Die AfD bei den Landtagswahlen : Kulturkampf um Mecklenburg-Vorpommern

Die AfD testet zur Landtagswahl Strategien für den Bund 2017 – ihr Spitzenkandidat ist der Radiomoderator Leif-Erik Holm.

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AfD-Spitzenkandidat Leif-Erik Holm (links) und die Bundesvorsitzende Frauke Petry im Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern Foto: AFP/Tobias Schwarz
AfD-Spitzenkandidat Leif-Erik Holm (links) und die Bundesvorsitzende Frauke Petry im Wahlkampf in Mecklenburg-VorpommernFoto: AFP/Tobias Schwarz

Marcus Fein sitzt an einem Sommertag in einem Paradies aus grünen Wiesen, roten Rosen und einem blauen Teich unter altehrwürdigen Bäumen – und ärgert sich über die AfD. Ein paar Kilometer entfernt von der Ostsee, hinter Kühlungsborn gelegen, ist der Intendant der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern ins Gut Groß Siemen gereist, um eines der vielen klassischen Konzerte dieses Sommers zu hören. Eigentlich ist die Welt hier, im Hinterland des Meeres, wunderschön und ziemlich in Ordnung. Fein ist trotzdem wütend. Der ehemalige Programmleiter der Berliner Philharmoniker sieht sich als kulturellen Anstifter einer neuen Identität, einer positiven Identifikation im Land. Er will helfen, Kultur zu bewahren, die Festspiele gehen auch an Orte, die weniger romantisch sind. Hier in Groß Siemen ist es eine uralte Kulturlandschaft.

Kurz vor dem Konzert junger Nachwuchstalente treibt es Fein, wenn er über die AfD sprechen soll, „die Zornesröte ins Gesicht, dass diese Partei die Kultur für sich reklamiert und so tut, als könne nur sie regionale Kultur, eine Kultur auch der eigenen Heimat, schützen. Das ist natürlich ganz großer Unsinn.“

Ein paar Autostunden von Gut Groß Siemen entfernt sitzt wiederum mitten in Berlin, Hackescher Hof, der Mann, der Fein so wütend macht: Leif-Erik Holm, 45 Jahre, wird am 4. September als Spitzenkandidat der Alternative für Deutschland in den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern einziehen. Das ist gewiss. Ungewiss ist, ob er dies, wie er behauptet, als stärkste Partei tun darf oder, was den Erfolg nicht mindern würde, nur als zweitstärkste Kraft hinter der SPD. Während die SPD, die mit Erwin Sellering den Ministerpräsidenten stellt, in den jüngsten Umfragen bei 28 Prozent liegt, ist die AfD bei 21 Prozent – ein Prozent hinter der CDU.

Der AFD-Spitzenkandidat kann gut reden und sieht gut aus

Einst war der AfD-Landeschef Radiomoderator, und es gibt führende Leute in der Bundes-AfD, die darin Holms größte Kompetenz sehen: Er könne gut reden, rede sich vor allem nicht um Kopf und Kragen und sehe passabel aus. Im engen Zirkel der Bundespartei um Frauke Petry oder Alexander Gauland spielt Holm keine Rolle. Dabei sagt er Sätze wie diesen: „Die Angst vor der Überfremdung und dem Verlust der deutschen Identität ist nicht irrational, sondern durch Zahlen belegt. Ich persönlich fühle diese Angst, dass wir Deutschen eines Tages kulturell untergehen könnten, so wie es in manchen Stadtteilen schon passiert ist“ und lächelt dabei stets charmant und so freundlich, als hätte sein Aussage gar keine wirkliche Bedeutung.

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Holm, verheiratet, ein Sohn, bis vor kurzem Mitarbeiter der Europaabgeordneten Beatrix von Storch, ist in Schwerin geboren. Seine Eltern leben noch in einem nahegelegenen Dorf, er pendelt zwischen Berlin und Dorf. Direkt nach der Wende machte er sein Abitur und studierte später an der Humboldt-Universität Wirtschaft. Anfang der Neunziger bewarb sich Holm bei dem damals neuen Privatsender Antenne MV, wo er zunächst Werbung einsprechen musste. Mitarbeiter, die sich erinnern, sagen: Er hatte Talent zum Reden und wurde Moderator in der Prime-Time, das ist im Radio der Morgen. Doch so gut wie er selbst glaubte zu sein, sei er nicht gewesen. Als er zu einem viel größeren Sender nach Hessen wechselte, durfte er nur am Abend und nachts moderieren. Nach der Rückkehr nach Mecklenburg-Vorpommern arbeitete er noch einige Jahre beim alten Sender, bis ihm der Vertrag nicht mehr verlängert wurde. Da hatte Holm schon eine neue Existenzgrundlage entdeckt – die AfD.

Zu den realen Problemen im Bundesland sagt die AFD nicht viel.

Wenn man Holm nach den eigentlichen Problemen in Mecklenburg-Vorpommern fragt, hat er nur vage Antworten: Familien soll es besser gehen, mehr Kinder, mehr Sicherheit, mehr Polizei. Aber natürlich sind er und die AfD auch gegen Windkraft und glauben nicht an den Klimawandel. Für die Bundesspitze der AfD ist die Landtagswahl eine weitere Testwahl für das eigentliche Ziel: die Bundestagswahl 2017. Deshalb spielen Landesthemen keine Rolle: Es reicht, hat man festgestellt, wenn man die etablierten Parteien und insbesondere Kanzlerin Merkel diskreditiert.

Es geht um die Aktivierung eines diffusen Gefühls bei Menschen, die nicht mehr wissen, wem sie vertrauen können. Auf den Wahlkampfbühnen in Mecklenburg- Vorpommern halten die AfD-Leute stoisch ihre immer gleichen Reden. Es sind merkwürdig inhaltsleere Parolen, die verfangen, weil die AfD sich als unverbraucht und patriotisch feiert. „Wir Ossis sind zäh“, findet Holm, „wir haben mit der Muttermilch aufgesogen, wie wichtig Freiheit ist.“ Die Arbeitslosigkeit, noch immer die höchste im Land, der abgehängte ländliche Raum, wo die etablierte Politik kaum noch präsent ist, die demografischen Probleme in aussterbenden Dörfern – das, was die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern wirklich bedrängen könnte, es spielt bei der AfD keine Rolle.

Markus Fein hat auch keine Antwort auf die Frage, warum die AfD es trotzdem so leicht hat. Er vermutet, dass es wie so oft um Identität und Stolz geht. Vielleicht ist den Menschen hier zu lange gesagt worden, dass sie Abgehängte seien. „Es muss gelingen, diesem Stigma der ewig armen Provinz eine neue Geschichte entgegenzusetzen. Das Land muss anders über sich kommunizieren. Selbstbewusster.“ Das hat die AfD kapiert.

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