Flüchtlingskrise : In Italien ist die Kritik an Deutschland verstummt

Italien monierte lange Zeit die fehlende Solidarität der anderen Staaten in der Flüchtlingsfrage. Nun registriert das Land mit Hochachtung die Humanität der Deutschen.

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Immer wieder rettet die italienische Küstenwache Flüchtlinge aus lebensgefährlichen Situationen auf oft seeuntüchtigen Booten auf dem Mittelmeer.
Immer wieder rettet die italienische Küstenwache Flüchtlinge aus lebensgefährlichen Situationen auf oft seeuntüchtigen Booten auf...Foto: dpa/EPA

Die deutsche Wende bei der Aufnahme von Flüchtlingen hat Italien kalt erwischt. Das Land, das sich bisher als Hauptleidtragender darstellte und sich mit der Masse der Bootsflüchtlinge – dieses Jahr schon 116 000 – „von Europa allein gelassen“ fühlte, sieht sich in Sachen Humanität plötzlich überholt. Und das ausgerechnet von einer „Frau Merkel“, die bisher nur als die kalte Zuchtmeisterin angeprangert wurde.

Nicht nur das: Auch eine der international führenden Italienerinnen ist zu den Italienkritikern übergelaufen. Im Nachrichtensender „Sky TG 24“ sagte Federica Mogherini als Außenbeauftragte der EU am Montag, Deutschland mit seiner grandiosen Aufnahmebereitschaft sei „heute das Gesicht der EU“. In anderen Worten: Liebe Landsleute, jetzt habt ihr keinen Grund mehr zu meckern. Und die auflagenstärkste Tageszeitung, „Corriere della Sera“ aus Mailand, warnt, wenn Italien „jetzt nicht alles Mögliche unternimmt, fällt es bei einem historischen Kapitel der internationalen Politik wieder einmal in die zweite Reihe zurück“.

Italien hat Flüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten bisher zwar in riesigen Zahlen empfangen, aber nicht aufgenommen. Unter Hinweis auf die Erklärungen der aus dem Meer Gefischten, sie hätten Italien ausschließlich der Geographie wegen angesteuert, wollten aber auf jeden Fall nach Deutschland, Frankreich oder Nordeuropa weiterziehen, ließ man die meisten auch unbesorgt laufen. Die europäischen Verpflichtungen nach dem Dublin-Abkommen, nämlich die Personalien der Angekommenen aufzunehmen – inklusive Fingerabdrücke –, umschiffte Italien weiträumig: Wer das nicht wollte, weil er dann mit seinem Asylgesuch für Monate oder Jahre in Italien festgesessen hätte, der wollte eben nicht.

Der beträchtlich angeschwollene Flüchtlingsstrom sowie Italiens Glaubwürdigkeit bei Hilferufen in Richtung Europa ließen eine solche Laxheit nicht mehr zu – und seit einigen Monaten schlagen die Probleme auf das Land selbst zurück. Vorwiegend die reichen, rechts regierten Regionen Italiens wehren sich dagegen, Flüchtlinge bei sich unterzubringen: Das sei Aufgabe Europas, aber Europa sei „kalt und unsolidarisch“, heißt es aus einer Gegend, die gegenüber den eigenen, vorwiegend südlichen und am meisten vom Flüchtlingszustrom betroffenen Landesteilen keinerlei Solidarität aufzubringen bereit ist.

Die deutsche Öffnung „für alle, die Asyl brauchen“, hat nun sogar den lautesten Wortführer der politisch instrumentalisierten Hetze verstummen lassen, den Führer der rechtsextremen Lega Nord, Matteo Salvini. Zeitgleich hat Papst Franziskus mit seinem sonntäglichen Appell, jede katholische Pfarrgemeinde solle eine Flüchtlingsfamilie aufnehmen, die politisch gesteuerte Blockade der weltlichen Gemeinden durch Hinweis auf menschlich höhere Werte unterlaufen.

100 800 Menschen, sekundierte unverzüglich der Vorsitzende der italienischen Bischofskonferenz, Angelo Bagnasco, könnten auf diese Weise ein Dach über dem Kopf finden. Auch dazu fiel dem sonst so wortgewaltigen Lega-Chef nichts mehr ein. Und in „Sky TG 24“ laufen landesweit, von melodramatischer Musik untermalt, Filme von jenen Flüchtlingsmengen, die sich zu Fuß von Ungarn in Richtung Deutschland aufmachen.

In einem Brief an die EU-Kommission beeilte sich der Chef der italienischen Polizei, Alessandro Pansa, zu versichern, Italien habe die Zahl der Identitätsfeststellungen bei Flüchtlingen „verdoppelt“; von 90 000 Angekommenen kenne man heute 60 000. Besser stünden andere Länder auch nicht da. Jetzt harren diese 60 000 nur noch einer Aufnahme. Von winkenden Menschenmassen an italienischen Bahnhöfen hat man jedenfalls noch nichts gehört.

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