Flüchtlinge auf der Balkanroute : Der ganz normale Ausnahmezustand

In den Balkanstaaten sind Flüchtlinge längst zur Routine geworden – und mancherorts auch zu einem Geschäft. Manche Flüchtlinge schaffen es in nicht einmal zwei Wochen von Syrien bis nach Deutschland.

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Slowenien will nur 2500 Menschen täglich passieren lassen. Frauen und Kinder werden aber meist nicht abgewiesen.
Slowenien will nur 2500 Menschen täglich passieren lassen. Frauen und Kinder werden aber meist nicht abgewiesen.Foto: REUTERS

Das Chaos war nur von kurzer Dauer. Wieder einmal. Am Montag saßen nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) mehr als 10.000 Menschen in Kroatien fest, weil Ungarn zeitweise seine Grenze zum Nachbarland geschlossen hatte. Auch in Serbien und Mazedonien bildete sich darauf ein Rückstau von mehreren tausend Menschen. Viele warteten trotz Regens vor den geschlossenen Grenzübergängen und versuchten sich mit Decken, Planen und kleineren Feuern warm zu halten. Am späten Montagnachmittag ließ Ungarn dann wieder Flüchtlinge einreisen.

Auf der Balkanroute passieren derzeit täglich etwa 5000 Flüchtlinge die jeweiligen Länder auf der Strecke: Mazedonien, Serbien, Kroatien und bisher Ungarn, bevor sie schließlich über Österreich nach Deutschland kommen. Ende September und Anfang Oktober waren es zeitweise sogar bis zu 7000 Menschen täglich, doch nun werden die Wetterbedingungen auf dem Mittelmeer zunehmend schlechter, weshalb weniger Flüchtlingsboote die Ägäis überqueren.

„Wir wissen nicht, ob das schon der Beginn des zu erwartenden Wintereinbruchs ist“, sagte ein Sprecher der Internationalen Migrationsorganisation (IOM) dem Tagesspiegel. „Die Zahlen sind für diese Jahreszeit grundsätzlich noch sehr hoch, und sie können bei besseren Wetterperioden auch noch einmal steigen.“ Doch die Überfahrt wird in jedem Fall gefährlicher. In der vergangenen Woche kenterte ein Holzboot nachts vor der türkischen Küste. 21 der insgesamt 24 Insassen konnten gerettet werden. Die Leichen einer Frau und zweier Mädchen wurden am Morgen darauf nahe der griechischen Insel Lesbos geborgen. Vier Kinder, zwei Frauen und ein Mann starben am selben Tag, als vor der Küste der Insel ein weiteres Boot kenterte. Die meisten Toten waren Flüchtlinge aus Syrien.

Ein Stau mit Folgen

Viele der Flüchtlinge, die die Ägäis bereits passiert haben, versuchen nun, Ungarn zu umgehen, und reisen von Kroatien aus weiter über Slowenien – wie Kroatien und Ungarn ein EU-Mitglied. Die dortige Regierung erklärte allerdings am Montag, es werde pro Tag nur 2500 Flüchtlinge passieren lassen, weil auch Österreich nur 2500 Flüchtlinge durchreisen lasse. Der Stau auf der Strecke wird sich also nicht unmittelbar auflösen. Schockierende Bilder wie im Hochsommer, als tausende durstende und völlig erschöpfte Flüchtlinge bei Temperaturen von fast 40 Grad an den Grenzen einzelner Balkanstaaten ausharren mussten, wird es aber wohl nicht wieder geben. Denn die meisten Staaten auf der Balkanroute managen die Flüchtlingsströme inzwischen recht routiniert. Sie stellen Busse oder Züge zur Verfügung, um die Flüchtlinge von Grenze zu Grenze zu transportieren, und bieten an den Ein- und Ausstiegsorten Nahrung, Waschgelegenheiten und eine ärztliche Versorgung an. Aufladestationen für Handys sind ebenfalls längst selbstverständlich. Einzig in Serbien wird der Transport von kommerziellen Busunternehmen abgewickelt, die bis zu 40 Euro pro Person verlangen. Der reguläre Tarif für die Fahrt beträgt zehn Euro. Die Reisezeiten haben sich entsprechend verkürzt. Manche Flüchtlinge aus Syrien schaffen es in nicht einmal zwei Wochen aus ihrem Heimatland bis nach Deutschland.

Verdienen an Flüchtlingen

Der schwierigste Teil der Strecke nach der gefährlichen Überfahrt über das Mittelmeer liegt offenbar in Griechenland. Flüchtlinge berichten von stundenlangen Fußmärschen und langen Wartezeiten. Da viele Syrer aber über größere Ersparnisse verfügen als andere Flüchtlinge, können es sich viele von ihnen leisten, mit regulären Schiffen von Lesbos nach Athen und dann mit dem Taxi bis zur Grenze zu fahren. Allein für das Taxi zahlten Familien bis zu 700 Euro, heißt es bei der IOM. Afghanen hingegen müssten ihre Reise oft unterbrechen und zwischendurch Geld verdienen, um weiterreisen zu können.

Die Flüchtlinge sind damit auch zu einem Wirtschaftsfaktor geworden. Hotels, Bus- und Taxiunternehmen entlang der Flüchtlingsrouten verdienen gutes Geld mit der Krise. Und wie die meisten Arbeitsmigranten nutzen auch Flüchtlinge ganz selbstverständlich globale Dienstleister wie Western Union. Statt Geld nach Hause zu überweisen, lassen sie sich allerdings Euro nach Belgrad oder in andere Städte auf ihrem Weg anweisen, um sich unterwegs versorgen zu können.

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