Geschichte : Nach dem Spiel ist vor dem Leben

Und dann ist die Profikarriere zu Ende. Früher gingen Fußballspieler unvorbereitet in den Alltag. Heute können sie sich von Laufbahnberatern coachen lassen

Friedhard Teuffel
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2009dpa

Die Musik wird jetzt noch ein bisschen lauter, der Bass noch stärker, denn es geht um alles. Die ganze Kraft, die in seinen Beinen steckt, soll Stefan Wessels nach vorne drücken, er sitzt festgezurrt in einem Testapparat. „Weiter, weiter, es geht noch mehr“, ruft der medizinische Betreuer ihm zu. Seine Kräfte, seine Ausdauer werden exakt gemessen im Medicos-Zentrum, einen Steinwurf entfernt von der Arena auf Schalke. Wessels wird genau untersucht, damit er richtig trainieren kann, aus einem Fußballspieler ohne Vertrag soll bald wieder ein vollbeschäftigter Profi werden, dem die Fans zujubeln.

Willkommen im Camp der arbeitslosen Fußballprofis. Torwart Stefan Wessels gehört zu den prominenteren der 26 Teilnehmer, 60 Bundesligaspiele hat er bestritten für den FC Bayern München und den 1. FC Köln. Doch im Moment wartet der 30-Jährige auf einen freien Platz im Tor, im Inland oder Ausland. Muss man sich nun Sorgen machen um ihn? Er selbst macht sich jedenfalls keine. „Ich habe Abitur gemacht und ein paar Semester BWL an der Fernuni studiert“, sagt er, als er mit verschwitzen Haaren von seinen Leistungstests kommt. Jetzt möchte er noch ein paar Jahre Fußball spielen. Und sein Blick sagt: Irgendwie wird es doch gut gehen danach, glauben Sie nicht?

Könnte man meinen. Über die Jahre hinweg haben er und seine Kollegen eine Menge Lebenserfahrung gesammelt, die sollte doch gefragt sein. Und mit ihren Einkünften ließe sich einige Jahre über die Runden kommen. Dennoch stürzen gerade auch große Fußballspieler immer wieder ab. Alle konnten zuschauen, wie der ehemalige Nationaltorwart Eike Immel im vergangenen Jahr im RTL-Dschungelcamp landete. Viele Spieler hätten es nicht einmal dahin geschafft, weil sie nicht bekannt genug sind, weil Fußball zwar ihr Beruf war, aber eben in der zweiten, dritten oder vierten Liga. Meistertrainer Ottmar Hitzfeld hat über die Spieler gesagt: „Sie glauben, sich als Fußballer eine Stellung in der Gesellschaft erarbeitet zu haben, aber das stimmt nicht.“ Wie sieht es also für Fußballer aus, das Leben nach dem Fußball?

Es ist im Laufe der Jahrzehnte einfacher geworden. Dafür spricht jedenfalls, dass die Berufsfußballer aufgestiegen sind, in die Mittelschicht. Stefan Wessels steht für den neuen Durchschnittsprofi. Als die Spielergewerkschaft VdV, die Vereinigung der Vertragsfußballspieler, vor einigen Jahren den Bildungsstand aller Spieler von der ersten bis zur dritten Liga abfragte, kam heraus, dass mehr als die Hälfte der Antwortenden Abitur oder Fachabitur hat. Die Arbeiterklasse als alleinigen Ausgangspunkt für Spielerkarrieren hat der Fußball verlassen und damit die alte Sozialromantik der fünfziger und sechziger Jahre, morgens in die Zeche einzufahren, nachmittags zum Bundesligatraining zu gehen und nach der Karriere eine Tankstelle zu pachten oder Gebietsvertreter für Adidas zu werden.

Dann kam der Aufbruch aus diesem Milieu, und am Anfang dieses Aufbruchs standen Pioniere, einer davon ist Hans-Josef Kapellmann. Sein Doppelsieg in den siebziger Jahren: gleichzeitig mit dem FC Bayern München Europapokale zu gewinnen und Medizin zu studieren. Danach hat er es zu einem angesehenen Orthopäden gebracht, erst an der Uniklinik in Düsseldorf, mittlerweile für drei Kliniken in Bayern, 2500 Prothesen hat der heute 59-Jährige bei Patienten eingesetzt, „so viel wie für ein ganzes bayerisches Dorf“, sagt er, „vom Kassenpatienten bis zum Bruder des saudischen Königs habe ich alle behandelt.“

Seine Trainer Dettmar Cramer und Udo Lattek hätten ihn unterstützt, anstatt seine ganze Zeit für den Fußball einzufordern, auch Mannschaftskapitän Franz Beckenbauer war auf seiner Seite. „Das war ein Zeichen von Klugheit, das Plus von Bayern München war damals gerade, dass wir so unterschiedliche Charaktere waren“, sagt Kapellmann.

Seelenverwandte mit seinem Bildungshunger hätte er jedoch kaum gefunden, damals beim FC Bayern. Wenn seine Mitspieler im Trainingslager Schafkopf oder Poker spielten, saß Kapellmann über seinen Anatomie- oder Psychiatrie-Büchern. Auf dem Rückflug vom Weltpokalsieg in Brasilien 1976 bereitete er sich auf sein zweites Staatsexamen vor, am Tag seiner Ankunft legte er Prüfungen ab. Im Mannschaftsbus auf langen Fahrten habe er sich nicht an den Unterhaltungen beteiligt, „ging doch sowieso nur um Geld, Autos und Weiber“. Er lacht laut, wenn er eine Anekdote über den damaligen Klub-Präsidenten Wilhelm Neudecker erzählt. Als der nach Franz Kafka gefragt wurde, hätte Neudecker gesagt: Tut mir leid, den haben wir noch nicht verpflichtet.

Im Zweifel hätte Kapellmann den Fußball auch drangegeben. „Innenpfosten rein, Innenpfosten raus, darauf kann man doch kein Leben aufbauen.“ Einmal sei er kurz vor dem Wechsel nach Monaco gewesen. Als er erfuhr, dass sie an der Universität dort seine Studienscheine nicht anerkannt hätten, platzte der Transfer. „Mit meinen 40 000 bis 50 000 Mark im Monat war ich der bestbezahlte Student in Deutschland. Trotzdem habe ich nur einen Renault 4 gefahren.“

Als Landdoktor werde er nun manchmal von seinen ehemaligen Mitspielern verspöttelt, so wie er sich über die pseudointellektuelle Art seiner Fußballkollegen von einst amüsiert. „Es ist mir einfach zu wenig, meine jetzige Erfüllung aus der Vergangenheit zu rekrutieren“, sagt der Vater von sieben Kindern, „Menschen wieder auf die Beine zu bringen, das gibt mir etwas.“

Seinen Platz hat Kapellmann außerhalb des Fußballs gefunden, viele würden sich aber am liebsten nie vom Fußball trennen. „Wir haben doch jetzt schon über 1000 ehemalige Nationalspieler. Wo wollen die denn alle unterkommen?“, fragt Kapellmann. „Mensch, baut doch jetzt schon an eurer Karriere, im Trainingslager habt ihr genug Zeit dazu.“

Kapellmann war noch ein Exot, inzwischen hat sich ein neuer Modellathlet im Fußball herausgebildet. Einer davon ist Oliver Bierhoff, er steht auch nicht mehr für sich allein, sondern für eine ganze Generation von Fußballern, die ihr Leben selbst in die Hand genommen haben – begünstigt durch neue Bildungsmöglichkeiten. An der Fernuniversität Hagen absolvierte er neben seiner Karriere sein Studium der Betriebswirtschaft, so trägt er nicht nur Fußballtitel wie den des Europameisters, sondern seit 2002 auch den des Diplomkaufmanns. Heute ist er Manager der Fußballnationalmannschaft.

Im Fußball ist so viel Geld zu verdienen, dass viele ihre Ausbildung erst einmal hintanstellen oder ganz darauf verzichten. Nach dem Bosman-Urteil 1995 sind die Gehälter noch einmal explodiert, seitdem können Spieler ablösefrei zu anderen Vereinen wechseln. Gedämpft wurde diese Entwicklung erst durch die Pleite des Medienhändlers Leo Kirch 2002. Die Vereine bekommen nun weit weniger Geld aus der Fernsehvermarktung, sie haben ihre Kader verkleinert und zahlen geringere Gehälter. Seitdem veranstaltet die VdV auch ihr Camp für arbeitslose Fußballprofis.

Von den strahlenden Beispielen, wie Bierhoff eines ist, haben sich viele blenden lassen. Nur neun Prozent der Profis müssen nach dem Ende ihrer Laufbahn nicht mehr arbeiten, 26 Prozent haben mehr Schulden als Vermögenswerte. Das ist das Ergebnis einer Befragung der Rostocker Vermögensberater Christian und Michael Daudert unter 150 Profis, darunter 110 aus der Bundesliga. „Manche glauben, sie wären in einer Komfortzone, und sind es nicht“, sagt Frank Günzel.

Auch er ist ins Camp der arbeitslosen Fußballprofis gekommen. Seine Anwesenheit ist wie eine Aufforderung an die Spieler, sich um ihr Leben nach dem Fußball zu kümmern. Seit 2006 ist er Laufbahnberater der VdV. Und wenn die Spielergewerkschaft wie gerade wieder in Gelsenkirchen und Duisburg ihr Camp veranstaltet, soll Günzel die Spieler dabei an die Zukunft abseits des Rasens erinnern. Berufsberatung für Fußballprofis. Er selbst nennt sich Lotse.

Günzel, 47 Jahre alt, hält sich im Camp erst einmal im Hintergrund. Auf den ersten Blick passt er gar nicht ins Fußballgeschäft mit seiner zurückhaltenden Art und der runden Brille. Im Leistungssport hat er früher schon gearbeitet, als Kunstturntrainer, und dann am Olympiastützpunkt Chemnitz/Dresden Athleten bei ihrer Karriereplanung beraten. Im Vergleich mit Biathleten und Leichtathleten schneiden die Fußballspieler nicht gut ab, sagt er. „Biathleten fliegen auch mal mit der Turboprop-Maschine ohne Toilette ins Trainingslager. Sie organisieren sich alles selbst. Fußballspieler haben eine andere Mentalität, es wird ihnen vieles abgenommen.“

Auch von ihren Beratern. Die drängen die Spieler oft, zu dem Verein zu wechseln, der am meisten bezahlt. Um Persönlichkeitsentwicklung oder Ausbildung geht es den wenigsten. Günzel ist da der Berater der etwas anderen Art.

Er will die Spieler abholen zu ihrem Leben nach dem Fußball, und dieses Leben kann manchmal genauso unspektakulär verlaufen wie Günzels Auftritt. 150 ausführliche Gespräche hat Günzel in den vergangenen beiden Jahren mit Fußballprofis geführt. „Ich spüre in diesen Gesprächen, dass sie sich Sorgen machen. Und die Frauen der Spieler machen sich noch mehr Sorgen.“

Es kann viel passieren, was das schöne Leben schnell zum Einsturz bringen kann: Verletzung, Insolvenz des Vereins, Scheidung, Unterhaltszahlungen, falsche Geldanlagen, manchmal auch Sucht wie Alkoholabhängigkeit. In manchen Berufen müssen Fußballspieler gegenüber Gleichaltrigen Jahre aufholen, und nicht jeder kommt damit klar, dass es keine Anerkennung durch Fans mehr gibt und nicht mehr drei Punkte für Siege.

Jürgen Wegmann ist so ein Fall. Mit dem FC Bayern wurde der Stürmer 1989 Deutscher Meister, doch nach seiner Karriere holte ihn sein berühmtester Satz ein: „Erst kein Glück gehabt, dann kam auch noch Pech dazu.“ Er fand keinen Job und lebte von Hartz IV. Schließlich besorgte ihm Bayern-Manager Uli Hoeneß eine Stelle im Fanshop des Klubs im Centro in Oberhausen. „Klar ist Fußball die geilste Sache der Welt, aber sie ist endlich“, sagt Günzel.

Das bekommen vor allem die Spieler zu spüren, die ihre ganze Karriere lang auf dem Sprung in die zweite oder erste Liga waren, aber dort nie angekommen sind, Spieler aus dem sogenannten semiprofessionellen Fußball. Den hat sich die Universität Jena näher angeschaut und herausgefunden, dass einem Fünftel der Spieler der Einstieg ins Berufsleben nicht gelingt. Sie leben zumindest vorübergehend von Sozialleistungen. Ein „Verantwortungsvakuum“ haben die Wissenschaftler Frank Daumann und Benedikt Römmelt festgestellt.

Das will Günzel füllen und die Spieler überzeugen, dass sie nie wieder so viel Zeit für Bildung haben werden wie während ihrer Karriere. Er beginnt damit, das Bild vom Fußball zurechtzurücken. Dass der Arbeitsmarkt Fußball zwar groß ist, aber eben doch nicht so groß, um alle Spieler hinterher zu versorgen, als Trainer oder Manager, 1012 Lizenzspieler gab es in der vergangenen Saison allein in der ersten und zweiten Liga. Um die Posten im Fußball konkurrieren sie heute mit Bewerbern, die selber nie erfolgreich gegen den Ball getreten, aber dafür ein hervorragendes Studium absolviert haben.

Da hilft auch der Name des Spielers nicht mehr weiter. „Der Name allein verblasst irgendwann“, sagt Günzel. Wenn er noch schillert, wollen ihn möglichst viele nutzen, regelmäßig bekommt die VdV daher Angebote von Versicherungen. Sie würden gerne diesen oder jenen Spieler im Außendienst einsetzen. Weil es ihnen aber meist nur um den Namen geht, will Günzel da lieber nicht vermitteln. „Das ist nichts Handfestes. Zehn Jobs als Gepäckverlader am Düsseldorfer Flughafen würden uns mehr bringen.“

Seine Beratung ist die Suche nach Plan B. Einem Spieler, der gerne Bücher liest, rät er, ein Lesecafé zu eröffnen, einem anderen, der sich für Oldtimer interessiert, in einem Autohaus mitzuhelfen. Die Übernahme eines Unternehmens hält er für besonders attraktiv, das kann ein Sportstudio sein, ein Restaurant oder ein kleiner Industriebetrieb. Doch der erste Schritt ist immer der schwerste. „Viele können wunderbar vor der Kamera reden“, sagt Günzel, „aber sie schaffen es nicht mal, den Vereinssponsor wegen eines Praktikums anzusprechen.“

Immerhin werden die Widerstände geringer. Ein früherer Bundesligatrainer, den Namen will Günzel nicht verraten, habe zwei Profis noch verboten, ihr Abitur zu machen. Mittlerweile lassen sich manche das Recht auf Ausbildung oder Studium in ihren Vertrag schreiben.

Bei der Planung ihrer Karriere bekommen sie nicht nur durch die VdV Unterstützung, sondern auch immer häufiger von ihrem Verein. Die TSG Hoffenheim ist zwar noch jung im Berufsfußball, hat sich aber in dieser Hinsicht gleich an die Spitze gearbeitet. 2008 hat der Klub einen Laufbahnbegleiter eingestellt, Thomas Gomminginger. Der kann den Spielern schon mit seinem Lebenslauf zeigen, wie es geht: Bundesligaprofi beim VfB Stuttgart, BWL-Studium an der Universität Mannheim, 15 Jahre in der freien Wirtschaft. „Wer nebenher noch etwas anderes macht, hat auch einen anderen Tagesrhythmus, eine andere Disziplin und mehr Verantwortungsbewusstsein als die Jungs, die bis um elf Uhr ausschlafen und dann langsam ihre Trainingstasche packen“, sagt er.

Mit der Beratung fängt Gomminginger nicht erst an, wenn der Ball so langsam für die Spieler ausrollt. Es geht um ein System. Bei den Unter-23-Jährigen führt er mit allen Einzelgespräche. Dann vereinbaren sie Ziele, auch außersportliche, „sei es, dass jemand seinen IHK-Abschluss macht oder sein Abitur mit einer besseren Note als 3,0.“ Gomminginger hilft ihnen mit der Vermittlung von Praktika, Arbeits- und Studienplätzen.

Die Spieler sollen sich eine zweite Identität aufbauen, „viele werden ja auch von ihrem Umfeld nur als Fußballspieler wahrgenommen“. Wer dann sein Leben nach dem Fußball beginnt, fühlt sich im besten Sinne wie ausgewechselt.

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