Politik : Erbfreundschaft

Bernhard Schulz

Im Oktober 1946 war im Berliner Schloss die Wanderausstellung „Moderne französische Malerei“ zu sehen. Die Resonanz war enorm – beim kulturhungrigen Publikum wie bei den Alliierten.

Der französischen Kulturpolitik im besetzten Nachkriegsdeutschland ist bislang nicht die Aufmerksamkeit zuteil geworden, die etwa die amerikanische reeducation gefunden hat. Dabei war es Frankreich – das mit südwestdeutschen Landesteilen als Besatzungszone abgefunden worden war – besonders wichtig, über die Kulturvermittlung Einfluss zu gewinnen. Martin Schieder, der mittlerweile in Berlin lehrt, hat den Teilbereich der Bildenden Kunst untersucht und seine Forschungsergebnisse in einem schmalen, aber ungemein inhaltsreichen Band zusammengefasst. Das Engagement des westlichen Nachbarlandes ist umso bemerkenswerter, als es trotz der historischen Last der „Erbfeindschaft“ und der eben erst beendeten Wehrmachts-Besatzung erfolgte. Anfangs suchte sich Frankreich als leuchtendes Vorbild, als Mutterland der Kultur zu präsentieren. Doch die zuständigen Offiziere der Militärverwaltung – in der Mehrzahl Akademiker – erkannten bald, dass nachhaltige Wirkung nur im gleichberechtigten Austausch zu erzielen sei. In den späten vierziger Jahren jedenfalls schickte Frankreich bemerkenswerte Kunstschätze über den Rhein, darunter die „Moderne“-Ausstellung, die ihren Auftakt in Baden-Baden erlebte. Unter welchen bürokratischen Schwierigkeiten das vor sich ging, verschweigt der Autor ebenso wenig wie seine Bewunderung dafür.

Martin Schieder: Expansion/Integration. Die Kunstausstellungen der französischen Besatzung in Nachkriegsdeutschland. Reihe Passerelles, 3. München/Berlin. Deutscher Kunstverlag, München. 120 Seiten, 12 €.

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