Politik : Der Unvollendete

Rainer Barzel hätte Kanzler werden können und scheiterte knapp. An diesem Sonntag wird der Unionspolitiker 80

Hermann Rudolph

Berlin - Er war einer der großen Namen der Politik, als die alte Bundesrepublik noch jung war. Selbst die Kanzlerschaft war für ihn zum Greifen nahe. Doch im dramatischsten Augenblick der Geschichte der alten Bundesrepublik, dem gescheiterten Misstrauensvotum gegen Willy Brandt im April 1972, blieb für Rainer Barzel nur der undankbare Part des Herausforderers, gegen den sich die Umstände verschworen hatten, eingeschlossen – wie wir inzwischen wissen – die Stasi. Die spektakuläre Niederlage der Union in der Novemberwahl im gleichen Jahr hat schon sein politisches Schicksal besiegelt. Sie machte ihn, der für die CDU in den Sechzigerjahren der Mann von morgen war, zum Mann von gestern.

Bis dahin hatte Barzel zu den glänzendsten Vertretern der Generation gehört, die blutjung in den Krieg geriet, um, wenn sie ihn überlebte, ehrgeizig und lebenshungrig ihren Platz in der Nachkriegsgesellschaft zu suchen. Nichts von den Stationen, die die Zeit für sie bereithielt, fehlt bei diesem Ostpreußen, der in Berlin aufwuchs: vier Jahre Offizier bei der Luftwaffe, Jurastudium, Frühstart in die Politik. Mit 33 Jahren war er Bundestagsabgeordneter, jüngster Minister unter Adenauer, CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender. In dieser Rolle managte er effektiv – mit dem Generationsgenossen Helmut Schmidt – die Große Koalition.

Dass Barzel scheiterte, hat viele Gründe. Das glücklose Agieren der Union nach dem Ende der Ära Adenauer, gehört dazu, aber auch sein Naturell. Nie konnte Barzel, der doch unbestritten eine hohe Politik-Begabung war, das Attribut des Glatten, Technokratischen und allzu Wendigen abschütteln. Im Streit um die Ostpolitik fiel er seinem eigenen Taktieren zum Opfer, unfähig, den Knoten zu lösen, in dem sich Hardliner und Liberale in der Union verstrickt hatten. Im politischen Zitatenschatz erhielt sich sein Resignations-Bekenntnis: „Ich gucke da nicht mehr durch.“

Hätte er sich, so kann man fragen, im höchsten Amt bewährt? Man weiß es nicht. Der zweimalige Minister für innerdeutsche Zusammenarbeit – unter Adenauer und Kohl – blieb Episode, auch wenn die Anbahnung der Gefangenen-Freikäufe aus der DDR zu seinen Verdiensten gehörte. In der Ära Kohl fasste er, obwohl gerade in den Sechzigern, nicht mehr politisch Fuß. Eine Folge des Kampfes, den er sich mit Kohl um den Parteivorsitz geliefert hatte, wobei dieser siegte? Das Unglück eines Mannes, der seine Chance verpasst hatte? So ist Rainer Barzel, dessen Leben auch von persönlichen Schicksalsschlägen nicht verschont blieb, das vielleicht denkwürdigste Beispiel einer unvollendeten, ja in vollem Lauf gebrochenen Politiker-Karriere geblieben. An diesem Sonntag wird er 80 Jahre alt.

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