Enthüllungen im Vatikan : Sündige Millionen

Zwei am Donnerstag erscheinende Bücher über die Finanzen des Vatikans offenbaren Chaos, Schattenwirtschaft und völlige Inkompetenz.

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Das Buch des Journalisten Gianluigi Nuzzis erscheint am Donnerstag gleichzeitig in drei Sprachen.
Das Buch des Journalisten Gianluigi Nuzzis erscheint am Donnerstag gleichzeitig in drei Sprachen.Foto: Yara Nardi/REUTERS

Der Brief, den Papst Franziskus am 27. Oktober schrieb – und den der Vatikan auch noch veröffentlichte – war ein Alarmzeichen. Seinem „zweiten Mann“, dem Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, brachte Franziskus in Erinnerung, dass „auch in der aktuellen Zeit des Übergangs die Gesetze nicht außer Kraft gesetzt sind.“

Mit anderen Worten: Der Papst sah sich zu seinem „unverzüglichen Eingreifen“ genötigt, da in der römischen Kirchenleitung offenbar einige Behördenchefs ihre Schäfchen ins Trockene bringen und ihre Freunde mit dauerhaften Posten versorgen wollten, bevor die von Franziskus seit zwei Jahren vorbereitete Kurienreform sie in ihrer Macht beschränkt. Wieder einmal sind die Kurienbehörden dabei, ihre Stellen ohne Rücksicht auf die Finanzen zu vermehren – Zustände also wie eh und je, wie zum Hohn auf einen Papst, der Erneuerung will, und der schon im Juli 2013 warnte: „Unsere Kosten sind aus dem Ruder gelaufen; die Personalvermehrung im Vatikan führt zu gewaltiger Geldverschwendung; Transparenz fehlt. Wenn wir nicht auf unser Geld aufpassen können, das man sieht, wie sollen wir dann die Seelen der Gläubigen hüten, die man nicht sehen kann?“

Es droht die Pleite

Diese Zitate sollen aus einer 16-minütigen internen Brandrede des Papstes stammen; jemand hat sie illegal aufgenommen, und der italienische Journalist Gianluigi Nuzzi stellt sie an den Anfang seines am Donnerstag erscheinenden Enthüllungsbuches „Alles muss ans Licht“. Das 380-Seiten-Werk speist sich wie das gleichzeitig veröffentlichte Buch von Emiliano Fittipaldi („Avarizia-Geiz“) aus den vertraulichen Papieren der „Cosea“, jener Untersuchungskommission, mit welcher Franziskus von Juli 2013 an den vatikanischen Finanzdschungel durchleuchten wollte.
Diese Kommission befand, dass die „Ministerien“ der Kirchenleitung keinerlei Ahnung von Haushaltsplanung haben, dass – mindestens – 94 Millionen Euro abseits der offiziellen Etats auf undurchsichtige Weise verwaltet werden, dass viele Millionen verloren gehen durch ungeschickte Investitionen, Klientelismus, Schlamperei und wohl auch durch kriminelle Machenschaften. Das vatikanische Kinderkrankenhaus „Bambino Gesù“ beispielsweise, das größte auf italienischem Boden, habe „seit 2006 keine Abrechnungen vorgelegt“, befand die Kommission. Die internationale Revisorengruppe, die Nuzzi zitiert, befürchtet „eine sehr ungünstige Entwicklung“ für den Vatikan angesichts des „ernsthaften strukturellen Defizits“. Mit anderen Worten: es droht die Pleite.

Der Vatikan könnte viel mehr Geld einnehmen

Das, wie gesagt, ist gut zwei Jahre her. Nuzzi und Fittipaldi beschreiben anhand der ihnen „in einer ganzen Autoladung“ zugespielten Dokumente die Schwierigkeit der Kommission, gegen den hinhaltenden Widerstand führender Kurienkardinäle überhaupt an Zahlen zu kommen. Dafür ist, was auftaucht, umso beschämender. 5050 römische Wohnungen oder Geschäftslokale beispielsweise gehören der Vatikanischen Güterverwaltung APSA, aber weil sich – jenseits der kostenlosen Dienstwohnungen, die den Kardinälen zustehen – keiner drum kümmert oder aus Gründen der Vetternwirtschaft gibt es Bewohner, die gar keine Miete zahlen oder ganze 51,65 Euro monatlich für 143 Quadratmeter in bester Citylage. 23,4 Millionen Euro nimmt die Apsa pro Jahr an Mieten (auch für Geschäftsbetriebe) ein, laut einer Studie der amerikanischen Wirtschaftsprüfer von Promontory, die auch sämtliche Konten bei der Vatikanbank IOR durchleuchtet haben, könnten es 82,8 Millionen sein, also gut das Dreifache.

Oder: Im Vatikan zahlt man keine Steuern, kommt aber um 20 Prozent günstiger an Benzin. Tankberechtigung haben die gut 800 Vatikanbürger und die 4800 Angestellten – an die Zapfsäulen kamen 2012 aber 27.000 Personen.

Nichts hat sich geändert

Dem Betrug ist Tür und Tor geöffnet: Wer „im Auftrag des Vatikans“ – und wenn’s ein angeblicher ist – in  italienischen Geschäften einkauft, spart sich die Mehrwertsteuer und kann die Ware anschließend mit Gewinn auf privaten Kanälen weiterverkaufen.

Am meisten Kirchen- und Spendengeld wird offenbar bei der Vergabe für Bau- oder Service-Aufträge verschwendet, die immer an dieselben Firmen gehen, ohne Ausschreibung, ohne Prüfung, ob die Betriebe überhaupt geeignet sind. Oder in der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen: Da gibt es Anwälte, die zehntausende von Euro für Aktenstudien in Rechnung stellen können, ohne dass nachgeprüft, belegt oder überhaupt ein Gesamtbudget erstellt würde.

All das, was Nuzzi und Fittipaldi ausbreiten, ist Stand 2013/14. Franziskus jüngste Warnung aber stammt aus dem Oktober 2015. Es gibt zwar inzwischen einen vatikanischen Wirtschaftsminister, aber auch der kriegt die Zahlen für einen Haushalt 2016 nicht zusammen. Mit anderen Worten: Trotz allen Reformwirbels hat sich nicht viel geändert.

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