Gedenken an die Wiedervereinigung : Der deutsche Selbsthass begräbt das Einheitsdenkmal

Weder in der Politik noch in der Öffentlichkeit fand das Einheitsdenkmal die nötige kraftvolle Unterstützung. Weil sich die Deutschen keine sichtbare Freude erlauben. Ein Kommentar.

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Die Computergrafik zeigt den gemeinsamen Entwurf der Choreographin Sasha Waltz und der Stuttgarter Szenografen Milla & Partner für das in Berlin geplante Freiheits- und Einheitsdenkmal - das nun nicht errichtet wird. Foto: Milla&Partner/Sasha Waltz/dpa
Die Computergrafik zeigt den gemeinsamen Entwurf der Choreographin Sasha Waltz und der Stuttgarter Szenografen Milla & Partner für...Foto: Milla&Partner/Sasha Waltz/dpa

Es ist ein Leichtes, das ruhmlose Ende des Projekts Einheits- und Freiheitsdenkmal kalauernd zu begleiten. Erst hat es sich auf- und nun ausgeschaukelt. Dabei ist das Ganze ein Trauerspiel, doch kaum eine echte Tragödie. Zu der gehört die Unentrinnbarkeit, das schuldlose Schuldigwerden.

Das Begräbnis zweiter Klasse, das der Einheitswippe vordergründig aufgrund davoneilender Kosten zuteil wird, ist indessen sehr prosaisch.

Unentrinnbar war das Ende nicht. Das waren auch die Auflagen aus Umwelt- und Denkmalbehörden nicht, die neben der Umsiedlung von Fledermäusen die Restaurierung unzugänglicher Kellergewölbe forderten.

Unentrinnbar waren sie höchstens nach dem Maßstab Berliner Verwaltungshandelns, das sich noch stets in einer Weise zu verknoten vermag, dass der antike Laokoon dagegen mit Papierschlangen zu ringen hatte.

Die Ursache liegt tiefer. Ein Denkmal, das an die Erringung der deutschen Einheit in Freiheit erinnern soll, an die wundersame Geschichte von Mauerfall und Wiedervereinigung, fand weder in der Politik noch gar in der Öffentlichkeit die nötige kraftvolle Unterstützung, da verfing auch Wolfgang Thierses frühe Hoffnung auf ein „Mahnmal des historischen Glücks“ nicht.

Ein positives Denkmal? Das darf nicht sein!

Der deutsche Selbsthass, der jeden auch nur halbwegs hellen Befund am zweifellos stockdüsteren Geschichtsgemälde des 20. Jahrhunderts unter den Generalverdacht übelsten Nationalismus stellt, erlaubt keine sichtbare Freude über die Geschehnisse vom 9. November 1989 bis zum 3. Oktober 1990. Fähnchenschwenken zu Fußballereignissen, das mag angehen, es ist ja auch nicht von Dauer; aber ein Denkmal, seiner Natur nach auf Dauer und Sichtbarkeit angelegt, darf wohl nicht sein.

Dass die Künstler zum ausgelobten Wettbewerb Ideen lieferten, als deren Gipfelpunkt das Auf- und Abgewippe auf goldgrundierter Schale zum Sieger gekürt wurde, konnte kaum verwundern. Die zeitgenössische Kunst hat keine Formen mehr, die einem geglückten Moment der Geschichte Ausdruck zu geben vermöchten.

Den furchtbaren Momenten im Übrigen ebenso wenig, deswegen haben sich Denkmäler mit bloßer Aufreihung von Opfernamen als Standard weltweit durchgesetzt.

Schämen wir uns der Freude, die nach dem 9. November ein ganzes Land, pardon: eine ganze Nation, erfasst hatte? Der Freude, wenigstens dieses eine Mal ohne Gewalt und Chaos vor der Geschichte bestanden zu haben, unverdient, ungeplant – aber geadelt durch die Umsicht, mit der der Einigungsprozess ins Werk gesetzt wurde.

Dieser Freude ohne Auftrumpfen gegenüber Nachbarländern Ausdruck zu geben – vor der Aufgabe haben von Kunst bis Politik alle versagt. Dass die Haushälter des Bundestages kein weiteres Kostenabenteuer eingehen wollen, ist verdienstvoll, aber lächerlich angesichts der Milliarden, die anderenorts versenkt werden. Wollen wir nun ein Denkmal deutscher Spartugend errichten?

Der französische Historiker Ernest Renan nannte in seinem berühmten Vortrag von 1882 die Nation „ein tägliches Plebiszit“, nichts Statisches, sondern eine beständige Abstimmung, eine Selbstvergewisserung. Die glücklich gefügte deutsche Einheit hat es offenbar nicht zu jener Selbstverständlichkeit gebracht, die ein Denkmal als sichtbares Zeichen ermöglicht. Das ist der Befund, der vom Beschluss des Bundestags aus zu erstellen ist. Ein Trauerspiel.

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