Flüchtlinge in Griechenland : Im Hafen der Hoffnungslosen

In Piräus sind im Winter viele Flüchtlinge gestrandet. Jetzt sollen sie den Hafen räumen - die Touristen kommen. Ein Besuch vor Ort.

Markus Bernath
Ein Flüchtlingskind im Hafen von Piräus.
Ein Flüchtlingskind im Hafen von Piräus.Foto: Yannis Kolesidis/dpa

Anas kam einen Tag nach der Wiener Balkankonferenz und nach der Schließung der Grenzen. „Wir haben nichts davon gewusst“, sagt er. Am 25. Februar steigt er mit seinen Brüdern aus der Fähre von Chios. Die griechische Polizei lässt sie nicht weiter : „Wartet noch eine Woche“, sagen sie. Anas schlägt sein kleines Zelt auf einem Parkplatz an der Anlegestelle auf. Seitdem leben er und seine Brüder schon auf E1, der ersten der zwölf Anlegestellen im Hafen von Piräus, an einem Ende des hufeisenförmigen Beckens. „Wir warten auf nichts“, sagt der 34-jährige IT-Ingenieur.

Seit die österreichische Regierung mit den Westbalkanstaaten die Grenzen schloss, stecken auf dem griechischen Festland 46.000 Flüchtlinge fest. 8.000 weitere sind es auf den Inseln – für sie gilt das Abkommen, das die EU mit der Türkei schloss: Sie werden abgeschoben, mit oder ohne Asylverfahren. Anas, der Syrer, sitzt in einem anderen Film, der heißt „relocation“ – Umsiedlung: Die Staats- und Regierungschefs der EU haben im Herbst 2015 beschlossen, 160.000 Kriegsflüchtlinge aus Griechenland und Italien auf die EU-Länder zu verteilen. 860 sind bisher ausgeflogen worden – 0,5 Prozent. Österreich hat sich noch nicht beteiligt.

Flüchtlinge beten gemeinsam vor einer Fähre im Hafen von Piräus.
Flüchtlinge beten gemeinsam vor einer Fähre im Hafen von Piräus.Foto: Yannis Kolesidis/dpa

Die kleinen Iglu-Zelte auf dem Hafenpier – neben Sim-Karten, Schlauchbooten und Außenbordmotoren eines der wichtigsten Güter der Flüchtlingswirtschaft – schweben, durch Plastik-Ruten gespannt, frei über dem Boden. Von Woche zu Woche wurden ihre Bewohner vertröstet, Die sind noch nicht einmal registriert. „Ich glaube niemanden mehr“, sagt Anas zermürbt: „Nicht dem UNHCR, nicht der griechischen Regierung und auch nicht den anderen in Europa.“ Auf Zetteln der Asylbehörde der Provinz Attika haben sie den Namen einer Skype-Verbindung erhalten: asylum.service.relocation – Montag bis Mittwoch zwischen neun und zehn Uhr vormittags hebe da jemand ab, steht dort, Freitags sogar bis elf. 12000 Flüchtlinge in Attika rufen jeden Tag an, mittlerweile wurden noch zwei Nachmittagsstunden ergänzt. Anas zeigt das Display seines Mobiltelefons mit der langen Liste der roten Telefonhörer: Keine Verbindung zur Skype-Asylbehörde. „Das alles hier ist ein Scherz.“

Anas will seinen richtigen Namen nicht sagen, der Eltern und der Schwester in Syrien wegen. Die Familie war reich, der Vater verdiente gut als Elektroingenieur, ebenso Anas und die älteren Brüder. Anas arbeitete als IT-Spezialist für ein russisches Unternehmen in Syrien, später für eine Universität. Der Krieg hat ihnen alles genommen. Ihre Heimatstadt im Nordosten war plötzlich vom IS umzingelt. Einen Monat dauerte die Flucht zu Fuß. „Hätten sie uns gefangen, hätten sie uns umgebracht“, sagt er über die Terrormiliz. Sein Telefon ist voll mit Fotos – vom großen Haus der Familie, das es nicht mehr gibt, und von Leichen auf den Straßen nach einem Bombenangriff, blutig und verstümmelt, wie man sie in keiner Zeitung veröffentlicht.

Im Hafen von Piräus übt ein Mädchen Schreiben.
Im Hafen von Piräus übt ein Mädchen Schreiben.Foto: Orestis Panagiotou/dpa

Jeden Tag werden Flüchtlinge vom Hafen zum Werftdock Skaramagas übersiedelt, die Männer in noch weiter entfernte Lager. Denn jetzt beginnt die Urlaubersaison in Griechenland. Die Touristen sollen an den großen Fähren keine Flüchtlingszelte mehr sehen und keine Wäsche, die zum Trocknen in Büschen hängt. Anas hat einen Verdacht: In drei Monaten läuft ihre vorläufige Aufenthaltsgenehmigung aus – „Danach werden sie auch uns in die Türkei zurückschicken.“

Flüchtlinge im Hafen von Piräus bei der Reparatur ihrer Iglu-Zelte.
Flüchtlinge im Hafen von Piräus bei der Reparatur ihrer Iglu-Zelte.Foto: Orestis Panagiotou/dpa
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