Geschichte Berlins : Die andere Seite der Blockade

Vor 60 Jahren: Die West-Berliner hungern – da bieten ihnen die ostzonalen Behörden Lebensmittel an, die sie der eigenen darbenden Bevölkerung vorenthalten. Von absurden Geschäften mit dramatischen politischen Folgen.

Volker Koop

In der Nacht zum 24. Juni 1948 unterbrachen sowjetische Truppen die Eisenbahn- und Straßenverbindungen zwischen Berlin und Westdeutschland, wenige Tage später auch die Wasserwege.

Die Blockade hatte begonnen.

Doch wenn davon gesprochen wird, West-Berlin wäre in den folgenden Monaten völlig isoliert gewesen, dann ist dies so nicht richtig. Denn die Sowjetunion verzichtete auf die totale Abschnürung der Westsektoren – obwohl ihr dies mit ihren zu diesem Zeitpunkt etwa 350 000 in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) stationierten Soldaten ohne Weiteres möglich gewesen wäre.

Die innerstädtischen Grenzen zwischen dem sowjetischen Sektor und denen der Westalliierten blieben weitgehend offen, der Weg ins Brandenburger Umland war fast immer möglich. Viele Berliner nutzten ihn, um sich mit Kohle oder frischem Gemüse, mit Kartoffeln oder Milch zu versorgen. Geschäftstüchtige Potsdamer organisierten mit Pferdefuhrwerken sogar einen Zubringerdienst, fuhren Kohle zu ihrem Bahnhof, welche die West-Berliner dann kiloweise mit der S-Bahn nach Hause brachten.

Den SED-Landesvorsitzenden Hermann Matern veranlassten solche Hamsterfahrten am 3. Oktober 1948, von „200 000 zersetzenden Berlinern“ zu sprechen. Sie hätten nicht nur Kohle, sondern auch 100 000 Tonnen Kartoffeln und Gemüse schwarz in die Stadt geholt. Ausplünderung nannte er das, Razzien waren die Folge. Am 23. Oktober beispielsweise stellte die Brandenburger Polizei bei Zugkontrollen fest, dass vier von fünf Reisenden Berliner „Hamsterer“ waren. Unbehelligt machten sich derweil Tag für Tag West-Berliner mit einem kleinen Motorkahn vom Westhafen auf den Weg nach Frankfurt (Oder), um dort Gemüse, Kartoffeln und Brennstoffe zu holen. Ein äußerst lukratives Geschäft in jener Zeit. Und während die West-Berliner unter extremer Stromknappheit litten, und der sowjetische Stadtkommandant Stromlieferungen in den Westteil stoppte, wurde in einem internen Bericht der Bewag vom 12. Oktober 1948 eingeräumt, dass die sowjetische Zentralkommandantur Strom aus West-Berlin bezog. Ohnehin flösse mehr Strom von West nach Ost als umgekehrt. Da war West-Berlin immerhin schon seit fast vier Monaten blockiert.

Der Handel zwischen West- und Ost-Berlin beziehungsweise der SBZ wurde zu Blockadezeiten sogar zunächst ausgeweitet. Dafür gründete die ostzonale Verwaltung im Juli 1948 die „Handelsorganisation Groß-Berlin“, um damit Zugang „größeren Stils in die West-Berliner Industrie“ zu bekommen. Erst meldeten sich kleine und mittlere Betriebe, dann Großunternehmen wie AEG oder Siemens. Die AEG brauchte im Monat 331 Tonnen Kohle, um eine 40-Stunde-Arbeitswoche aufrechterhalten zu können, erhielt aber über die Luftbrücke nur zehn Tonnen. Den Rest besorgte sie sich aus der SBZ. Markant ist das Beispiel der Zehlendorfer Spinnstofffabrik. Sie lieferte zehn Tonnen Zellstoff in den Ostsektor und bekam als Kompensation 1000 Tonnen Kohle. Am 23. Oktober 1948 stellte der US- Geheimdienst in seinem Intelligence Report Nr. 23 sogar die Frage, wie blockiert Berlin eigentlich sei und sprach von einem „anhaltenden erheblichen Güteraustausch“.

Die Blockade war durchlässig. Trotzdem führte sie zu Entbehrungen in West-Berlin, und sie war ein Politikum. Es ging um die Präsenz der westlichen Alliierten in der Stadt. Und den westlichen Militärgouverneuren war klar, dass sie den West-Ost-Handel unterbinden mussten. Denn ohne Druck bestünde keine Chance zur Aufhebung der Sperrmaßnahmen.

Im September 1948 verhängten sie die sogenannte Gegenblockade, die alle Geschäfte zwischen west- und ostdeutschen Firmen untersagte. Die ostdeutsche Wirtschaft bekam die Folgen dieser Gegenblockade bald zu spüren. Weil Maschinen und Ersatzteile ausblieben, mussten immer mehr Fabriken die Produktion drosseln oder ganz einstellen. Damit aber waren sie nicht mehr in der Lage, die Reparationsforderungen zu erfüllen, die die Sowjets als Kriegsentschädigung verlangten. Mit der Gegenblockade berührten die westlichen Alliierten somit massiv und direkt Moskauer Interessen, abgesehen davon, dass die Versorgung der ostdeutschen Bevölkerung sich weiter verschlechterte.

Auch die westdeutschen Länder kostete die Solidarität mit West-Berlin viel Geld, und das reichte kaum für die eigenen Bedürfnisse. Hessens stellvertretender Ministerpräsident Werner Hilpert (CDU) ging so weit, die Hilfe für Berlin ganz infrage zu stellen, da er in ihr eine „politische Aktion der Amerikaner gegen die Russen“ sah. Hamburgs Bürgermeister Max Brauer (SPD) spielte mit dem Gedanken, die West-Berliner Bevölkerung zu evakuieren. Am 30. September 1948 schlug er vor, wöchentlich sollten 20 000 Berliner ausgeflogen werden, dafür brauche man täglich rund 600 Flugzeuge. Hamburg selbst wolle pro Woche 5000 Berliner aufnehmen – ein Vorschlag, der bei den amerikanischen und britischen Militärgouverneuren Clay und Robertson auf völliges Unverständnis stieß.

Clay ließ die Familien amerikanischer Soldaten in der Stadt, „um nicht die Meinung aufkommen zu lassen, dass wir Berlin aufgeben“. Die Briten, die selbst noch unter den Kriegsfolgen litten, dirigierten für das Königreich bestimmte Getreideschiffe in deutsche Häfen, um die Berliner zu unterstützen. Dafür musste in Großbritannien das Brot rationiert werden.

Die Wirtschaft der Westzonen tat sich mit der Hilfe für Berlin noch schwer. Geliefert wurde zum Beispiel Mehl, Berlins Bürgermeister Ernst Reuter (SPD) verwies darauf, es sei sinnvoller, Getreide zu schicken, denn in der Stadt gab es ausreichend Mühlenbetriebe, deren Beschäftigten die Arbeitslosigkeit drohte. Gern hätte Berlin auch den Auftrag für den Druck von Geldnoten gehabt, die die „Bank deutscher Länder“ benötigte. Die ehemalige Reichsdruckerei in Kreuzberg war trotz Kriegsschäden eine der damals modernsten Druckereien Europas. Mal hieß es von westdeutscher Seite, sie liege zu nahe an der Sektorengrenze, und als die Amerikaner anboten, das Gebäude zusätzlich zu schützen, wurden die in der Druckerei beschäftigten Ost-Berliner zum Sicherheitsrisiko erklärt. Ungeachtet aller Interventionen wurde der 20-Millionen-Mark-Auftrag schließlich nach London vergeben.

Geradezu absurd entwickelte sich die Lage auf dem Ernährungssektor. Da Moskau sich nicht dem weltweit schon erhobenen Vorwurf aussetzen wollte, mehr als zwei Millionen West-Berliner auszuhungern, wurde einen Monat nach Blockadebeginn der „Befehl Nr. 80“ erlassen, nach dem sich alle West-Berliner zur Versorgung mit Lebensmitteln und Brennstoffen im Ostteil anmelden konnten. Hierauf gingen die West-Berliner zwar kaum ein – im März 1949 war mit 103 000 Antragstellern die Höchstzahl erreicht –, dennoch mussten die ostzonalen Behörden sich auf den erwarteten Ansturm vorbereiten. Über die ohnehin festgelegten Mengen hinaus hatten die Länder der SBZ zusätzlich Kartoffeln, Getreide oder Gemüse nach Berlin zu liefern.

Mit Solidaritätsaktionen wie „Der Bauer reicht Berlin die Hand“ wurden die Länder der SBZ gezwungen, über das vorgegebene Ablieferungssoll hinaus Nahrungsmittel nach Berlin zu schicken, obwohl in der Provinz gehungert wurde. Betriebsräte im thüringischen Kreis Sonneberg beispielsweise hatten sich im August 1948 mit Hilferufen an den Ostgewerkschaftsbund FDGB gewandt, weil ein Drittel der Arbeiter in der Porzellanindustrie stark unterernährt war. Ausdrücklich aufgefordert, einen wahrheitsgetreuen Bericht abzugeben, beschrieb der Leiter des Sonneberger Gesundheitsamtes die Lage so: Die Arbeiter „fielen vor Allgemeinschwäche und Entkräftung um“ und weiter: „Die Mangelernährung bringt es mit sich, dass Gewichtsstürze bis zu 30 und 40 Prozent an der Tagesordnung sind, dass die Körpersubstanz immer mehr angegriffen und verbraucht wird.“ In allen Schichten der Bevölkerung zeigten sich die typischen Mangelerscheinungen wie Ödeme, Herzmuskelschwäche, Magen- und Darmerkrankungen oder Sehstörungen. Besonders betroffen waren Kinder, bei denen vielfach die Unterernährung so weit fortgeschritten war, „dass der Organismus eine gehaltvolle Nahrung nicht mehr vertragen und auswerten kann“. Ähnliche Berichte kamen aus allen Regionen der sowjetischen Besatzungszone.

Gleichzeitig quollen die Lager im Ostsektor Berlins über. Am 28. August forderte der Magistrat sogar einen Verladestopp für Lieferungen nach Berlin, bis die Lager geräumt seien. Im Berliner Bezirk Mitte verdarben unterdessen große Mengen Fleisch und Wurst, weil die Stromkontingente für die Kühlung nicht ausreichten, die West-Berliner ausblieben und die Lebensmittel an Ost-Berliner nicht ausgegeben werden durften.

Die Versorgung der Menschen in der SBZ war zu Zeiten der Blockade sogar schlechter als in Berlin. Im November 1948 stand einem West-Berliner Arbeiter eine Tagesration von 2202 Kalorien zu, dem Ost-Berliner 2289. In den Städten der SBZ mussten Arbeiter mit 1818 und auf dem Land mit 1724 Kalorien auskommen. Noch schlechter ging es dem „Normalverbraucher“. In der SBZ bekam er auf dem Land gerade einmal 1541 Kalorien, in West-Berlin dagegen 1882.

Die Situation verschlechterte sich für die West-Berliner allerdings deutlich, nachdem am 5. Dezember 1948 Wahlen zur Statdverordnetenversammlung stattgefunden hatten, an denen sich die Ost-Berliner auf Druck des Kreml nicht beteiligen durften. Die SED erlitt bei diesem von östlicher Seite als „Spalterwahlen“ bezeichneten Urnengang eine katastrophale Niederlage. In der Folge zog sie den sogenannten „Ring um Berlin“ dichter, um „Hamsterfahrten“ und den Schwarzhandel zu erschweren. An den Sektorengrenzen wurden zunehmend Straßensperren errichtet, zeitweise gab es nur noch vier offene innerstädtische Sektorenübergänge.

Die zunehmenden Restriktionen veranlassten die Westalliierten, die Luftbrücke auszubauen. Im Rahmen der „Easter Parade“ 1949 wollten sie dem Kreml die Aussichtslosigkeit der weiteren Blockade vor Augen führen: An einem einzigen Tag wurden 13 000 Tonnen Güter nach Berlin geflogen – wobei eine C 54, die den größten Anteil an den amerikanischen Transportflügen hatte, gerade neun Tonnen befördern konnte.

Schon vor dieser „Easter Parade“ hatte Moskau begonnen, einen Weg zur Aufhebung der Blockade zu suchen, ohne dabei das Gesicht zu verlieren. In einem Interview mit einem amerikanischen Journalisten am 30. Januar 1949 erwähnte Stalin die Währungsreform vom Juni 1948 mit keinem Wort, obwohl die Einführung der D-Mark doch der Vorwand für die Blockade gewesen war. Die Amerikaner fragten, welche Bedeutung die Nichterwähnung habe. Einen Monat später teilte der sowjetische Delegierte im UN-Sicherheitsrat mit, die Währungsfrage sei zwar wichtig, doch könne diese Frage auf einer Konferenz der Außenminister der vier Großmächte besprochen werden, falls eine solche Konferenz zur Prüfung des gesamten deutschen Problems einberufen werden würde. Noch einmal eine Woche später hieß es, die Blockade Berlins könne sogar vor Konferenzbeginn beendet werden. Es dauerte dann noch fast sieben Wochen, bis Armeegeneral Wassilij Iwanowitsch Tschuikow mit dem Befehl Nr. 56 die erforderlichen Anweisungen zur Aufhebung der Sperren erließ.

War nun die Luftbrücke in diesem Ausmaß überhaupt nötig, wenn doch die West-Berliner angesichts des halbherzigen Vorgehens der Sowjetunion bei der Sperrung der Verkehrswege auch andere Wege zu ihrer Versorgung gefunden hätten? Sie war es, zeigte sie doch die Entschlossenheit der West-Alliierten, ihre Position in West-Berlin auf keinen Fall zu räumen. Dies und die demonstrative Ablehnung aller Angebote durch die West-Berliner waren für die Sowjetunion eine empfindliche Schlappe. Gegen diesen ausdrücklich artikulierten Willen konnte sie die West-Sektoren nicht in ihren Herrschaftsbereich eingliedern.

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