Erinnerungskultur : Eine schräge Geschichte

Berlin, geprägt von Stasi und Mauer? Die Britische Historikerin Mary Fulbrook kritisiert das Geschichtsbild der Hauptstadt.

Markus Hesselmann
Zionskirche
Unter aller Augen. Die 1986 in der Berliner Zionskirche gegründete Umweltbibliothek war ein Treffpunkt für DDR-Oppositionelle. -Foto: Ullstein

CambridgeMary Fulbrook holte den Stadtplan aus der Tasche, den sie immer dabei hat. Auf einem Empfang nach einem Konzert war sie, die Berlin-Expertin, gefragt worden, was man sich denn in der deutschen Hauptstadt als historisch interessierter Tourist am besten anschauen könne. Mary Fulbrook zeigte einige Sehenswürdigkeiten auf der Berlin-Karte. Doch auf einmal wurde ihr klar, dass da irgendetwas nicht stimmte.

„Die Touristen-Geschichten, die in Berlin erzählt werden, führen in die Irre“, sagte die Historikerin jetzt bei einem Vortrag in Cambridge. Die renommierte Deutschland-Kennerin vom University College London beschäftigte sich mit der Erinnerungskultur in der deutschen Hauptstadt und kritisierte vor allem die Aufarbeitung der DDR-Geschichte in Berliner Gedenkstätten und Museen. Ihr Vortrag war ein Beitrag zur interdisziplinären Konferenz „In Evidence – Witnessing Cities and the Case of Berlin“ (Erkennbarkeit – Städte als Augenzeugen und der Fall Berlin) des Germanistischen Instituts der Universität Cambridge. Mary Fulbrook hält die Präsentation der DDR-Geschichte in Berlin für zu stark fixiert auf die Stasi und die Mauer.

Die Ausstellungen und Führungen für sich seien korrekt und gut, doch es fehle an individuellen Geschichten im historischen Kontext, sagte die Autorin von Büchern wie „The People’s State: East German Society from Hitler to Honecker“ oder „A History of Germany 1918-2000: The Divided Nation“. 80 Prozent der Bevölkerung blieben in den Darstellungen außen vor, fast immer ginge es um hohe Funktionäre auf der einen und profilierte Intellektuelle auf der anderen Seite. Die mittlere Ebene werde kaum berücksichtigt.

Die Fixierung auf die Unterdrückungsinstrumente Mauer und Stasi mache aus allen DDR-Bürgern Opfer, sagte Mary Fulbrook. Komplizentum und Einverständnis würden dadurch ausgeblendet. Fragen wie: „Konnte man in der Diktatur glücklich sein, zu welchem Preis und auf wessen Kosten?“ würden kaum gestellt. Doch auch die Opposition an der Basis kommt für Mary Fulbrook in den offiziellen Präsentationen zu kurz. Ein wichtiger Schauplatz wie die Zionskirche in Mitte, Standort der oppositionellen Umwelt-Bewegung, sei für Berlin-Besucher kaum auffindbar.

Wenn Mary Fulbrook mehr Mut zur Differenzierung, zum Kontext und zur Komplexität in der Erinnerungskultur forderte, dann lieferte Thomas Elsaesser ein Beispiel dafür. Der Filmwissenschaftler bewegte sich über die Grenzen seines Fachs hinaus und befasste sich mit der Insel Dommelwall im Seddinsee als Beispiel für einen Berliner Erinnerungsort. Der Gartenbauarchitekt Leberecht Migge, der unter anderem die Grünanlagen für die Berliner Großsiedlung Onkel Toms Hütte gestaltet hatte, versuchte hier in den frühen 30er Jahren seine Ideen vom Aussteigen und von der Selbstversorgung in die Praxis umzusetzen. Migge sei ein Urahn der grünen Bewegung, sagte Elsaesser, aber seine Ideen ließen sich auch gut in die Blut-und-Boden- und Volksgesundheits-Ideologie der Nazis einbauen. „Er hatte Glück, dass er 1935 starb.“

Eher politisch-historisch als streng literaturwissenschaftlich befasste sich die amerikanische Germanistin Charity Scribner mit dem Erinnerungsort Berlin. Die Professorin vom Massachusetts Institute of Technology arbeitet zurzeit an einem Buch über den deutschen Terrorismus. Im Diskurs über den Linksextremismus in Deutschland vermisst sie eine genauere Auseinandersetzung mit dessen antisemitischen Strömungen. Dieser „dunkle Pfad der deutschen Radikalisierung“ müsse stärker mit dem schönen Schein des linken West-Berlin kontrastiert werden, forderte Scribner.

Die „Stunde null des deutschen Terrorismus“, der versuchte Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindehaus in Berlin 1969, sei noch nicht wirklich aufgearbeitet. Zentrales Dokument für ihre These über Antisemitismus in der radikalen Linken ist Dieter Kunzelmanns „Brief aus Amman“ von 1969. Darin ruft Kunzelmann seine Genossen auf, ihren „Judenknax“ zu überwinden und sich dem Kampf gegen Israel anzuschließen. Ins Bild passten auch beliebte linke Stilisierungen der Unterdrückung der Palästinenser zu einem „mediterranen Auschwitz“. Scribner knüpft damit an eine Debatte an, die vor zwei Jahren durch Wolfgang Kraushaars Buch über den Anschlag von 1969 aufflackerte, aber bald wieder nachließ. Jetzt soll sie weitergehen. Mit ein bisschen Hilfe aus Amerika.

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