Geschichte : Die Kraft ist weiblich

Schiedsrichterin, Boxerin, Soldatin, Kanzlerin, Staatspräsidentin – es gibt keine Männerbastionen mehr. Wozu auch?

Kurt Röttgen

Frauen können stärker als Männer sein, befand Veronica Ferres, nachdem sie Millionen Fernsehzuschauer als couragierte „Frau vom Checkpoint Charlie“ beeindruckt hatte. Weil sie, so die Münchner Schauspielerin, „brennen für das, was sie erreichen wollen“. Der venezolanische Staatschef Hugo Chavez erwartet von ihnen sogar die Lösung globaler Probleme wie Klimawandel oder Bevölkerungsexplosion. Den Glückwunsch an Argentiniens neue Präsidentin Cristina Kirchner verband er mit einer für lateinamerikanische Machos erstaunlichen Erkenntnis: „Frauen werden die Welt retten.“

Sie begnügen sich nicht länger mit der Hälfte des Himmels, schreibt Alice Schwarzer im Jubiläumsbuch „Emma, die ersten 30 Jahre“ – „sie wollen die Hälfte der Welt“. Ob Angela Merkel im November 2005 zur ersten Bundeskanzlerin gewählt wurde oder Monika Piel zwölf Monate darauf an die Spitze des größten ARD-Senders Westdeutscher Rundfunk (WDR), ob Regina Halmich im Boxring zur hoch bezahlten Hauptkämpferin aufstieg, Frauen seit einigen Jahren den Lufthansa-Airbus fliegen oder vor dem Europäischen Gerichtshof das Recht erstritten, in der Bundeswehr Dienst an der Waffe leisten zu dürfen: Reihenweise sind Männerfestungen gefallen, die als uneinnehmbar galten.

So avancierte die Frauen-Nationalelf, vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) erst 1982 zu offiziellen Länderspielen zugelassen, zum Publikumsrenner. Bis zu 11,53 Millionen Fans sahen am letzten Septembersonntag im ZDF das Weltmeisterschaftsfinale gegen Brasilien, der Marktanteil betrug über 50 Prozent. „Frauenfußball ist manchmal attraktiver als das athletische Spiel der Männer“, resümierte DFB-Präsident Theo Zwanziger nach dem zweiten Titelgewinn in Folge. Amtsvorgänger Peco Bauwens hatte das bis 1970 geltende Verbot von „Damenfußball“ noch mit „Verschwinden der weiblichen Anmut im Kampf um den Ball“ begründet.

Die ersten Frauen, die es wagten, in der Öffentlichkeit gegen den Ball zu treten, mussten sogar um das körperliche Wohlergehen fürchten. So berichtete die Frankfurter Metzgerstochter Lotte Specht, dass „Männer Steine nach uns geworfen haben.“ Sie hatte 1930 den 1. DFC Frankfurt gegründet, nach einem Jahr jedoch vor den ständigen Anfeindungen resigniert.

Womöglich markiert der Herbst 2007 für Historiker einmal den Niedergang des Patriarchats. Mit der Sozialpädagogin Hannelore Ratzeburg schaffte erstmals in der 107-jährigen DFB-Geschichte eine Frau den Sprung ins Präsidium. Und als erste Schiedsrichterin pfiff Bibiana Steinhaus (28) ein Spiel in den beiden höchsten deutschen Männerligen. „So untheatralisch und angenehm“, beobachtete Sportpsychologe Hans-Dieter Hermann während der Partie Paderborn gegen Hoffenheim, „dass sich mancher männliche Kollege eine Scheibe abschneiden könnte“. Den begehrtesten Job für die Fußball-WM der Frauen 2011 in Deutschland bekam kein Mann, sondern Steffi Jones. Die 34 Jahre alte frühere Nationalspielerin aus Frankfurt, Tochter einer Deutschen und eines farbigen US-Soldaten, leitet das Organisationskomitee.

Selbst zu Wasser ist es nicht mehr so, wie es war. Seit jeher galt der Spruch „Frauen an Bord bringen Totschlag und Mord“ als eine Art Credo unter Seefahrern. Jetzt meldete die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“: „Frauen segeln besser. Wieder fällt eine Bastion der Männer.“ Auf der Hamburger Außenalster gewannen die Berlinerinnen Ulrike Schümann, Julia Beck und Ute Höpfner die „Meisterschaft der Meister“, bei der die besten deutschen Seglerinnen und Segler in Booten gleicher Bauart antraten.

Am eindrucksvollsten ist jedoch, wie sich die nur 1,60 Meter große und 50 Kilogramm schwere Regina Halmich in der rauen Männerwelt Boxen behauptet. „Frauen sind von Gott für die Küche, das Haus und das Bett bestimmt“, schwadronierte Kiews Oberbürgermeister Alexander Omelschenko, als sie im Dezember 1998 bei einer Boxgala der Klitschko- Brüder in der ukrainischen Hauptstadt kämpfte. Halmich war da bereits drei Jahre Weltmeisterin, aber nicht nur in der Fremde mangelte es an Anerkennung und Respekt. „Man will nicht sehen, dass sich Frauen ins Krankenhaus schlagen“, erklärte Boxpromotor Wilfried Sauerland.

Nächsten Freitag boxt die 31-Jährige zum letzten Mal: In ihrer Heimatstadt Karlsruhe, vor ausverkauftem Haus, das ZDF überträgt live. Die besten Plätze am Ring kosten 431 Euro. Über fehlende Resonanz oder eine Benachteiligung als Frau muss Halmich nicht mehr klagen. Seit Jahren ist sie der Star des Kampfabends, Männer bilden das Rahmenprogramm. Sie garantiert volle Hallen und Einschaltquoten ab fünf Millionen aufwärts, kassiert die höchsten Gagen.

Das habe sie nicht mal geträumt, sagt die frühere Anwaltsgehilfin. Halmich war zwar nie die unterprivilegierte Frau, die in Clint Eastwoods Boxdrama „Million Dollar Baby“ ihr kleines Lebensglück mit den Fäusten erzwingen will. Aber sie war besessen von der Idee, Frauenboxen in Deutschland zu etablieren. „Dieser Ehrgeiz, das ständige Streben nach dem perfekten Boxkampf“, so Halmich, sei immer größer gewesen als die Angst vor Schlägen und Verletzungen.

Halmich schaffte den Spagat zwischen Leistung und Entertainment, in der medialen Spaßwelt eine Voraussetzung für Erfolg. Von 55 Kämpfen hat sie nur einen verloren. Den WM-Titel verteidigt sie kommende Woche gegen die Israelin Hagar Shmoulefeld Finer zum vierundvierzigsten Mal. Es passt zu ihr, wenn sie ankündigt: „Sollte ich verlieren, werde ich noch einmal antreten. Ich verabschiede mich nicht mit einer Niederlage.“ Das ist kein übliches Ballyhoo, um bereits den Rückkampf anzuheizen. Halmich nimmt ihre Pionierrolle ernst.

Populär wurde die zielstrebige Boxerin allerdings erst, als sie 2001 TV-Sprücheklopfer Stefan Raab im Geschlechterkampf das Nasenbein brach. Die zum „Revanchefight“ hochgejazzte Neuauflage sechs Jahre später sahen 19 500 Zuschauer in der bis zum letzten Platz gefüllten Kölnarena und 7,74 Millionen bei Pro Sieben. Dass sie dem 22 Zentimeter größeren und 34 Kilo schwereren gelernten Metzger Raab abermals das dicke Fell gerbte, war für Halmich eine „megageile Show“, für einen nüchternen Experten wie den ehemaligen Klitschko-Trainer Fritz Sdunek eher „Klamauk“. Halmichs Gage: geschätzte eine Million Euro.

Von Selbstinszenierung versteht Halmich offensichtlich nicht weniger als vom Boxen. Schon Thomas Gottschalk staunte in seiner „Late Night“ über die damals kaum bekannte Achtzehnjährige, die völlig unbefangen mit ihm plauderte. Halmich trat bei „Wetten, dass..?“ auf, ließ sich nackt für „Playboy“ und „Max“ fotografieren, veröffentlichte zwei Bücher: ihre Autobiografie „... noch Fragen?“ sowie „Die Kraft ist weiblich“, ein persönlicher Fitnessratgeber. Mit der Zeit interessierten sich immer mehr Menschen für die umtriebige Badenerin. Die höchste Auflage in diesem Jahr brachte dem Fachmagazin „Boxsport“ das Heft, das Halmich in schwarzen Dessous und High Heels auf dem Titel zeigt.

Halmich setzt weiter auf das Medium, dem sie den Aufstieg verdankt. Für Pro Sieben moderiert sie künftig Kampfabende, worauf sie sich mit einem Coachingprogramm intensiv vorbereitet. Das Fernsehen, so Halmich, „hat beim Frauenboxen Gott sei Dank keine Berührungsängste mehr. Es wird nicht mehr zwischen Frau und Mann unterschieden, nur die Quote zählt“. Damit das Geschäft weiter floriert, suchen TV-Sender und Veranstalter eine Nachfolgerin mit Halmichs Boxtalent und PR-Qualitäten.

Erste Erfolgsmeldungen werden bereits verbreitet. „Ich baue Alesia Graf und Ina Menzer zu neuen TV-Stars im Frauenboxen auf“, verkündete etwa Klaus-Peter Kohl, Chef des Universum-Boxstalles. Die 26-jährige Mönchengladbacherin Menzer, „Dynamit-Ina“ genannt, hat ihr BWL-Studium unterbrochen; sie hofft auf einen lukrativen Fernsehvertrag. So wie Susi Kentikian (Kampfname: „Killer- Queen“) oder Julia Sahin, die vom Boxen allein nicht leben kann und nebenher als Betriebsschlosserin arbeitet. Oder auch Deutschlands beste Kugelstoßerin Nadine Kleinert. Nach den Olympischen Spielen 2008 in Peking will sie Boxerin werden.

Doch im internationalen Vergleich dominieren neben Halmich eher die starken Ausländerinnen. Muhammad Alis Tochter Laila zum Beispiel oder die Russin Natascha Ragosina, die auch außerhalb des Boxringes den branchentypischen Erwartungen entspricht. Vor dem Kampf im Berliner Hotel „Maritim“ ließ sie sich mediengerecht von Udo Walz das Blondhaar frisieren und nach ihrem kurzrundigen K.-o.-Sieg über eine Gegnerin aus der Dominikanischen Republik posierte sie lächelnd im 25 000 Euro teuren Zobelumhang.

Die Befürchtung, der Boom im deutschen Frauenboxen könnte nach Halmichs Rücktritt abflauen, ist nicht unbegründet. Im Gegensatz zum Fußball haben die Erfolge der Weltmeisterin aus Karlsruhe keine Sogwirkung entfaltet. Während in den letzten zehn Jahren die Zahl der Fußballerinnen um 24 Prozent auf 955 188 anstieg, sind im Deutschen Boxsport-Verband gerade mal 150 Amateurboxerinnen registriert. Dazu kommen rund zwei Dutzend Profis.

Frauen interessieren sich in Boxklubs hauptsächlich für die Gymnastik. Sie beteiligen sich auch gern am Boxtraining, steigen aber seltener zu Wettkämpfen in den Ring. Aus Furcht vor Schmerzen, Blessuren oder öffentlicher Demütigung. Anders als im Breitensport Fußball fehlt das Netzwerk der Mitspielerinnen, oft auch die Unterstützung durch Familie und Freunde.

Wenn sie im frühen Teenageralter zum Boxen ging, erinnert sich Regina Halmich, waren die Eltern besorgt, ob sie wohl heil zurückkomme. Dass Mädchen auf Bolzplätzen beim Fußball mitmachten, war hingegen vor Jahrzehnten schon selbstverständlich. „Bei Regen musste ich mit meinen beiden Brüdern Skat spielen, wenn die Sonne schien, Fußball“, erzählt die Kölner Sportjournalistin Irmgard Stoffels, mit der SSG Bergisch-Gladbach 1977 Deutsche Meisterin. Auf die von Männern oftmals verbreitete Meinung, Frauenfußball sei unästhetisch, hätten ihre Gladbacher Teamgefährtinnen mit „Emanzipationsgehabe“ reagiert. Dabei, so Stoffels, „kannten die meisten das Wort Emanzipation nur vom Hörensagen. Sie spielten nicht Fußball, um Männern etwas zu beweisen, sondern weil es ihnen Spaß machte“.

Heute empfinden selbstbewusste Frauen ihre immer stärkere Rolle in allen gesellschaftlichen Bereichen als Normalität. „Sie lassen sich von Widrigkeiten nicht schrecken, leben ihre Visionen aus“, sagte Barbara Dickmann der Münchner „Abendzeitung“. Auch deshalb, erkannte die Leiterin des TV-Frauenmagazins „Mona Lisa“, sei die Achtung der männlichen Kollegen vor dem weiblichen Geschlecht gewachsen.

Wobei Alice Schwarzers Ziel noch längst nicht erreicht ist. Nur zehn Prozent aller Topführungskräfte in Europa sind Frauen. Laut EU-Gleichstellungsbericht 2007 liegt das weibliche Durchschnittseinkommen je Arbeitsstunde um 15 Prozent unter dem der Männer. In deutschen Betrieben beträgt die Frauenquote auf der Führungsebene 25 Prozent, Tendenz langsam steigend. Allerdings haben nur vier Prozent der Großunternehmen eine Chefin.

Dass es im Sportjournalismus kaum Frauen in Führungspositionen gibt, bemängelt die eigene Berufsorganisation. Immerhin diente er Maybrit Illner oder Anne Will als Sprungbrett für die Talkshow-Karriere. Sabine Töpperwien leitet beim WDR die Hörfunk-Sportredaktion, auf dem Weg nach oben waren Männer nicht immer hilfreich. „Mädchen, mit Ihnen soll ich über Fußball reden?“, fragte Trainer Otto Rehhagel herablassend die junge Reporterin. „Schicken Sir mir doch lieber Ihren Bruder.“

Franz Beckenbauer hingegen erwies sich als lernfähig. Wegen seinen kruden Thesen – „In Spitzenberufen sollten Frauen dem Mann nur beratend zur Seite stehen, ihre Qualitäten liegen im Ausgleich“ – hatte ihn die „Emma“-Redaktion vor Jahren zum „Pascha des Monats“ gekürt. Jetzt outete sich der „Kaiser“ als Bewunderer weiblicher Stärke: „Unsere Fußball-Weltmeisterinnen haben Fantastisches geleistet.“

Doch gerade wegen ihrer Erfolge in Männerdisziplinen ist es den Sportlerinnen offenbar wichtig, dem klassischen Frauenbild zu entsprechen. So beteuert Regina Halmich stets, kein „Mannweib“ zu sein. Und während Klaus Wowereit ganz selbstverständlich davon ausgeht, als Schwuler Kanzler werden zu können oder Fernsehfrau Anne Will sich zur lesbischen Liebe bekennt, schotten die Fußballerinnen sich immer noch ab. Auf 20 bis 40 Prozent wird der Lesbenanteil im Frauenfußball geschätzt, aber kaum jemand traut sich, dazu zu stehen.

Regina Halmich hat sich für „Playboy“ und „Max“ auch ausgezogen, weil sie nicht nur als Frau in kurzer Hose wahrgenommen werden wollte, die verschwitzt und mit roten Flecken im Gesicht auf ihre Gegnerin eindrischt. Die Leute sollten sehen, dass „eine Boxerin nicht zwangsläufig maskulin sein muss“. Narben haben die Kämpfe kaum hinterlassen, es macht Halmich stolz und ihren Lebensgefährten Andreas Jourdan heilfroh. Die zweimal gebrochene Nase wird demnächst gerichtet.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben