Demonstration am kommenden Wochenende : Muslime gegen Terror

Die Initiative für eine Demonstration am Wochenende in Köln findet breite Unterstützung. Veranstalter betonen das Engagement für Demokratie und eine offene Gesellschaft.

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Protest von Londoner Muslimen gegen den IS. Nach den Anschlägen von Manchester und London verweigerten etwa 130 Imame den Tätern das Bestattungsgebet. Foto: Odd Andersen/AFP
Protest von Londoner Muslimen gegen den IS. Nach den Anschlägen von Manchester und London verweigerten etwa 130 Imame den Tätern...Foto: AFP

Von Köln soll an diesem Wochenende ein deutliches Zeichen ausgehen: „Mit uns nicht“ heißt die Demonstration, zu der die Islamwissenschaftlerin und Lehrerin Lamya Kaddor und der muslimische Aktivist Tarek Mohamad für den kommenden Samstag aufgerufen haben. Das Treffen auf dem Kölner Heumarkt, bewusst auf ein besonderes Datum der deutschen Geschichte gesetzt, den Aufstand des 17. Juni 1953, soll ein Zeichen der Abgrenzung gläubiger Muslime gegen die setzen, die unter Berufung auf den Islam töten.

Auch wenn „der Widerstand gegen die Terroristen, diese Verbrecher und verblendeten Fanatiker, uns alle in die Pflicht“ nehme, erklären die Initiatoren, gelte das doch besonders für Muslime. Es sei „unser Glaube, der hier missbraucht wird, der hier beschmutzt, beleidigt und bis zur Unkenntlichkeit entstellt wird“. Man will sich aber vor allem positiv engagieren: Demokratie und eine offene Gesellschaft seien ebenso sehr Anliegen von Muslimen wie anderer Menschen.

Nicht die erste Anti-Terror-Demo von Muslimen

Die Basis für die Initiative von zwei Privatpersonen wird unterdessen immer breiter. Nicht nur Muslime und die beiden Islamverbände ZMD und Ahmadiyya unterstützen sie, sondern auch Nordrhein-Westfalens SPD, die Kölner FDP und Politikerinnen wie die CDU-Abgeordnete Cemile Giousouf und der Linken-Parteichef Bernd Riexinger. Unter den prominenten deutschen Muslimen sind Professoren der neuen Zentren für Islamische Theologie wie Bülent Ucar (Osnabrück), Mouhanad Khorchide (Münster) und die Hamburger Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur, die Imamin Rabeya Müller, aber auch Künstler wie der Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels Navid Kermani, der Schriftsteller Feridun Zaimoglu, die Comedian Idil Baydar und die Moderatorin Nazan Eckes. Der größte islamische Verband Ditib will in dieser Woche entscheiden, ob er mit dabei ist. Sein Sprecher Bekir Alboga hatte sich Anfang der Woche bereits positiv geäußert.

Am Dienstag stellte sich auch die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, die SPD-Politikerin Aydan Özoguz, hinter den Kölner Friedensmarsch. Wer grausame Attentate begehe, habe „kein Recht, sich auf eine Religion zu berufen“, erklärte Özoguz, die gläubige Muslima ist. Deshalb sei es gut, „gemeinsam und sichtbar immer wieder“ die zu verurteilen, die vermeintlich im Namen des Islam handeln.

„Immer wieder“, das betont nicht nur Özoguz. Auch die Veranstalter des Kölner Treffens machen deutlich, dass ihre Initiative nicht die erste ihrer Art sei. In Deutschland wie im Ausland protestierten immer wieder Muslime gegen islamistische Gewalt – so auch nach dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz im vergangenen Dezember. Nach dem Anschlag auf die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ lud im Januar 2015 der Zentralrat zu einer Mahnwache am Brandenburger Tor, Tausende kamen damals. Dabei waren auch jüdische und Kirchen-Vertreter, der Bundespräsident, die Kanzlerin und andere Prominente. Der Großverband Ditib kann sich die Organisation der bisher größten muslimischen Demonstration gutschreiben, auch sie fand in Köln statt. Im November 2004 versammelten sich dort 20 000 Menschen „für Frieden und gegen Terror“ – ebenfalls unter reger Teilnahme der Politik.

"Es ist deprimierend, immer in Sippenhaft genommen zu werden"

Das hat die Rufe nicht verstummen lassen, die Muslime täten nichts. Der Konzertveranstalter Marek Lieberberg hatte beispielsweise nach dem Verdacht eines Anschlags auf „Rock am Ring“ zu Pfingsten erklärt, er habe „bisher noch keine Muslime gesehen, die zu Zehntausenden auf die Straße gegangen sind und gesagt haben: Was macht ihr da eigentlich?“ Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu, nannte den Vorwurf „schlichtweg falsch“.

Dass der Eindruck falsch ist, nutzt den deutschen Muslimen bisher wenig, musste auch Lamya Kaddor feststellen:, „Es ist zwar absurd, sich von etwas distanzieren zu müssen, wozu es keine Nähe gibt“, seufzte sie dieser Tage in einem Interview, „aber es wird offenbar auch von der normalen Bevölkerung bisher zu wenig wahrgenommen, dass Muslime in Deutschland den Terror in jeder Form ablehnen“. Jeder Anschlag mache sie persönlich betroffen, sagt die Gründerin eines liberalen Muslimverbandes, des Liberal-Islamischen Bunds. Nach jedem Anschlag sei es deprimierend, in Sippenhaft genommen zu werden.

So soll die Veranstaltung in Köln auch mit der Beteiligung noch einmal ein Zeichen setzen. Kaddors Mitveranstalter Mohamad sprach von bis zu 10 000 Teilnehmern. Möglich seien aber auch halb so viele – oder 25 000.

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