Flüchtlinge aus Afrika : Lampedusa könnte zu einem Weckruf in letzter Minute werden

Die Flüchtlingskatastrophe von Lampedusa hat den Europäern die Augen für die wirtschaftliche Misere in Afrika geöffnet. Aber die Notlage ist häufig hausgemacht – das Beispiel der fehlenden Bevölkerungspolitik in Uganda zeigt es.

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Ein Kind mit Kind. Dieses Mädchen im Osten Ugandas hat früh selbst ein Baby bekommen. Das Welternährungsprogramm (WFP) versorgt diese Kinder mit Nahrungsmitteln.
Ein Kind mit Kind. Dieses Mädchen im Osten Ugandas hat früh selbst ein Baby bekommen. Das Welternährungsprogramm (WFP) versorgt...Foto: Dagmar Dehmer

Menschen, fast überall nur Menschen. Junge Menschen. Wer an einem Sonntagabend die knapp 40 Kilometer vom Flughafen Entebbe am Viktoriasee in die ugandische Hauptstadt Kampala fährt, steht nicht nur über weite Strecken im Dauerstau, sondern sieht vor allem viele Menschen. Sie laufen über den Highway, sitzen auf den klapprigen Motorrädern, die auf dem Seitenstreifen vorbeiknattern oder feiern direkt am Straßenrand Party.

Oft steht der Verkehr dreispurig auf der Kampala Road, gegen die eine deutsche Landstraße wie ein breiter Boulevard wirkt. Die Abgase aus den alten Autos und Lastentaxis lassen die Augen tränen und kratzen im Hals. Reichlich benebelt erreicht der Besucher mehr als zwei Stunden nach dem Eintreffen seine Unterkunft im Herzen von Kampala.

Mit einem Bevölkerungsanstieg von rund 3,5 Prozent gehört Uganda, das Winston Churchill einst „die Perle Afrikas“ nannte, zu jenen Staaten der Welt, deren Bevölkerung besonders rasant wächst. Nur im Sahelstaat Mali wächst die Zahl der Menschen mit vier Prozent noch etwas schneller.

Flüchtlingsdrama vor Lampedusa
Italiens Premierminister Enrico Letta (rechts), EU-Präsident Manuel Barroso, EU-Kommissarin Cecilia Malmström (links) und Lampedusas Bürgermeisterin Giusy Nicolini (mit Schärpe) stehen am Mittwoch (10. Oktober) vor den Särgen von mehr als 290 Toten nach dem Schiffsunglück vor der Küste Lampedusas. Er werde diesen  Anblick nie vergessen, sagte Barroso nachdem er der Toten gedacht hatte. Das Schiff mit Flüchtlingen aus Afrika war vor einer Woche im Mittelmeer gesunken.
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1 von 25Foto: AFP
09.10.2013 17:11Italiens Premierminister Enrico Letta (rechts), EU-Präsident Manuel Barroso, EU-Kommissarin Cecilia Malmström (links) und...

Während die Gesellschaften im Westen immer mehr altern, brechen sie in weiten Teilen von Afrika unter der Last der vielen Kinder allmählich zusammen. Jeder zweite Ugander ist heute jünger als 15 Jahre. Wenn die Zahl der Menschen weiter so schnell zunimmt, werden aus den heute rund 36 Millionen Ugandern nach staatlichen Berechnungen bis 2025 etwa 55 Millionen werden – und sie werden sich bis 2050 sogar auf mehr als 110 Millionen mehr als verdreifachen. „78 Prozent der Ugander sind heute unter 30“, sagt Monica Amoding, die im ugandischen Parlament eine Art Lobbyistin der Jugend ist. In der Altersgruppe zwischen 18 und 30 seien dabei 83 Prozent arbeits- und mittellos. „Es ist völlig unklar, welche Zukunft uns mehr als 50 Jahre nach der Unabhängigkeit unter diesen Umständen erwartet“, resümiert die Parlamentarierin erstaunlich offen.

Gründe für die Flucht junger Menschen nach Europa sind kaum Teil der Debatte

Es sind junge Menschen wie die in Uganda, die ihrer Heimat verzweifelt den Rücken kehren und auf der Suche nach einem besseren Leben nach Norden fliehen. Unter enormen Strapazen und finanziellen Opfern ziehen sie oft wochenlang durch die Sahara, um mit Hilfe skrupelloser Schlepper über das Mittelmeer in das vermeintlich gelobte Europa zu gelangen. In den vergangenen zwei Wochen waren dabei vor der italienischen Insel Lampedusa, dem südlichsten Vorposten Europas im Mittelmeer, gleich zwei Flüchtlingsboote gekentert, wobei mehr als 400 Menschen starben. Seitdem tobt in Europa eine emotional aufgeladene Debatte über die Mitverantwortung der Asylpolitik für den massenhaften Tod und das weitere Vorgehen der Europäischen Union (EU). Die tieferen Gründe für die Wanderungsbewegung bleiben dabei jedoch zu großen Teilen ausgespart.

In Uganda selbst wird das Bevölkerungswachstum im eigenen Land zwar hin und wieder diskutiert. Viel mehr interessieren dort jedoch andere Themen wie das Missmanagement der Regierung, die Einschüchterung der Opposition oder die nicht enden wollende Amtszeit des Präsidenten. „Wir haben zu viele Debatten und Komitees zur Familienplanung – und viel zu wenig Umsetzung“, klagt Sylvia Ssinabulya, die sich im ugandischen Parlament seit Jahren mit Frauenfragen beschäftigt.

Geschehen ist allen Warnungen zum Trotz bislang jedenfalls viel zu wenig. Bezeichnend ist, dass die meisten Gesprächspartner in Zusammenhang mit der Bevölkerungszunahme gerne beschönigend von „Herausforderungen“ sprechen, obwohl offensichtlich ist, dass es sich dabei längst um einen nationalen Notstand handelt.

Dies liegt auch daran, dass der seit 27 Jahre herrschende Präsident Yoweri Museveni bislang klare Worte vermissen lässt. Nachdem der Ex-Guerillaführer stets betont hatte, es sei gut, viele Kinder zu haben, weil die Nation dadurch wachse und stark werde, hat er sich, vielleicht wegen der von einigen Beobachtern gemalten Horrorszenarien, zuletzt mit derartigen Äußerungen zurückgehalten. Ein aktiver Akteur, der Frauenbildung fördert oder für weniger Kinder wirbt, ist er sicherlich nicht.

Auch andere Politiker behaupten, genau wie viele westliche Unternehmensberater, dass eine Zunahme der Bevölkerung nützlich sei, weil mehr Menschen einen größeren Markt wie in China oder Indien schaffen würden. Von dem dadurch angehäuften sozialen Zündstoff sprechen sie hingegen kaum. Doch wie stark ist ein Markt armer Menschen ohne Arbeit? Selbst Ugandas früherer Finanzminister Aston Kajara hat längst zugegeben, dass das jährliche Wirtschaftswachstum schon über einen längeren Zeitraum um mehr als zehn Prozent steigen müsste, damit das Land nach vorne kommt.

Tatsächlich dürfte das Wachstum auch in diesem Jahr mit etwa vier Prozent wieder einmal kaum halb so groß sein und dadurch allenfalls den Bevölkerungszuwachs kompensieren. An einen Abbau der extremen Armut ist unter diesen Umständen nicht zu denken. Monica Amoding bleibt ebenfalls skeptisch. „Wie können die vielen Analphabeten und Armen Kaufkraft entwickeln?“, fragt sie. „Ich glaube nicht an das Argument mit den vielen tollen Konsumenten.“

Die Bevölkerungspolitik ist ein politisches Tabu

Sie ist nicht Einzige, die Zweifel hat. Auch Harriet Egessa verlässt manchmal der Mut, wenn sie an die Zukunft ihres Landes denkt. Seit einigen Jahren arbeitet die resolute Krankenschwester mit der gelockten Perücke im Tororo-Distrikt im Südosten von Uganda und bemüht sich dort, den aus den Fugen geratenen Bevölkerungszuwachs zu stoppen. Eben hat eine Gruppe Laienschauspieler vor rund 150 Studenten des Lehrercolleges von Tororo ein Theaterstück aufgeführt, das junge Menschen spielerisch mit Fragen der Familienplanung und Aids-Aufklärung konfrontiert. Viele der jungen Zuschauer haben sich prächtig amüsiert. Doch die erhofften Erfolge bei der Geburtenkontrolle wollen sich dennoch nicht so recht einstellen. Dies liegt auch daran, dass durch den Einsatz westlicher Medizin zwar die Kindersterblichkeit fällt, aber die Geburtenrate gleichbleibend hoch geblieben sind. „Noch immer kriegen sehr viele Frauen in Uganda im Schnitt sieben Kinder“, seufzt Egessa. Immerhin steige die Nachfrage nach Aufklärung und der Wunsch nach weniger Kindern. „Doch unter Kontrolle haben wir die Lage nicht“, sagt sie.

Noch immer werde auch jedes vierte Mädchen Mutter, ehe es überhaupt volljährig ist, erzählt die Krankenschwester. Die meisten hätten mit 20 oft schon ein zweites oder sogar drittes Kind. Für Egessa spielen dabei vor allem kulturelle Gründe eine zentrale Rolle. „Frauen, die in Uganda viele Kinder zur Welt bringen, werden im Dorf respektiert. Und wenn man alt ist, hat man Kinder, die nach einem sehen.“ In der Tat garantieren helfende Kinderhände in einem Umfeld ohne jedes soziale Netz nicht nur billige Arbeitskraft, sondern auch eine Art Lebensversicherung.

Eine merkwürdige Allianz aus Vatikan, amerikanischen Evangelikalen und Muslimen hat ihrerseits dazu beigetragen, dass die Familienplanung zu einem Tabu der Entwicklungspolitik geworden ist. Aber auch Chinas Zwangsmodell der Ein-Kind-Politik hat dazu beigetragen, dass Initiativen zur Familienplanung im Westen bis vor kurzem als moralisch fragwürdig galten – mit teilweise verheerenden Folgen für die betroffenen Länder.

Viel dürfte nach Ansicht von Experten wie Mugumya davon abhängen, ob sich dieses Tabu überwinden lässt. Und auch, ob neben den Regierungen in Afrika auch die internationale Gemeinschaft das lange verlorene Interesse an Bevölkerungsfragen zurückgewinnt. Lampedusa könnte dabei zu einer Art Weckruf in letzter Minute werden.

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