Gauck und seine Wähler : Ziemlich beste Freunde

Alle lieben Gauck, und am Ende klatscht sogar die Linke. Bei der Wahl des Bundespräsidenten herrscht große Einigkeit – und ebenso großes Desinteresse. Weil die politischen Akteure derzeit ganz andere Sorgen haben.

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Alle gratulieren ihm: dabei haben die politischen Akteure im Moment noch ganz andere Probleme als die Wahl eines neuen Präsidenten.
Alle gratulieren ihm: dabei haben die politischen Akteure im Moment noch ganz andere Probleme als die Wahl eines neuen...Foto: dapd

Der Mann, der Präsident werden soll, sitzt seit einer halben Stunde ohne erkennbare Regung auf der Ehrentribüne und schaut über das bunte Treiben zu seinen Füßen hinweg. Wer nicht Mitglied der Bundesversammlung ist, darf im Reichstag nicht mit aufs Parkett, da ist das Protokoll streng. Beate Klarsfeld, die darf unten im Plenarsaal sitzen, sogar in der ersten Reihe, weil die Linke ihre Präsidentschaftskandidatin zugleich zur Wahlfrau berufen hat. Bei Joachim Gauck wäre das schlecht gegangen, allein wegen des Gerangels, das sofort losgegangen wäre darum, wer ihn nominieren darf. Joachim Gauck hat neuerdings einfach zu viele politische Freunde. Also muss er da oben sitzen und Haltung zeigen, was ja schon mal eine ganz gute Übung ist für seine künftigen Aufgaben. Außerdem passt es zum Tag. Die 15. Bundesversammlung wählt den 11. Bundespräsidenten. Aber sie interessiert sich in Wahrheit keine Bohne dafür. Sie interessieren sich für alles mögliche andere sehr viel mehr.

Dieses leicht zerstreute Desinteresse hängt natürlich auch mit einem Umstand zusammen, der selbst die korrekte Bundestagsverwaltung augenzwinkernd Rechnung trägt. Als sich die Delegierten am Sonntagmorgen vor ihren Fraktionen anstellen zwecks Registrierung, bekommt jeder ein kleines Ledermäppchen mit seiner Stimmkarte in die Hand gedrückt. In dem Mäppchen ist Platz für drei Karten, vulgo drei Wahlgänge. Es steckt aber diesmal nur eine Karte drin. Eine übergroße Koalition hat sich auf Gauck verständigt, eine übergroße Mehrheit wird ihn wählen. Fast alle Bundespräsidentenwahlen vorher waren parteipolitische Schlachten. Diese ist es nicht. Es reicht nur für ein paar Scharmützel.

Die Wahl zum Bundespräsidenten in Bildern

Wahltag in der Bundesversammlung
Deutschland hat ein neues Staatsoberhaupt: Mit 991 von 1228 gültigen Stimmen ist Joachim Gauck am Sonntag zum Bundespräsidenten gewählt worden. Er folgt auf den zurückgetretenen Christian Wulff.Weitere Bilder anzeigen
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18.03.2012 17:38Deutschland hat ein neues Staatsoberhaupt: Mit 991 von 1228 gültigen Stimmen ist Joachim Gauck am Sonntag zum Bundespräsidenten...

Die Scharmützel betreffen die Frage, wessen Präsident der Pastor Gauck denn nun am meisten werden wird. Dafür muss herhalten, was der Kandidat am Samstagnachmittag gesagt hat, als er noch einmal in den Fraktionen seiner Unterstützer war. Bei den Grünen hat er gesagt, dass er wahrscheinlich, wenn er in der Bundesrepublik gelebt hätte, auch ein 68er geworden wäre. Das freut die Grünen derart, dass sie es gleich rumerzählen. Der SPD-Vorsitzende Gabriel betont, dass Gauck nicht nur die Freiheit als sein Zentralthema nenne, sondern dazu die Verantwortung, was ja wichtig sei in einer Gesellschaft, in der „die Ellenbogen zum wichtigsten Fortbewegungsmittel“ zu werden drohten. Das mit den Ellenbogen ist allerdings von Gabriel, nicht von Gauck.

Bei der Union schließlich freuen sie sich, dass Gauck Helmut Kohl zum guten Beispiel erhoben hat, weil der die DDR-Mark eins zu eins in D-Mark umgetauscht hat, was zeige, dass man Politik nicht nur „mit dem Rechenschieber“ machen dürfe. Gauck hat das aktuell auf Europa bezogen, was ihm noch mehr neue Freunde verschafft hat.

Nur die FDP sticht durch eine gewisse Nüchternheit aus dem Kreis der Friends of Gauck hervor. Sie hat sich wahrscheinlich vorher zu viel und zu laut gefreut über jenen Coup, der Gauck zum Konsenskandidaten beförderte und die CDU-Vorsitzende Angela Merkel ziemlich belämmert aussehen ließ. Der Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle beschränkt sich jedenfalls auf die Mitteilung, dass sich beim letzten Zählappell „einstimmig alle bereit erklärt haben, Herrn Gauck zu wählen“.

Doppeltes Trio. Otto Rehhagel im Reichstag mit Angela Merkel und Joachim Gauck.
Doppeltes Trio. Otto Rehhagel im Reichstag mit Angela Merkel und Joachim Gauck.Foto: dpa

Aber vielleicht geht es Brüderle auch bloß ähnlich wie vielen anderen Freidemokraten, die sich im fünften Stock des Reichstags auf der Fraktionsebene die Zeit bis zum Beginn der Sitzung vertreiben. Sie freuen sich nämlich durchaus, nur hat das mit Gauck nichts zu tun. Schuld daran ist diesmal ein sehr junger, sehr smarter, sehr blonder Mann, den man, was die um ihn kreisende Aufmerksamkeit angeht, versehentlich für die Hauptfigur des Tages halten könnte.

Christian Lindner ist seit drei Tagen so etwas wie der Messias der FDP. In Nordrhein-Westfalen wird am 13. Mai ein neuer Landtag gewählt. Lindner soll die FDP vor dem Untergang retten. Im Fraktions-Saal der Liberalen machen Geschichten über regelrechte Euphorie an der Basis die Runde, die allein die Benennung des NRW-Spitzenkandidaten ausgelöst hat.

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