Haftpflicht für Hebammen : Der Preis der Freiheit - ein Berufsstand vor dem Aus

Gebären ohne Ärzte: Gut 100 Geburtshäuser gibt es in Deutschland, an denen freie Hebammen arbeiten. Doch die Versicherungen wollen nicht mehr für sie haften. Nicht nur ein Berufsstand ist bedroht. Eine Reportage.

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Hebammen demonstrieren für die Rettung ihres Berufsstandes.
Hebammen demonstrieren für die Rettung ihres Berufsstandes.Foto: dpa

Christine Schuppe streift ihre Stiefel ab und breitet die Arme aus, um ihre ehemalige Patientin, die sie so nicht nennt, zur Begrüßung zu umarmen. „Wir sprechen einfach von Frauen“, sagt Schuppe. Geburt sei ja keine Krankheit. Christine Schuppe hört sich mit ihrer hellen Stimme an wie ein Mädchen, dabei ist sie Mitte 40. Braune, kurze Haare. Rundes, freundliches Gesicht. Sie hat das Baby, das auf dem Sofa liegt, mit auf die Welt gebracht. Vorsichtig hebt sie es auf ihren Schoß. „Bist schon ein prächtiges Kerlchen“, sagt sie. Letzter Nachsorgetermin in der Weddinger Altbauwohnung der Familie Holle: Christine Schuppe packt ihre Waage aus.

Ihr erster Sohn, erzählt Stina Holle, kam in einer Klinik zur Welt. Mit einer Saugglocke. „Anschließend war ich ramponiert.“ Zermürbt von 15 Stunden Wehen, hatte sie sich damals eine Betäubungsspritze geben lassen, die allerdings die Wehen abschwächte. Die Ärzte verabreichten ihr darauf ein Wehen stimulierendes Mittel, was so schmerzhafte Wehen auslöste, dass sie eine neue, stärkere Betäubungsspritze brauchte. „Eine Verkettung“, sagt Holle, „auf die ich keinen Einfluss mehr hatte. Nie wieder!“ Das Kontrastprogramm, eine Hausgeburt, wollte sie auch nicht. Wegen der Nachbarn hätte sie sich womöglich gehemmt gefühlt, gegen die Wehen anzuschreien. „Christine, war ich laut?“, fragt sie. „Nee, warst nicht besonders laut“, antwortet Schuppe.

Das Geburtshaus Charlottenburg war das erste in Deutschland

Holle hat ihr zweites Kind im Geburtshaus Charlottenburg bekommen, das Hebammen in Eigenregie betreiben. Ihr Mann, ein Kenianer, war erst skeptisch. „Er meinte: Wir leben in einem Land, in dem es überall Krankenhäuser gibt, warum gehen wir dann nicht hin?“ Letztlich sei er zu überzeugen gewesen, weil in seinem Dorf ebenfalls Hebammen und nicht Ärzte die Kinder zur Welt bringen. Im Geburtshaus gibt es sogar einen Raum namens Afrika-Zimmer. Den haben sie bezogen.

Das Geburtshaus Charlottenburg war das erste in Deutschland, gegründet 1987, und Christine Schuppe ist die dienstälteste Hebamme dort. Manchmal muss sie lange durcharbeiten, bis zu 16 Stunden kann eine Geburt dauern. Im Geburtshaus gibt es keinen Schichtwechsel. Und wenn eine Frau ihr Kind lieber in ihrer Wohnung bekommen will, fährt Schuppe hin. „Ein anstrengender, aber wirklich sinnvoller Beruf“, sagt sie, um den sie zurzeit bangt. Schuppe arbeitet freiberuflich, sie verliert womöglich im Sommer kommenden Jahres wie alle freiberuflichen Hebammen ihre Haftpflichtversicherung. Die Nürnberger Versicherung, die an den beiden Konsortien beteiligt ist, die Hebammen versichern, will aus dem Geschäft aussteigen. Selbst die zuletzt explodierenden Prämien fangen die Entschädigungssummen nicht mehr auf, die anfallen, wenn ein Kind bei der Geburt geschädigt wird. Hebammen wird es weiter geben, aber nur angestellte. Die bleiben über die Kliniken versichert. Doch der außerklinischen Geburtshilfe, die in Berlin vier Prozent aller Geburten betrifft, droht das Aus.

Christine Schuppe arbeitet freiberuflich als Hebamme im Geburtshaus in Berlin-Charlottenburg.
Christine Schuppe arbeitet freiberuflich als Hebamme im Geburtshaus in Berlin-Charlottenburg.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Versicherungskaufleute entscheiden darüber, was eine politische und eine medizinische Frage sein sollte: Sollen Kinder nur noch in Krankenhäusern zur Welt kommen oder auch zu Hause oder in Geburtshäusern, von denen es in Deutschland mittlerweile mehr als 100 gibt? Das Geburtshaus Charlottenburg ist das größte. Schuppe und ihre 13 Kolleginnen entbinden 340 Frauen im Jahr. Sie sind ausgebucht bis Oktober.

Die Geburt zurück in weibliche Hände

Geburtshäuser kommen aus der Frauenbewegung. Die Geburt, die der Apparatemedizin anheim gefallen war, sollte zurück in weibliche Hände. Schuppe fing im Geburtshaus als Praktikantin an, das damals in einer Altbauetage am Klausener Platz war, dabei war sie bereits fünf Jahre im Beruf. Das Wort Supervision hatte sie noch nie gehört. Auch waren ihr die geschmacklichen Vorlieben der Kollegen fremd. Schuppe stammt aus dem Osten. Selbst bei langen Nachtschichten tranken sie in Charlottenburg Tee und nicht Kaffee. Doch Christine Schuppe war beeindruckt, wie „würdevoll und behutsam“ die Hebammen dort mit Frauen und Neugeborenen umgingen. „Wir in den Krankenhäusern haben den Frauen damals noch Einläufe gemacht und die Neugeborenen an den Füßen hochgehoben, um sie zu messen.“ Und statt mehrere Frauen parallel zu betreuen, wie sie es gewohnt war, kümmern sich die Hebammen in den Geburtshäusern um nur eine Frau während der gesamten Geburt. So entstehe eine persönliche Ebene, sagt Schuppe. Die Frau könne sich fallen lassen. Erwiesenermaßen begünstige Entspannung den Verlauf der Geburt.

„Ich habe mich nie alleine gelassen gefühlt“, sagt Stina Holle. Sie ging in die Badewanne, und musste wieder raus, denn das lauwarme Wasser schwächte ihre Wehen ab. Ihr Mann hat sie anschließend viel herumgetragen. Nach fünf Stunden brachte sie ihren Sohn zu Welt. „Christine hat uns große Freiheiten gelassen, zu machen, wie wir es wollten“, sagt sie. „Ein tolles Erlebnis, auch wenn es extrem schmerzhaft war.“

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