Zwei Babyboomer bei der Arbeit.Foto: Ehapa

Der erste „James Bond“-Roman erschien 1953, das erste „Asterix und Obelix“-Heft 1959. Wie wenig sich der kulturelle Kontext seitdem verändert hat, zeigt, dass vor drei Wochen der 36. Asterix-Comic auf den Markt gekommen ist und seit gestern ein neuer Bond-Film in den Kinos gezeigt wird. Seit den 50er Jahren setzt sich so, mit großem Erfolg, ein vertrautes Leben fort: Gallier gegen Römer.

Der Blick zurück ist eine Flucht vor der Zukunft

Angela Merkel ist ein Jahr jünger als James Bond, Sigmar Gabriel ist genauso alt wie Asterix und Obelix. Sie gehören alle zu einer Generation und zur Erzählung dieser Generation gehört das Gefühl, gegen alle Gefahren gewappnet zu sein. Den Babyboomern ist genauso wie Bond nie etwas passiert, sie sind unbeschadet aus der Geschichte hervorgegangen. In dieser Welt gibt es zur Not einen Zaubertrank.

Die Langlebigkeit beider Erzählungen ist Ausdruck historischer Kontinuität – Antike und Kalter Krieg blieben leicht vermittelbar. Die aktuellen Versionen deuten jedoch an, dass diese Kontinuität an ihr Ende gerät: Der neue Asterix-Band thematisiert auf verspielt-anspruchsvolle Weise seine eigene Literaturgeschichte und auch die jüngsten Bond-Filme leben thematisch von der Selbstreferenz. Der Blick zurück ist eine Flucht vor der Zukunft und kann kaum verdecken, dass sich die Sorglosigkeit dieser Generation in diesen veränderten Zeiten zunehmend als politische Naivität erweist.

Der Zaubertrank der Babyboomer war das Erbe, das ihnen in den Schoß gefallen ist: ein stabiles politisches System, klare ideologische Weltbilder und viel Geld. Jetzt, da dieses Erbe durch Krisen erschüttert wird, zeigt sich, wie schlecht diese Generation gehaushaltet hat – und wie gering das politische und ökonomische Erbe ist, das sie selbst der nächsten Generation übergibt: Das europäische Projekt wurde abgewirtschaftet, ohne dass an seine Stelle etwas Neues gerückt worden wäre.

In dem Europa, das übrig geblieben ist, versteckt sich François Hollande, derselbe Jahrgang wie Merkel, hinter den Palisaden seines gallischen Dorfes vor der Realität und in Bezug auf Putin und Erdogan wagt keiner mehr zu sagen, ob sie Römer oder doch Gallier sind. Gleichzeitig brüllen sich die Deutschen an, als stünde Hitler vor der Tür, und die Briten ergreifen die Flucht. Der Kraftakt für Griechenland hat nicht einmal sicherstellen können, dass das Land seine geostrategische Aufgabe in der Flüchtlingsfrage erfüllt. Es ist niemand zu sehen, der den nächsten Band von diesem Europa zeichnen will.

Politik à la Bob Dylan

Das Erben vergangener Leistungen hat, anders als das Gesöff des Druiden Miraculix, offenbar ermattende Wirkung. Ökonomische Goldfinger oder neue Vermögen hat diese Generation schließlich wenige hervorgebracht, der globalen Digitalisierung der Welt hat diese Generation kein deutsches Google oder europäisches Apple hinzugefügt. Nichts zu sehen, was – wenn die Auto-Industrie einmal an Bedeutung verloren hat, was nun abzusehen ist – die wirtschaftliche Zukunft des Landes sichern könnte.

Selbst beim Kernanliegen dieser Generation, der Ökologie, fehlt ein wirkliches Verantwortungsgefühl. „Immer noch umweht ökologische Fragen eine Hoffnung auf Eindeutigkeit, eine Sehnsucht nach einer moralischen Klarheit, die aus den Niederungen des Alltags herausragt; aber das ist in einer Zeit voller politisch-moralischer Ambivalenzen keine hilfreiche Vision“, schreibt Frank Uekötter in seinem gerade bei Vandenhoeck & Ruprecht erschienenen Buch „Deutschland in Grün. Eine zwiespältige Erfolgsgeschichte“.

Wie Bob Dylan, einem der Helden dieser Generation, der seit Jahren ununterbrochen auf Tour ist, ohne Anfang und ohne Ende, geben auch Angela Merkel und Sigmar Gabriel ihrer politischen Erzählung keine Struktur, keinen Ausgangspunkt, kein Ziel, nicht einmal Moral: heute mit Grenzen, morgen ohne Grenzen, mal ohne Erdogan, mal mit ihm.

Den Babyboomern fehlt, das ist ihr Schicksal, die politische und ökonomische Erfahrung, aber auch die intellektueller Neugier und Klarheit, die in diesen Zeiten notwendig geworden sind. Sie führen dieses Land so merkwürdig unbefangen, als ob es bei allem noch einen zweiten Versuch gäbe. Als ob man zur Not noch immer bei Jürgen Habermas, dem Vordenker von gestern, nachfragen könnte, wie man moralisch bella figura macht.

Die Babyboomer sind – im Widerspruch zu ihrem moralischen Selbstverständnis – in Wahrheit Verbraucher: Als schwäbische Hausfrauen verkleidete Plünderer der Speisekammer. Ihr Erbe müsste man, wenn man es könnte, ausschlagen.

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