Bhagwan-Anhänger : Rote Socken

Sie träumten vom Sinn und der Liebe. Und bevölkerten die Gesellschaft. Am Ende fanden sie Terror. Gibt es sie noch, die Bhagwan-Anhänger? Eine Suche.

Verena Friederike Hasel

Es könnte eine Privatbank sein, von denen gibt es einige im vornehmen London-Mayfair. Das Messingschild mit der Aufschrift „Osho International“ zumindest deutet auf diskreten Reichtum hin, ebenso die kühle Ästhetik im ersten Stock – geweißelte Wände, minimalistisches Mobiliar. Tatsächlich wird hier viel Geld verdient, wie in den Banken vor der Krise, doch ist das Geschäftsgeheimnis von Osho International ein anderes. Es geht um die Sehnsucht nach einem besseren Leben – und diese Sehnsucht ist krisensicher und immerdar. Bei Osho International lagern in hohen Regalen Bücher mit Titeln wie „Mut: Lebe wild und gefährlich“, sie erscheinen in 58 Sprachen und erreichen Auflagen in sechsstelliger Höhe. Der Autor der Bestseller heißt Osho, er ist der Konsensguru in der Welt der verkäuflichen Spiritualität.

Was viele nicht wissen, die seine Bücher lesen: Osho, 1990 gestorben, hieß einmal Bhagwan Shree Rajneesh und wurde als umstrittener Sektenführer weltberühmt. Im indischen Poona gründete er in den Siebzigern eine Stätte der freien Liebe und totalen Therapie, Zehntausende, darunter viele Deutsche, pilgerten dorthin, so auch der Philosoph Peter Sloterdijk und der Reporter Jörg Andrees Elten. Um den Hals trugen die Bhagwan-Jünger, Sannyasins genannt, die Mala – eine Kette mit dem Bild ihres Meisters. Dass sie sich ausschließlich in Orange oder Rot kleideten, den Farben des Sonnenaufgangs, war ein Zeichen, wollten sie doch in Poona, frei von westlichem Leistungsdenken und verkrusteten Strukturen, den Neuen Menschen erschaffen. Gerade Frauen fanden in Poona zu einer Freiheit, die sie sonst nicht hatten, sie lebten ihre Sexualität aus und übernahmen wichtige Posten in der Sekte. Doch wie in einem Kino, wo die Spule vertauscht wird, geriet der Selbsterfahrungstrip zum Horrorfilm: In den Achtzigern siedelte Bhagwan auf eine Ranch in Oregon über. Unter Leitung seiner Sekretärin Sheela mutierte sie zum faschistoiden Arbeitslager und wurde am Ende gar zum Ausgangspunkt für eine versuchte Massenvergiftung.

Der Mensch müsse die Vergangenheit hinter sich lassen und ganz im Hier und Jetzt leben, hat Bhagwan gesagt und sich kurz vor seinem Tod in Osho umbenannt. In London arbeiten die Mitarbeiter von Osho International gerade daran, den Namen Bhagwan, mit dem sich so eine bewegte Geschichte verbindet, von den Tonbändern mit Reden des Gurus zu löschen.

Was aber bleibt dann noch von Bhagwan? Früher waren die rot gekleideten Menschen auf Parties oft in der Überzahl, in vielen Städten betrieben sie Restaurants und Diskotheken. Heute muss man die früheren Sannyasins suchen und dazu begeben wir uns auf eine Reise nach London, Köln und in die Schweiz. Wir treffen einen Mann, der als Kind in der Sekte aufwuchs und daran lange litt, außerdem den ehemaligen Leiter der größten Bhagwan-Kommune Deutschlands, und Sheela, die angebliche Giftmischerin und Schuldtragende am Niedergang. Was die drei trotz ihrer unterschiedlichen Rollen eint: Aus ihrem Leben lässt sich Bhagwan nicht so leicht löschen wie zwei Silben von einer Tonbandspur.

Mit einem Tonband hat alles angefangen, sagt Tim Guest. Er sitzt in einem Straßencafé in London, zu Osho International ist es nicht weit, doch hingehen würde er nicht. „Ich bin durch mit Bhagwan, Osho oder wie immer man ihn nennt“, sagt Guest und zündet sich eine Zigarette an. Es ist die erste von vielen, die der 34-Jährige an diesem Morgen zwischen seinen schmalen Fingern halten wird, während er von seiner Kindheit im Zeichen Bhagwans erzählt. 1979, Guest war knapp vier, hörte seine Mutter Anne Geraghty eine Kassette mit Bhagwans Reden, danach weinte sie vier Nächte, und als die Tränen versiegt waren, teilte sie dem Sohn mit, sie heiße nun Ma Prem Vismaya, und ging mit ihm nach Poona. Dort hatte Bhagwan sechs Jahre zuvor ein Meditationszentrum gegründet. Als Tim Guest ankam, gehörten zu dem Ashram bereits Sauna, Keramikstudio und PR-Büro. Der ganze indische Subkontinent war für westliche Sinnsucher damals ein spiritueller Basar und Bhagwan, ein ehemaliger Philosophieprofessor, ihr beliebtester Guru. Wo sonst gab es einen spirituellen Meister, der Sex predigte und Sartre zitierte? Gerade für enttäuschte K-Gruppen-Mitglieder, zerrieben von den Grabenkämpfen im linken Lager, wurde Poona zur Heimat. Die Politik hatten sie nicht neu erfinden können, nun wollten sie wenigstens sich selbst erneuern, und das mit der gleichen Radikalität, mit der sie vorher den politischen Verhältnissen zu Leibe gerückt waren. Die Therapien in Poona, vier Stunden Zugfahrt von Bombay, dem heutigen Mumbai, entfernt, glichen einem emotionalen Schleudergang in der Waschmaschine. Manche Räume hatten gepolsterte Wände, denn Aggression war nicht tabu, Sannyasins liefen mit verheulten Gesichtern herum, um den Hals ein Schild mit der Aufschrift „Isolation“, und der Therapeut Teertha wies Gruppenteilnehmer, die sich umständlich erklärten, zurecht: „Papperlapapp, was du wirklich willst, ist bumsen.“ Zum Sex solle man gehen wie in einen Tempel, hatte Bhagwan gesagt – und war damit die Antwort für alle auf der Suche nach einer sündenfreien Religion.

So auch für Anne Geraghty. Als sie sich mit Anfang 20 scheiden ließ, verstießen die streng katholischen Eltern sie. „Bei Bhagwan fand sie ein neues Ventil für ihre religiöse Leidenschaft“, sagt Guest. Und er? Guest erzählt, wie er in Poona stundenlang Affen hinterherjagte, unbehelligt von Erwachsenen. Doch manchmal ist Freiheit nur ein Synonym für Sehnsucht und Einsamkeit: Als Junge hatte Guest ein steinhartes Brot neben seinem Bett, selbst gebacken und innen ausgehöhlt, um Legomännchen drin zu verstecken, denn besitzen durfte niemand etwas. Geschwister bekam Guest nicht, seine Mutter ließ sich sterilisieren, Kinder, sagte der Guru, störten die Erleuchtung.

Jetzt, an diesem Morgen in London stört das Telefon, es geht um einen Meditationstermin, Guest zieht eine weitere Zigarette aus dem roten Hemd. Ob da doch eine Prägung geblieben ist? Wenn überhaupt, sagt er, der Wunsch dagegen anzuleben. Er habe einen festen Wohnsitz und sei auch verheiratet. „Zu bleiben, das musste ich erst lernen.“ Poona war nur die erste Station seiner spirituellen Reise: 1984 flog er mit seiner Mutter nach Oregon.

Dort, in einem Tal, das als Kulisse für John-Wayne-Filme genutzt worden war, hatte Bhagwans Sekretärin Sheela Silverman die Big Muddy Ranch gekauft. Sie solle, erklärte Sheela, das achte Weltwunder werden, und so schufteten die Jünger für die Erfüllung dieser Variante des amerikanischen Traums. Binnen kurzem hatten sie Eisdiele, Post und Landeplatz für die Air-Rajneesh-Flugzeuge errichtet, an deren Bord Muffins in Pappschachteln mit einem lachenden Bhagwan drauf serviert wurden.

Was die Sannyasins ins konservative Oregon trieb, wo die Einheimischen sie anfeindeten, darüber gibt es nur Spekulationen. Offiziell war Bhagwan für eine Bandscheibenbehandlung eingereist. Tatsächlich, sagen viele, habe die kontrollwütige Sheela den Guru isolieren wollen, und dafür kam ihr Amerika, das Land, in dem sie studiert hatte, gerade recht. In jedem Fall trieb Oregon die Abkapselung der Sekte voran, die Anfeindungen von außen setzten Paranoia im Inneren in Gang. Wie ein Pendel, das in die andere Richtung schwingt, wurde aus einem Experiment der Freiheit ein totalitäres System.

12 Stunden am Tag arbeiteten die Jünger auf der Ranch, selbst in der Mittagspause wurden sie zur richtigen Einstellung gemahnt. „Je mehr du in die Arbeit verwickelt wirst, desto mehr gehst du in mir auf“, wurde Bhagwan auf einem Zettel in der Kantine zitiert. Tim Guest sah seine Mutter kaum noch. Morgens stand sie um sechs Uhr auf und stand dann bis sieben Uhr abends an der Spüle und schrubbte die großen Pfannen, in denen das Kantinenessen zubereitet wurde. Einzige Unterbrechung war die Mittagspause, in der Bhagwan, der in eine Schweigephase eingetreten war, in einem seiner mehr als 90 Rolls Royces über die Ranch fuhr, die nun Rajneeshpuram hieß. Seine Jünger warfen Blumen, danach wurden sie von der Peace Force, der mit Revolvern ausgestatteten Privatpolizei, zurück zur Arbeit getrieben. Bhagwan, der in Poona schlichte weiße Gewänder getragen hatte, sah mit seinen glitzernden Roben immer mehr wie ein Weihnachtsbaum aus, Sheela schmückte sich mit Titeln. Bodhisattva Ma Anand Sheela, M.M., D.Phil.M., D.Litt. stand in ihrem Briefkopf, und in dem Raum, in dem sie Besucher empfing, hing eine Karte mit Stecknadeln – sie zeigten die Bhagwan-Center auf der ganzen Welt an.

In dieses Zimmer wurde auch Anne Geraghty gerufen, nachdem sie bei der Arbeit in Tränen ausgebrochen war. Sie stecke in ihrem Ego fest, sagte Sheela. Damit sie lerne, ein guter Sannyasin zu sein, müsse sie in die Kölner Kommune. „Dort“, sagt Guest, „in einer Wohnung mit 20 Kindern, die ich nicht verstand, bin ich ganz verstummt.“ Er fand einen Platz hinter 50 Matratzen, wenn er sich da durchquetschte, konnte er allein sein und lesen. Seine Mutter war oft zwangsweise allein, Ramateertha, der Kommunenleiter, sagt Guest, habe ihr verboten, mit den anderen Engländern zu essen – vielleicht weil Sheela ihm aufgetragen hatte, die Neue zu disziplinieren. „Köln war die Deponie für alle Rebellen“, sagt Guest. Er erinnert sich noch an Ramateerthas langen Bart. „Es gab da diese Sannyasin-Regel: Je länger der Bart, desto wichtiger der Mann.“

In seinem Nacken kräuseln sich die Haare, zur Fußballermatte fehlt nur wenig, der Bart aber ist ab. Ramateertha sitzt in der Venloer Straße in Köln-Ehrenfeld, ein paar Ecken weiter bietet ein Reisebüro Reisen nach Thailand an, hier im Osho UTA Institut reist man zu sich selbst: Die Begegnung mit dem inneren Kind gibt es für 70 Euro, das Fünfer-Paket Innerer-Mann-Innere-Frau für 320 Euro, und auf der Terrasse tauschen Seminarteilnehmer in der Pause innige Umarmungen.

Schwer vorzustellen, dass sich hier einst ein kleiner Junge hinter Matratzen verschanzte. Auch von Ramateertha – mit bürgerlichem Namen Robert Doetsch – hört man zunächst nichts Beängstigendes, im Gegenteil. Als er erzählt, wie er die Kommune gründete, zu der dieses Haus gehörte, wechselt er von einem Stuhl auf den anderen, so als lasse ihn die alte Begeisterung nicht still sitzen. 1976 war er nach Poona gefahren, „es hatte Gerüchte gegeben, dass Bhagwan sterben würde, und ich dachte: Shit, angucken musst du dir ihn schon, und als ich ihn sah, dachte ich nur noch: Was für ein Mann.“ Nach sechs Wochen schickte Bhagwan ihn mit dem Auftrag, ein Center zu eröffnen, nach Köln zurück. Aus zwei Wohnungen wurden 30, an die 400 Sannyasins zogen ein, „überall auf den Straßen sah man nur rot gekleidete Menschen“, sagt Ramateertha. Heute ist lediglich der Teppich in seinem Büro rot, und in Ramateerthas Stimme hängt ein Staunen, wenn er von früher spricht. Sie hätten ein „Caring“ gehabt, eine Fürsorglichkeit, so habe jeder, der nachts von der Arbeit aus der Bhagwan-Disko kam, noch ein Ei gebraten bekommen.

Glaubt man Kritikern, sollten die Kommunen – 1984 gab es weltweit etwa 280 – vor allem den immer aufwendigeren Lebensstil des Gurus finanzieren. Tatsächlich waren sie kapitalistische Musterbetriebe, Köln vorneweg: Hier betrieben Sannyasins ein Möbelgeschäft, eine Weinhandlung und zwei Diskos.

Dass die Atmosphäre irgendwann kippte, gibt Ramateertha zu. Eines Nachts, seine Schicht in der Disko war vorbei, fand er die Tür zur Küche verschlossen vor – kein Ei mehr, eine Anweisung Sheelas, über die er sich noch heute empört: „Das war doch Teil des Carings!“ Immer mehr habe Sheela sich eingemischt, Geld gefordert und gleichgeschaltet. Als angepasst will Ramateertha die Kommune trotzdem nicht gelten lassen. „Wir haben gekämpft“, sagt er. Wie verschwindend klein die Siege waren, zeigt die einzige Erfolgsgeschichte, die er erzählt: Immerhin, sagt Ramateertha, habe es in Köln bis zuletzt Brötchen zum Frühstück gegeben. Überall sonst habe Sheela sie aus Kostengründen durch Brot ersetzt. Selbst in die Hand nahmen die Kölner Jünger ihr Geschick erst 1986, als Bhagwan festgenommen worden war. In einem nie zuvor da gewesenen Akt der Demokratie stimmten sie über die Zukunft der Kommune ab und beschlossen ihre Auflösung. Danach, es war Weiberfastnacht, gingen sie zusammen Karneval feiern.

Die Gemeinschaft wirkt bis heute fort - das Osho UTA Institut gehört zum Lotus Verein, Vorstand ist Ramateertha, das im selben Haus gelegene Restaurant Osho''s Place wird von einer ehemaligen Jüngerin betrieben, drei Arztpraxen in der Nähe gehören auch Sannyasins. Wie es in den Achtzigern so weit kommen konnte, dafür hat Ramateertha eine Erklärung, die Bhagwan entlastet. Nie, sagt er, habe er verstanden, wie das mit den Nazis passieren konnte – bis sein Meister es ihm zeigte. Nichts anderes als „ein gigantisches Lehrstück“ über die Entstehung faschistoider Strukturen habe der Guru, der nach der Eskalation in Oregon zu mehr Eigenverantwortung aufrief und die rote Kleidung abschaffte, im Sinn gehabt. Und dafür war die machthungrige Sheela sein Instrument: „Wir alle waren Sheela. Wir alle waren Hitler. Wir alle haben den gleichen Despoten in uns.“

Draußen falten sich Wiesen auf und nieder, eingesprengselt zwischen Berg und Tal weiden Ziegen, drinnen läuft eine alte Frau mit rosa Stofftier klagend umher. „Komm her, wenn du kuscheln willst“, sagt Sheela zu ihr und öffnet die Arme. Seit 1990 leitet Sheela in der Schweizer Idylle nahe Basel ein Wohnheim für Menschen wie die Frau, die sich nun an sie klammert. Wer hier wohnt, ist alt oder psychisch krank, Sheela lebt mitten unter ihnen, selbst nachts steht die Tür zu ihrem Zimmer offen. Neulich war sie mit den Bewohnern in Ägypten, und all diese Menschen, die selbstmordgefährdet sind, einen Katheter tragen, Rundumbetreuung brauchen, lagen in der Sonne wie andere Touristen. „Liebe ist die Basis meiner Arbeit“, sagt Sheela, diese Auskunft muss vorerst reichen. Wenn die Patienten schlafen, ist Zeit für mehr, vielleicht auch für Fragen nach dem Ende in Oregon und der Rolle, die Sheela dabei spielte.

„Schlimmer als Watergate“, titelte die sekteneigene Zeitung damals. 1984 wurden nahe der Ranch 751 Menschen mit Salmonellen vergiftet. Aufgeklärt wurde der Vorfall ein Jahr später durch Bhagwan selbst: Er bezichtigte Sheela, ihn abgehört und 55 Millionen Dollar entwendet zu haben, außerdem einen Mordanschlag auf einen Richter verübt zu haben und für die Salmonellenvergiftung verantwortlich zu sein – offenbar ein Probedurchlauf, weil Sheela plante, die Sannyasin-feindlichen Bürger Oregons bei den anstehenden Wahlen außer Gefecht zu setzen. In einem fulminanten Showdown stürmten Polizisten die Ranch, in Aschenbechern, Telefonen und in Bhagwans Zimmer fanden sie Wanzen und unter Sheelas Haus einen Raum mit Salmonellenkulturen.

Bei der Festnahme bekannte Sheela sich schuldig und bekam allein für den Mordversuch 20 Jahre, wurde aber zur Überraschung vieler wegen guter Führung nach knapp zweieinhalb Jahren entlassen. Bhagwan musste – unter anderem für seine angeblich aus medizinischen Gründen erfolgte Einreise – 400000 Dollar zahlen und Amerika verlassen. Er kehrte nach Poona zurück, viele Jünger folgten ihm. Sheela wurde zum Feindbild, und ein lokaler Radiosender produzierte ein Lied mit dem Titel: „Shut up, Sheela“.

An diesem Abend in der Schweiz wünscht man sich, Sheela würde reden, doch sie, bei der die Fäden zusammenlaufen, weigert sich, das Knäuel an Fragen zu entwirren. Sie sei nur der Sündenbock für Bhagwans wachsende Gier gewesen, sagt sie, ansonsten sitzt sie im Schneidersitz auf dem Sofa und schweigt unwillig, und als die Fragen nicht enden, greift sie nach der Fliegenklatsche. „Meine Wahrheit ist, dass ich unschuldig bin“, sagt sie, haut dicht neben dem Kopf der Besucherin gegen die Wand und klaubt befriedigt eine tote Fliege vom Sofa. „Otherwise there is no Ruhe tonight.“

Die Vergangenheit muss also auch ruhen, erst später wird sie wieder lebendig im Gespräch, in einem anderen Zusammenhang, der es Sheela womöglich leichter macht sich zu äußern. Es geht um Cora, ihre Hündin, sie liegt auf einem Laken vor dem Bett, Sheela hockt neben ihr – ein Bild des Friedens, dem Sheela besonderen Wert beimisst aufgrund Coras Vorlebens. Früher habe sie sich hinterrücks an Menschen herangeschlichen, nach ihnen geschnappt und dann unschuldig getan. Jetzt lässt sie sich von Sheela liebkosen. „Wie gut sie geworden ist. Das hätte niemand geglaubt.“

Auf einem Sannyasin-Newsletter aus den Achtzigern ist ein Brettspiel abgebildet. „Baum für Bhagwan gepflanzt: 60 Felder nach vorn“, steht da und „Eigenes Ding gemacht: Einmal aussetzen“. Wieso waren Menschen, die eigentlich ausbrechen wollten, bereit sich dermaßen unterzuordnen? „Jedes Zeitalter hat die Sekte, die es verdient“, sagt Gunther Klosinski, Psychiater und Verfasser des Buchs „Warum Bhagwan?“. Heute seien die Menschen Narzissten, dazu passend verspreche Scientology, dass jeder ein Einstein werden könne. „Damals im Kalten Krieg gab es das Bedürfnis nach einer weltumspannenden Gemeinschaft.“ Die Therapien taten ihr Übriges, die Jünger zu binden. Sich Bhagwan anzuschließen hieß die eigenen Grenzen überschreiten – man hatte Sex mit Fremden, prügelte sich, brach heulend zusammen. „Bildlich gesprochen schnitt man den Jüngern die Bäuche auf“, sagt Klosinski. „Doch hat man sie nicht wieder zugenäht.“

Während viele Menschen heute noch an den Folgen tragen, übt man sich andernorts im Vergessen. Die Big Muddy Ranch gehört einer christlichen Jugendorganisation, im Meditationshaus stehen nun Kletterwände, über die Vergangenheit der Ranch spreche er nicht gern, sagt der Manager. Der Ashram in Poona heißt Resort und hat Swimmingpool und Tennisplatz wie ein gutes Hotel. Und in London hat Osho International gerade einen neuen Vertrag über ein Osho-Buch geschlossen. Es handelt vom Umgang mit Krisen.

Nach der Recherche, im August 2009 starb Tim Guest überraschend an einem Herzinfarkt.

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