DIE GESCHICHTE : Kindergeld im alten Rom

Zu wenig Nachwuchs – dieses Problem wurde schon in der Antike diskutiert. Augustus versprach Vätern im Jahr 9 bessere Jobs. Spätere Kaiser gaben den Eltern bare Münze.

Andreas Austilat
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In der Legion wurden die heimischen Rekruten knapp. -Foto: dpa

Gerade erst waren die Legionen siegreich vom Balkan zurückgekehrt. Und üblicherweise war das ein Anlass für ausgedehnte Feierlichkeiten. Doch diesmal, im Frühling des Jahres 9 nach Christi Geburt, war Augustus, erster Kaiser des römischen Imperiums, ganz und gar nicht in Partylaune. Schuld hatte der junge Adel, der sich anschickte, ihn, den Göttlichen, zu kritisieren für sein Gesetzeswerk, dessen letzten Baustein er gerade verkündet hatte: Die Lex Papia Poppaea. Ein harmlos klingender Name, und doch war das Sprengstoff. Denn die Lex stand für das neue Eherecht.

Was folgte, hat Cassius Dio überliefert, ein römischer Geschichtsschreiber. Augustus ließ den Ritterstand in zwei Gruppen antreten, hier die Verheirateten einschließlich jener mit Kindern, dort die Ledigen. Und dann hielt er ihnen eine Ansprache.

Zunächst wandte er sich den Vätern und Ehemännern zu, der weit kleineren Gruppe, wie er bedauernd feststellte. „Männer“, rief er über das Forum, „mit Recht dürftet ihr allein diese Bezeichnung führen“. Denn, und das galt vor allem für die Väter unter ihnen, sie hätten „das Vaterland wieder mit Menschen erfüllt“. Fortgetragen von seiner eigenen Rede wurde der Imperator, mit beinahe 72 selbst eher im Großvateralter, sogar ein wenig rührselig. „Ist es nicht geradezu eine Wonne, ein Kind, das die Eigenschaften beider Elternteile in sich vereinigt, anzuerkennen, zu ernähren und zu erziehen“, fragte er, „zugleich ein Abbild des eigenen Körpers und der eigenen Seele?“ Mit dem Versprechen, dieser Gruppe allerlei Geschenke zukommen zu lassen, beendete Augustus seine Rede.

Dann waren die anderen dran.

„Räuber“, nannte er sie, „wildeste Tiere“, denn „es ist niemand unter euch, der für sich allein speist oder allein schläft; nein, ihr wollt nur volle Freiheit, um eurer Geilheit und Zuchtlosigkeit frönen zu können.“ Endlos schien seine Tirade gegen jene, die da kinderlos vor ihm standen, denn „Menschen würden nun einmal nicht aus der Erde wachsen, um euren Besitz und die öffentlichen Aufgaben zu übernehmen und die alten Mythen weiterzutragen.“ Und falls irgendeiner auf dem Platz nicht mehr wusste, von welchen Mythen der alte Imperator gerade sprach, erzählte er sie gleich selbst: Die Legende von den Sabinerinnen, Frauen aus dem Nachbarvolk, die die Altvorderen entführt hatten, um mit ihnen junge Römer zu zeugen. Und jetzt? Wenn das so weitergeht, werde „der Römername mit uns erlöschen, die Stadt aber Fremden anheimfallen, Griechen oder gar Barbaren.“

Die Sorge des Kaisers war vorerst unbegründet. Es sollte noch 400 Jahre dauern, bis der Westgote Alarich als erster Barbar mit gezogenem Schwert durch Roms Stadttor trat. Die Angst davor trieb aber nicht nur Augustus um, und sie war älter als das noch junge Kaiserreich. Schon zu Zeiten der römischen Republik mehr als 100 Jahre vor Augustus hatte Konsul Quintus Caecilius Metellus Macedonicus, selbst sechsfacher Vater, über lendenlahme Kollegen und deren Hang zur Kleinfamilie gewettert. Dabei machten die es doch nicht anders als die alten Griechen, ihre zivilisatorischen Vorbilder. Deren Poet Hesiod hatte schon in grauer Vorzeit empfohlen: „Nur ein einziger Sohn soll gezeugt sein, das Haus seines Vaters dann zu hüten; so wächst ja der Reichtum in den Gemächern.“ Denn, so Hesiod weiter: „Mehrere mehren die Sorgen.“

Die Furcht vor dem demographischen Niedergang begleitete die Römer durch ihre ganze tausendjährige Geschichte. Gern wird in diesem Zusammenhang das Bild des dekadenten Taugenichts beschworen, der sich Weintrauben verschlingend auf seiner Speiseliege räkelt. Dabei ähnelt die antike Debatte durchaus der des Jahres 2008 hierzulande. Gerade erst hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung den Deutschen wieder einmal bescheinigt, immer weniger zu werden – mit voraussichtlich dramatischen Folgen vor allem im ländlich, brandenburgischen Raum. Von verlassenen Dörfern und schrumpfenden Städten ist die Rede. Steigende Geburtenzahlen aber scheinen nur mit finanziellen Leistungen erkauft werden zu können. Für den Herbst kündigt die Bundesregierung den Existenzminimumbericht an, daran anschließen soll sich die Debatte um eine etwaige Erhöhung des Kindergeldes.

Diese Diskussion kannten die Römer auch schon. Die Gesetzesinitiative des Augustus hatte eine eindeutig bevölkerungspolitische Komponente. Sie sah nicht nur eine Ehepflicht für römische Männer ab dem 25. und Frauen ab dem 20. Lebensjahr vor. Kinderlose Paare, mussten auch mit Nachteilen etwa beim Erbrecht rechnen, höhere Ämter blieben dem Mann im schlimmsten Fall verschlossen. Väter durften dagegen nicht nur auf bessere Sitzplätze im Circus oder im Theater hoffen, ihnen wurden, wenn sie denn wenigstens drei Kinder zeugten, Steuererleichterung und raschere Beförderung versprochen. Drei Kinder galten bei der damals hohen Kindersterblichkeit als Minimum, rechnete man doch ohnehin damit, dass nur eines durchkommen würde. In den Provinzen galten sogar fünf Kinder als anzustrebendes Maß.

Alle Mühe des Augustus, der Geburtenrate im Imperium auf die Sprünge zu helfen, fruchteten offenbar wenig. Der zeitgenössische Chronist Tacitus kommt jedenfalls in seinen Annalen zu dem Schluss: „Doch nahm darum die Zahl der Eheschließungen weder zu, noch wurden mehr Kinder aufgezogen. Die Kinderlosigkeit blieb vorherrschend.“ Das galt pikanterweise auch im Kaiserhaus selbst. Der sittenstrenge Augustus war zwar dreimal verheiratet, hatte aber nur eine leibliche Tochter. Und diese, Julia, wurde wegen ihrer wechselnden Affären vom eigenen Vater in die Verbannung geschickt.

Warum aber wollte der antike Römer keine drei Kinder, wie sie ihm sein Imperator gern vorschreiben mochte? Weil er, wie Lothar Wierschowski, Althistoriker und Experte für historische Demographie glaubt, als Bürger einen vergleichsweise hohen Lebensstandard genoss und angesichts des nicht versiegenden Nachschubs an Sklaven nicht auf die eigene Familie angewiesen war, damit die ihn im Alter versorgte. Zählte er aber zu den Armen im Reich, hatte er ebenfalls Grund zur freiwilligen Beschränkung. Was sollte er mit vielen Kindern, wenn ihn sein Land nicht mehr ernährte?

Der verbreitete Unwille, eine Großfamilie zu versorgen, schlägt sich auch in der antiken Literatur nieder. Plinius der Jüngere schreibt in seinen Briefen, ein einziges Kind würde von vielen schon als Last angesehen. Mehrere galten da wohl als Drama. Titus Petronius, Autor des antiken Romans „Satyricon“ weiß auch warum: Wer mehr Kinder aufziehe würde doch weder zum Essen noch ins Theater eingeladen. Und Juvenal, der bitterböse Satiriker, schreibt, nur die armen Frauen „setzen sich dem Risiko einer Geburt aus und ertragen, da ihre Verhältnisse sie dazu zwingen, alle Widrigkeiten einer Amme; doch im vergoldeten Bett liegt kaum jemals eine Gebärerin.“ Warum sollte sie auch? Die Frau, die über Geld und Einfluss verfügte, hatte andere Möglichkeiten, denn, so Juvenal weiter: „So viel leisten die Kunstfertigkeit, die Medikamente dessen, der gegen Bezahlung Frauen unfruchtbar macht oder menschliche Wesen im Mutterleib umbringt.“

Wer aber war imstande, Frauen fast 2000 Jahre vor der Pille vor ungewollter Schwangerschaft zu bewahren? Jemand wie Soranus von Ephesos zum Beispiel, der etwa um 100 nach Christus, also zu Lebzeiten Juvenals, als Arzt in Rom praktizierte und nicht nur ein antikes Standardwerk über Chirurgie veröffentlichte, sondern auch noch eines über Gynäkologie. Darin geht Soranus auf geeignete Methoden zur Abtreibung ein, wenngleich er der Verhütung in seinem Buch zunächst den Vorzug gibt, „weil es ungefährlicher ist, die Befruchtung zu verhindern."

Die von den antiken Gelehrten empfohlenen Verhütungsmittel klingen allerdings reichlich seltsam. Man ahnte zwar, dass während der Menstruation und kurz danach keine Befruchtung erfolgen würde, vertraute aber auch auf Zaubersprüche oder die Empfehlung, sich nach dem Verkehr hinzuhocken und ein Niesen zu provozieren, anschließend müsse die Vagina gespült werden. Ob den Römern das Kondom bekannt war, ist nicht bewiesen, Mittel der Wahl waren neben dem Coitus Interruptus eine Art Pessar, das mit allerlei Tinkturen behandelt wurde. Und so dürfte wohl der Schwangerschaftsabbruch die häufigere Form der Geburtenkontrolle gewesen sein. Der Medizinhistoriker Robert Jütte schätzt, dass antiken Ärzten wie Soranus über 200 Abtreibungsmittel bekannt waren, darunter allerlei Kräuter, die eine Fehlgeburt einleiten sollten. 90 Prozent seien als recht wirksam einzuschätzen.

Soranus verweist in seiner Schrift auf eine Kontroverse unter den antiken Ärzten zwischen jenen, die unter Berufung auf Hippokrates den Eingriff ablehnten und denen, die bereit wären, ein Mittel zur Abtreibung zu verabreichen. Und zwar nicht, weil die Frauen „Sorge um ihre jugendliche Schönheit“ hätten, sondern weil es Fälle gebe, in denen Gefahr für das Leben der Mutter bestünde. Die Debatte war aber eher akademisch, denn der Schwangerschaftsabbruch war keineswegs verboten.

Noch zu Soranus Zeiten gelangte im Jahr 96 Kaiser Nerva auf den Thron. Zwar starb Nerva schon zwei Jahre später, doch in diesen zwei Jahren startete der Kaiser eine vollkommen neue bevölkerungspolitische Initiative: eine Art staatliches Kindergeld. Und sein Nachfolger Traian sollte dieses Kindergeldsystem sogar noch erweitern.

Das kaiserliche Alimentarprogramm hatte eine Reihe privater Vorläufer. In verschiedenen Städten des Imperiums hatten reiche Gönner bereits im Lauf des ersten Jahrhunderts mehrere Stiftungen begründet, aus denen notleidende Kinder unterstützt wurden. Meistens wurden Jungen dabei begünstigt, es gab aber auch Fälle wohlhabender Stifterinnen, die ausdrücklich Mädchen bevorzugten, um der ungerechten Praxis etwas entgegenzusetzen.

Vielleicht konnte Nerva es sich schlicht nicht leisten, dass sich Privatleute großzügiger zeigten als das Kaiserhaus, das unter dem Amtsvorgänger Domitian an Ansehen eingebüßt hatte. Noch wichtiger aber war nach Auffassung des Historikers Lothar Wierschowski der Wunsch, dem Geburtenrückgang unter der römischen Bevölkerung Italiens entgegenzuwirken, „und zwar mit Mitteln, die effektiver waren als die als repressiv empfundenen Ehegesetze des Augustus“. Zumal sich gegen Ende des ersten Jahrhunderts abzeichnete, dass der Anteil der Italiker in den Legionen mangels Rekruten stetig zurückging und nur noch bei etwa 25 Prozent lag.

Für die Einrichtung ihrer Alimentarstiftung betrieben die Kaiser einen erstaunlichen Aufwand. Zwar ist ungesichert, ob das System flächendeckend bestand, zumindest von 53 Gemeinden ist aber überliefert, dass sie daran teilnahmen. Der Kaiser stellte ihnen eine Summe zur Verfügung, die an Bauern als Darlehen vergeben werden konnte. Die Zinsen, die dafür zu entrichten waren, wurden als Kindergeld ausgezahlt. Auf diese Weise konnte der Kaiser hoffen, Landwirtschaft und Bevölkerungswachstum zu fördern. In der Gemeinde Veleia, um ein überliefertes Beispiel zu nennen, waren das 16 Sesterzen für Knaben und 12 Sesterzen für Mädchen aus legitimer Ehe, Kinder aus nicht legitimer Ehe kriegten 12 bzw. 10 Sesterzen. Für einen Sesterz bekam man etwa ein Kilo Brot, die Summe reichte also nicht für den alleinigen Lebensunterhalt, war aber ein beachtlicher Zuschuss. Allerdings ist davon auszugehen, dass keineswegs jedes Kind in den Genuss dieses Geldes kam.

Plinius der Jüngere, Politiker und Redner, der der Nachwelt vor allem als Augenzeuge des Untergangs von Pompeji bekannt wurde, war dennoch des Lobes voll. Er schmeichelte Kaiser Traian: „Dass diese Kinder geboren werden, geschieht doch allein deinetwegen.“ Denn, so Plinius weiter, „mehr als alles zählt, dass unter einem Herrscher wie du es bist, Kinder zu haben Freude bereitet und Vorteil bringt.“ Traian wird es gern vernommen haben. Und er stellte sogar zwei neue italische Legionen auf. Ein Erfolg seiner Stiftung? Das darf wohl als Propaganda abgetan werden.

Diese Form des Kindergeldsystems wurde unter Traians Nachfolger Hadrian noch ausgebaut. Doch das änderte offenbar nichts daran, dass es Rom weiter an Rekruten und an Pachtbauern mangelte. Vielleicht steht auch eine Maßnahme des Septimus Severus in diesem Zusammenhang: Der Kaiser stellte 100 Jahre nach Traian den Schwangerschaftsabbruch unter Strafe – allerdings nur, wenn er ohne Zustimmung des Mannes erfolgte.

Die Familie mit einem oder zwei Kindern blieb trotzdem überall im Imperium das favorisierte Modell. Jedenfalls glaubt der Experte für historische Demographie, Lothar Wierschowski, das anhand von bildnerischen Darstellungen und Grabinschriften belegen zu können. Vergleichsweise selten ist dort von mehr als zwei Kindern die Rede. Das ist bei der damaligen Kindersterblichkeit zu wenig, um einen Bevölkerungsrückgang zu verhindern.

Bestätigte sich am Ende also doch die Sorge des Augustus? Und war die prinzipielle Zurückhaltung bei der Familiengründung eine Ursache für den Untergang des römischen Reiches?

Die These ist unter Historikern umstritten, auch Wierschowski lässt die Stagnation in der Bevölkerungsentwicklung allenfalls als einen unter vielen Gründen für den Fall Roms gelten. Eines aber ist unstrittig: Mit Kindergeld allein ist ein Weltreich nicht zu retten.

Niederlage in Germanien Drei römische Legionen, also mindestens 15 000 Soldaten, werden in Germanien vernichtend geschlagen. Das Massaker wird als Schlacht im Teutoburger Wald bekannt. Um den Rhein als Grenze zu sichern, muss Rom Legionen aus Britannien und Ungarn abziehen.

Dichter im Exil

Der auf Befehl des Augustus im Herbst des Jahres 8 in die Verbannung geschickte römische Dichter Ovid lebt jetzt in Tomis, dem heutigen Konstanza, am Schwarzen Meer. Ovid hatte sich mit seinen erotischen Liebesgedichten den Zorn des Kaisers zugezogen. Seine Bitten, heimkehren zu dürfen, werden nicht erhört. Rom wird er nie wiedersehen.

Unruhe in Britannien

In England erobern die Catuvellaunen das Gebiet der mit den Römern verbündeten Trinovanten und besetzen deren Hauptstadt Camulodunum, das heutige Colchester.

Thronwechsel in China

In China gelangt Wang Mang auf den Kaiserthron. Damit endet nach über 200 Jahren die Herrschaft der östlichen Han Dynastien. Wang Mang blieb als Herrscher allerdings glücklos und fiel einem Aufstand zum Opfer.

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