Gesundheitswesen : Dauerstress in den Kliniken - Ärzte arbeiten zu viel

Dienste von mehr als 48 Stunden in der Woche seien bei Klinikärzten üblich: Der Marburger Bund erhebt schwere Vorwürfe gegen die Krankenhausbetreiber. Den Ärztevertretern zufolge fehlen 20.000 Mediziner in deutschen Krankenhäusern.

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Dienste von mehr als 48 Stunden in der Woche seien bei Klinikärzten üblich: Der Marburger Bund erhebt schwere Vorwürfe gegen die Krankenhausbetreiber.
Dienste von mehr als 48 Stunden in der Woche seien bei Klinikärzten üblich: Der Marburger Bund erhebt schwere Vorwürfe gegen die...Foto: dpa

Der Marburger Bund (MB) erhebt schwere Vorwürfe gegen die Krankenhausbetreiber. Die Ärztegewerkschaft hat am Montag in Berlin eine eigens in Auftrag gegebene Studie vorgestellt: Demnach sind Dienste von mehr als 48 Stunden in der Woche bei Klinikärzten üblich. Das könne zum Risiko für Patienten werden. Fast jeder zweite Arzt gab an, dass seine Wochenarbeitszeit inklusive Überstunden und Bereitschaftsdiensten zwischen 49 und 59 Stunden liege.

Dies ist rechtlich verboten. Die Europäische Union hatte 2009 mit wenigen Ausnahmen 48 Arbeitsstunden pro Woche als Höchstgrenze festgelegt. Ein Viertel der Ärzte ist nach der Umfrage 60 bis 79 Stunden im Dienst. Drei Prozent arbeiten im Schnitt sogar mehr als 80 Stunden. Mehr als 70 Prozent der Befragten beklagten, die Arbeitszeiten beeinträchtigten die eigene Gesundheit. Das Institut für Qualitätsmessung und Evaluation hatte mehr als 3300 repräsentativ ausgewählte MB-Mitglieder befragt. Immer wieder hatten Ärztevertreter die Arbeitsbedingungen in deutschen Krankenhäusern kritisiert.

„Die Arbeitszeiten an deutschen Kliniken sind ungesund“, sagte der MB-Vorsitzende Rudolf Henke am Montag. „Wir werden zum Land der Fließbandmedizin.“ Druck herrsche sowohl in privatwirtschaftlich als auch öffentlich betriebenen Kliniken, die Krankenhäuser würden an nötigem Personal sparen. Dem MB zufolge sind in deutschen Krankenhäusern 12000 Ärztestellen unbesetzt, hinzu komme ein Bedarf von bis zu 8000 weiteren Medizinern. Immer noch gingen mehr deutsche Ärzte ins Ausland, als ausländische Ärzte hierherkämen, sagte MB-Chef Henke. Inzwischen arbeiten nach Zahlen der Bundesärztekammer mehr als 28300 ausländische Mediziner in Deutschland, davon Henke zufolge 22000 in Kliniken. Dass an deutschen Kliniken außerdem Pflegekräfte fehlen, hatten zuletzt auch Krankenhauschefs zugegeben. Sie verwiesen auf die mangelnde Finanzierung der Kliniken durch Krankenkassen und Staat. Die hierzulande rund 140000 Klinikärzte haben vergangenes Jahr bundesweit etwa 18 Millionen Patienten versorgt, 1,2 Millionen mehr als im Vorjahr.

An diesem Dienstag startet der Marburger Bund mit der Tarifgemeinschaft deutscher Länder die Verhandlungen für 19000 Ärzte in 20 Universitätskliniken. Der MB fordert 6,5 Prozent mehr Gehalt. So viel hatte auch die Gewerkschaft Verdi für die Beschäftigten der Länder gefordert. Die 800000 Angestellten dort bekommen nach dem Tarifabschluss vom Sonnabend ein Gehaltsplus von 5,6 Prozent. Verdi hatte zuvor Warnstreiks organisiert.

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