• David Harris vom American Jewish Committee: „Israel ist die einzige standhafte Demokratie in der Region“

David Harris vom American Jewish Committee : „Israel ist die einzige standhafte Demokratie in der Region“

David Harris, Direktor des American Jewish Committee, warnt im Tagesspiegel-Interview vor den Folgen der Unruhen im Nahen Osten, lobt das Verhältnis zwischen dem jüdischen Staat und Deutschland und setzt auf die transatlantische Partnerschaft.

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David Harris, Chef des American Jewish Committee.
David Harris, Chef des American Jewish Committee.Foto: Reuters

David Harris (65) gehört zu den profiliertesten jüdischen Stimmen in den USA. Mit kurzen Unterbrechungen arbeitet der geborene New Yorker seit 1979 für das American Jewish Committee (AJC). An der Spitze der 1906 gegründeten Organisation steht Harris seit 1990. Zu den Aufgaben des AJC gehört nach eigener Darstellung unter anderem, auf das Wohl und die Sicherheit amerikanischer Juden zu achten, Antisemitismus zu bekämpfen, Bürgerrechte zu verteidigen und sich für Israels Wohlergehen zu engagieren.

Herr Harris, vor kurzem gab es heftige Kämpfe an der syrisch-israelischen Grenze. Im Irak sind fanatische Islamisten auf dem Vormarsch. Iran und Jordanien haben ihre Armeen in Alarmbereitschaft versetzt. Welche Folgen haben die Konflikte in der Region für den jüdischen Staat?
Diese Kämpfe rufen nachdrücklich Grundsätzliches in Erinnerung. Erstens: Diejenigen, die glauben, der israelisch-arabische Konflikt sei der Schlüssel zum Verständnis des Nahen Ostens, liegen falsch. Man muss vielmehr davon ausgehen, dass die Kluft zwischen Sunniten und Schiiten ein bestimmender Faktor ist. Auch die Defizite der arabischen Welt etwa in den Bereichen Demokratie und Bildung müssen berücksichtigt werden.

 Und zweitens?
Europa darf nicht außer Acht lassen, dass es nur eine verlässliche und standhafte Demokratie im Nahen Osten gibt: Israel. Das sollte man nicht für selbstverständlich halten, sondern zu schätzen wissen. Drittens führen uns die Konflikte in der Region nochmals deutlich vor Augen, wie die Realität in Israels unmittelbarer Nachbarschaft aussieht. Das sollte gerade jenen zu denken geben, die dazu tendieren, die Bedrohung an Israels Grenzen kleinzureden oder gar zu ignorieren.

 Inwiefern sollte das zu denken geben?

Israel teilt nun mal eine Grenze mit Syrien. Und eine mit dem von der Hisbollah dominierten Libanon. Und nur Jordanien trennt Israel vom Irak. Heute kann keiner sicher vorhersagen, wie es in der Region, sagen wir, in einem Jahr aussehen wird. Israel muss all das berücksichtigen, wenn es um die Beurteilung der eigenen geopolitischen Situation und Sicherheitsinteressen geht.

 Sie führen in dieser Woche Gespräche mit Vertretern der Bundesregierung. Was kann Deutschland für Israels Sicherheit tun?
Deutschland hat schon sehr viel für die Sicherheit Israels getan und wird - darauf vertrauen wir - in Zukunft noch mehr tun. Als stärkstes Land in Europa spielt Deutschland eine wesentliche Rolle für Israel. Das gilt sowohl für die bilateralen Beziehungen als auch für die Verbindungen zwischen Israel und der Europäischen Union. Zudem kommt Deutschland bei den Verhandlungen über eine Lösung für das iranische Atomprogramm eine Schlüsselrolle zu. Was aus den nuklearen Ambitionen des Iran wird, ist eine für Israel lebenswichtige Frage. Immerhin hat Teheran schon nach einer Welt ohne Israel verlangt und ist einer der führenden Unterstützer der Hisbollah und der Hamas - Terrorgruppen, die auf die totale Vernichtung Israels hinarbeiten.

 Es gibt allerdings Verstimmungen zwischen Berlin und Jerusalem: Deutschland will Israel beim Kauf von Kriegsschiffen womöglich keinen Rabatt mehr gewähren. Verabschiedet sich die Bundesrepublik von ihrer Staatsräson, nach der Israels Sicherheit deutsche Staatsräson ist?
Nein. Ich glaube nicht, dass sich Deutschland von diesem Eckpfeiler seiner Außenpolitik verabschiedet. Wir sollten keinesfalls den Fehler machen, Differenzen im täglichen politischen Geschehen mit fundamentalen Richtungsentscheidungen zu verwechseln. Auch zwischen engen Verbündeten kann es mal Unstimmigkeiten geben. Aber sie stellen das grundsätzliche und fortdauernde gemeinsame Interesse beider Länder an einer nachhaltigen Partnerschaft nicht infrage.

 Auch beim jüdischen Siedlungsbau liegen die deutsche und die israelische Regierung über Kreuz. Wie belastbar ist das Verhältnis?
Es ist kein Geheimnis, dass der Siedlungsbau die Beziehungen belastet. Aber wird dadurch das deutsche Bekenntnis zur Notwendigkeit eines jüdischen Staates infrage gestellt? Oder die deutsche Anerkennung der Tatsache, dass sich Israel weiterhin mit einer außerordentlichen Bedrohung seiner Sicherheit in einer Krisen-Region konfrontiert sieht? Oder die fortdauernde historische Verantwortung Deutschlands für Israel? Nein, nicht für einen einzigen Moment, davon bin ich überzeugt.

Kommendes Jahr wird mit vielen Veranstaltungen an den 50. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Ländern erinnert. Was gibt es zu feiern?
Sehr viel! Zum Beispiel, dass beide Länder inzwischen eine einzigartige Beziehung verbindet. Eine, die mit keiner anderen in der Welt vergleichbar ist. In den vergangenen 50 Jahren gab es so viel Positives, dass damit ganze Bücher gefüllt werden könnten.

 Worauf ist das zurückzuführen?

Vor allem auf das Vermächtnis der Visionen und des Mutes zweier großer Politiker: David Ben Gurion und Konrad Adenauer. Die vergangenen 50 Jahre machen deutlich, dass es besser ist, eine Kerze anzuzünden als die Dunkelheit zu verfluchen. Und seit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen hat es eine Menge Licht, Hoffnung und Versprechen für die Zukunft gegeben – und dies vor dem Hintergrund des schrecklichsten Verbrechens in der Geschichte der Menschheit, der organisierten, industrialisierten und beispiellosen Völkermordmaschinerie der „Endlösung“ durch die Nazis.

 Es gab in den vergangenen Monaten auch einige Turbulenzen in den transatlantischen Beziehungen, vor allem durch den NSA-Skandal. Glaube Sie, dass die Beziehungen unbeschadet fortgesetzt werden können?
Davon gehe ich fest aus. Unsere Welt wird immer unübersichtlicher und gefährlicher. Am Horizont sind unheilvolle Wolken aufgezogen. Wo es vermeintlich oder tatsächlich ein Machtvakuum gab, sind verantwortungslose Staaten oder nicht-staatliche Akteure in Erscheinung getreten und haben Wellen der Gewalt und des Extremismus hervorgerufen. Auch die Menschenrechte wurden und werden mit Füßen getreten.

 Und daraus folgt?

Die größte Hoffnung für unsere Welt bleibt die Allianz der demokratischen Staaten, geführt von Europa und den Vereinigten Staaten. Uns verbinden nicht nur im Kern übereinstimmende Interessen, sondern auch gemeinsame Werte – den Schutz der Menschenwürde, die friedliche Lösung von Konflikten, die Herrschaft des Rechts und den Schutz von Minderheiten. Das American Jewish Committee wird weiterhin eine deutlich vernehmbare Stimme sein, die diese Punkte betont. Denn wir glauben, dass die Zukunft unserer Welt davon abhängt, dass die transatlantische Partnerschaft robust und von Entschlossenheit geprägt bleibt.

Das Gespräch führte Christian Böhme.

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