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Eine Deutsche in Tel Aviv : Mein erster Bombenalarm

16.11.2012 15:15 UhrVon Anna Rau
Bombenalarm: Eine junge israelische Familie bringt sich in Tel Aviv in Sicherheit.Bild vergrößern
Bombenalarm: Eine junge israelische Familie bringt sich in Tel Aviv in Sicherheit. - Foto: dpa

Anna Rau lebt seit einigen Jahren in Tel Aviv. Hier berichtet sie, wie sie ihren ersten Bombenalarm erlebt hat - und erzählt, warum man in so einer Situation nicht barfuß sein sollte, warum sie Käse statt Konserven kauft und warum ihre israelischen Freunde erstaunlich entspannt bleiben.

Vor einer Stunde habe ich meinen ersten Bombenalarm erlebt. Bisher kannte ich die Sirenen nur von Gedenktagen oder militärischen Übungen und war vorgewarnt, dieses Mal fühlte es sich anders an.

Seit Beginn der Operation „Säule der Verteidigung“ sind fast 300 Raketen in Israel gelandet, was ich als junge Deutsche in Tel Aviv ein wenig beunruhigend finde. So wirklich traue ich mich aber nicht, diese Beunruhigung mit meinen israelischen Freunden in Tel Aviv zu teilen. Denn die winken nur ab und sagen, ich würde überreagieren, weil ich Europäerin bin.

Sie dagegen seien diese Nachrichten gewöhnt.

Also telefoniere ich heimlich mit meinen nicht-israelischen Freunden, um die Nachrichten zu analysieren. Wir sind uns bewusst, dass wir ein bisschen hysterisch reagieren, aber es bleibt ja unter uns.

Einen Tag nach Beginn der Operation lässt sich langsam aber auch Beunruhigung in Tel Aviv spüren. Israelis sind Raketen aus dem Gazastreifen gewöhnt. Zwar nicht in dieser Anzahl, aber es gibt regelmäßig Einschläge im Süden. In Tel Aviv ignoriert man dies meistens. Und dass man in Sderot bei Luftalarm 15 Sekunden hat, um zu einem Bunker zu gelangen, wird zwar in Diskussionen manchmal erwähnt, hat hier aber noch keinen von seinem Nachmittagskaffee oder seinem Bier am Abend abgehalten.

Diesmal ist es anders. Die Frage, ob oder wann die ersten Raketen in Tel Aviv landen werden, wird in den Medien und nun auch auf den Straßen Tel Avivs diskutiert, wenn auch sehr lapidar und unbeteiligt. Vor ein paar Stunden stand ich im Supermarkt in der Schlange, als ein weiterer Einkäufer den Supermarkt betrat und in die Runde fragte ob auch alle gehört hätten, dass in Rishon LeZion, zwölf Kilometer südlich von Tel Aviv, eine Rakete eingeschlagen sei. „Ja, und wurde ja auch langsam Zeit,“ scherzte einer, „sonst fängt man bald an zu denken, dass sie in Rishon schlechtere Zionisten als im Süden sind.“

Ich ging mit meiner Packung Käse nach Hause und klopfte mir in Gedanken selbst auf die Schulter, dass ich aus lauter Panik nicht tütenweise Konserven eingekauft hatte.

Sicher, zuhause angekommen ging nach wenigen Minuten der Bombenalarm los. Ich hatte zwar E-Mails erhalten, was ich im Falle eines Bombenalarms machen sollte - aber diese Tipps waren auf einmal wie wegradiert. Das einzige, was mir in den Sinn kam, waren Kinderbücher wie „Nelly wartet auf den Frieden“, in denen bei Fliegeralarm die Fenster verdunkelt werden mussten. Also schaltete ich schnell alle Lichter aus und setzte mich weit weg vom Fenster. Mir dämmerte, dass dies nicht wirklich helfen würde, aber ich hatte doch keine Schuhe an!

Als es nach etwa einer Minute eine laute Explosion gab und der Alarm aufhörte, fing mein Telefon sofort an zu klingeln, während mir bewusst wurde, dass ich nächstes Mal – barfuß oder nicht – doch besser das oberste Stockwerk verlasse und mich, wenn schon nicht in einen Bunker, dann wenigstens unten ins Treppenhaus stelle.

Meine europäischen und amerikanischen Freunde schickten Nachrichten und riefen an um zu fragen, ob alles in Ordnung sei oder um Verabredungen abzusagen. Mein israelischer Freund rief an und lachte ins Telefon: „Na, wie war dein erster Bombenalarm? Hast Du die Explosion gehört? Mein Chef will heute Abend bei seinen Kindern sein, ich habe also Zeit, wollen wir uns treffen?“

Der erste Raketenalarm seit dem Golfkrieg 1991 und alle sind wirklich so entspannt? Ich sitze derweil zuhause und drücke in regelmäßigen Abständen den Refresh-Knopf der Twitterseiten der israelischen Armee und der Qassam Brigaden, denn mehr noch als ein Krieg der Raketen ist dies ein Social-Media-Krieg.

Minutenlang tut sich gar nichts, dann stellt sich heraus, dass die Rakete in Holon eingeschlagen ist, immerhin sieben Kilometer von Tel Aviv entfernt. Die Qassam-Brigaden twittern schon den ganzen Tag, dass sie Raketen auf Tel Aviv geschossen haben oder dass Tel Aviv getroffen wurde. Bis jetzt stellten sich diese Nachrichten als Falschmeldungen heraus, was die israelische Armee auch immer schnell vermerkte.

Aber ist nicht zu verneinen, dass Tel Aviv dieses Mal im Mittelpunkt steht. Die Nachrichten von einer möglichen Bodenoffensive in Gaza erscheinen einem fast als Nachträge, die vermeldeten Todesopfer auf beiden Seiten beinahe als Randnotizen. Stattdessen twittern die Qassam-Brigaden stolz, dass sie ein Video vom Abschuss einer "Fajer 5"-Rakete in Richtung Tel Aviv hochgeladen haben; der Blogger Riyazi Farook fragt in den Kommentaren nach dem Lied, das im Video spielt.

Die israelischen Medien sagen mir, ich solle mich auf eine unruhige Nacht einstellen, meine israelischen Freunde sagen, ich solle sie für "End of the World"-Drinks treffen. Das eine schließt das andere ja nicht aus.

Die Autorin hat vor einigen Jahren ein Redaktionspraktikum beim Tagesspiegel absolviert. Zum Studium ging sie nach Tel Aviv, blieb dort - und hat nun ihren ersten Bombenalarm erlebt.

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Eine Recherchekooperation des Tagesspiegels mit dem ARD-Magazin "Fakt".

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