Facebook,Twitter,Instagram : Wie der "Islamische Staat" im Internet kämpft

Die Terrormiliz IS rekrutiert ihre Anhänger in sozialen Medien - und geht dabei viel professioneller vor als Al Qaida und Co.

Angela Gruber
In Irak und Syrien schließen sich zunehmend deutsche Dschihadisten islamistischen Terrormilizen an.
In Irak und Syrien schließen sich zunehmend deutsche Dschihadisten islamistischen Terrormilizen an.Foto: AFP

Eine Minute, elf Sekunden. Ein Mensch wird ermordet, die Kamera läuft. Vor wenigen Tagen hat die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) ein Video im Internet verbreitet, das die Enthauptung des Briten Alan Hennings zeigt. Der IS hat den Clip „Eine neue Botschaft an Amerika und seine Verbündeten“ genannt. Es ist das vierte Video dieser Art, alle landeten im Netz. Als Botschaft. Warnung. Werbung. Auch Terrorgruppen wie Al Qaida oder die Al-Shabaab-Miliz nutzen das Internet für ihre Zwecke.

Der IS hat die Netz-Strategie nun perfektioniert. „Ihre Kommunikation ist modern und so professionell, das hat im Vergleich zu anderen Gruppen eine neue Dimension erreicht“, sagte Stephan Humer, Internetsoziologe und Vorsitzender des Netzwerks Terrorismusforschung. Anstatt selbst Webseiten oder Online-Foren zu betreiben, legten sich die Islamisten lieber Konten bei Netzwerken mit weltweiter Reichweite zu, sagt Terrorismus-Forscherin Tina Beer von der Universität Jena. „So kann der IS ein viel breiteres Publikum ansprechen als die meisten anderen Terrororganisationen. Deren Intention war es in der Vergangenheit eher, Informationen nur einem vertrauten Kreis zur Verfügung zu stellen.“ Twitter, Youtube, Instagram und Facebook sind laut Beer die wichtigsten Kanäle – zum Leidwesen der Betreiber.

„Wir erlauben es terroristischen Vereinigungen wie dem IS nicht, unsere Seite zu benutzen“, sagte ein Facebook-Sprecher. „Niemand darf bei uns Terrorismus Vorschub leisten oder aus sadistischen Zwecken heraus Inhalte teilen.“ Twitter-Chef Dick Costolo reagierte ähnlich auf ein Enthauptungsvideo des IS. Es war auch über seinen Dienst verbreitet worden. „Wir haben bereits aktiv Nutzerkonten gesperrt und werden dies weiter tun, wenn die Nutzer uns im Zusammenhang mit diesen drastischen Aufnahmen auffallen,“ twitterte Costolo. Am Mittwoch trafen sich Repräsentanten der sozialen Netzwerke mit der zukünftigen EU-Justizkommissarin Cecilia Malmström, um gemeinsam Strategien zu entwerfen, wie terroristische Aktivitäten noch besser erkannt und solche Inhalte schneller entfernt werden können.

Katz-und-Maus-Spiel

Doch der IS liefert sich ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Betreibern der Netzwerke. Wird ein Account geschlossen, macht eben ein Neuer auf. Gleichzeitig weichen die Islamisten auf alternative Netzwerke aus, etwa den russischen Facebook-Klon Vkontakte, Friendica oder Diaspora, beobachtet Forscherin Tina Beer. Die Online verbreiteten IS-Botschaften sind eine Melange aus menschenverachtenden Inhalten und Propagandaparolen. Besonders perfide: Im jüngsten IS-Video, das die Ermordung Hennings zeigt, ist mit dem Amerikaner Peter Kassig erneut ein mögliches nächstes Opfer zu sehen. Fortsetzung folgt. Die Medienlogik haben die Islamisten perfekt verinnerlicht.

Ein 52 Sekunden langes IS-Video im Stil eines Kinotrailers warnte die USA im September davor, Bodentruppen in Kampf gegen IS zu schicken. Titel: „Flammen des Krieges“. Gezeigt werden Bilder von strammen IS-Kämpfern und ihren Opfern. Auf Twitter ermuntert der IS seine Anhänger, Botschaften mit Hilfe von bestimmten Schlagworten, Hashtags, zu verbreiten. Unter „AllEyesOnISIS2 (Alle Augen auf Isis) oder „CalamityWillBefallUS“ (Unheil wird über Amerika kommen) fluteten IS-Anhänger in der Vergangenheit das Netzwerk mit Nachrichten. Eine weitere Strategie: Der IS verleibt sich erfolgreiche Hashtags ein, die aus einem harmlosen Kontext wie zum Beispiel der Fußball-WM stammen. So werden IS-Tweets auch von Nutzern gefunden, die nicht danach suchen.

Die Bedeutung von Smarthone-Apps

Über die Netzwerke maximiert der IS laut Humer seine Außenwirkung, kostenlos. Die Botschaften sollen nicht nur Warnungen an westliche Regierungen sein. Die Terrormiliz will damit auch potenzielle Rekruten aus dem Ausland ansprechen, sagte Beer. Die sind meist jung, männlich und onlineaffin. „Weil die Propagandavideos auf Englisch und Deutsch produziert werden, fällt außerdem die Sprachbarriere weg.“ Schätzungen zufolge sind zwischen 12000 und 15000 Ausländer in den Konflikten in Syrien und dem Irak auf Seiten des IS aktiv. Der Verfassungsschutz warnt von einer „virtuellen Dschihad-Gemeinschaft“ im Netz. Auch Smartphone-Apps spielten eine immer größere Rolle für die Dschihadisten.

Über die Programme können sich die Nutzer zum Beispiel direkt Videos aus den Kriegsgebieten aufs Mobilgerät schicken lassen – und bekommen so das Gefühl, live dabei zu sein. Internetsoziologe Humer befürwortet ein strenges Vorgehen gegen IS-Material im Netz, wenn die Quelle aus Deutschland erreichbar sei. Das reiche aber nicht: „Das Problem muss sozial geregelt werden.“ Dem IS müsse der Nährboden für seine Ideologie entzogen werden. Dann fielen auch die Likes für Kriegsrhetorik und brutale Bilder weg.

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