Harald Martenstein zur Flüchtlingskrise : Ohne Reiche gäbe es keinen Sozialstaat

Manche derjenigen, die sich für Flüchtlinge engagieren, sind zugleich Kritiker des Kapitalismus. Das ist ein interessanter Widerspruch.

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Harald Martenstein, Autor und Kolumnist.
Harald Martenstein, Autor und Kolumnist.Foto: picture alliance / dpa

Es ist ein Gebot der Menschlichkeit, Flüchtlingen zu helfen. Natürlich kostet das Geld. Ich würde es gut finden, wenn man den Soli umwidmen würde, in einen Solidaritätsbeitrag für Flüchtlinge. Ich glaube, man könnte dafür auch eine Mehrheit in der Bevölkerung gewinnen. Meinetwegen könnten sie auch ein paar fragwürdige Wahlgeschenke wieder einsammeln, etwa die Rente mit 63.

Wo kommt das Geld überhaupt her? Der Staat nimmt über Steuern den Bürgern einen Teil ihres Geldes weg und verteilt es um. Die Reichen, jedenfalls die ehrlichen, zahlen den Großteil der Steuern. Ohne Reiche kein Sozialstaat, keine Rente mit 63 und auch kein Flüchtlingsheim, verrückt, oder? Wenn der Staat die Reichen enteignet, dann kann er noch eine Weile von der Substanz leben, so lange, bis der Laden zusammenbricht. Es ist oft genug ausprobiert worden.

Manche derjenigen, die sich für Flüchtlinge engagieren, sind gleichzeitig Kritiker des Kapitalismus. Das halte ich für einen interessanten Widerspruch. Die Flüchtlingsströme zeigen ja ziemlich genau, welches System die Verdammten dieser Erde für das attraktivere und das menschlichere halten. Simbabwe, Kuba oder Venezuela sind keine Traumziele, im Gegenteil, viele Leute hauen ab. China und Saudi Arabien nehmen sowieso niemanden, es sei denn als Arbeitssklaven.

Gewisse Leute möchten den Flüchtlingsstrom stoppen. Da gibt es ein Rezept, das garantiert wirkt. Beginnt in Deutschland mit dem Aufbau des Sozialismus! Innerhalb weniger Jahre wird es keine Flüchtlinge mehr geben, die nach Deutschland einreisen möchten. Das ist leider historisch erwiesen.

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Kapitalismus, Freiheit, Rechtsstaat

Ausgerechnet bei denen, die dem Kapitalismus ihr gutes Leben verdanken, hat er häufig ein schlechtes Image. Das ist ein bisschen so wie bei manchen Kindern, die in eine wohlhabende Familie hineingeboren werden. Die Eltern ermöglichen ihnen alles, trotzdem werden sie von den Kindern verachtet.

Es gibt ein paar Themen, bei denen man als Autor von vornherein weiß, dass wahnsinnig viele Leute sich aufregen werden. Eines davon ist der Kapitalismus, sofern man ein gutes Haar an ihm lässt. Oft heißt es, ja, uns geht es gut, aber nur deshalb, weil der Kapitalismus andere Länder ausplündert. Wenn man sich die ausgeplünderten Länder genauer anschaut, dann ist dort meistens eine korrupte Gangsterclique an der Macht oder eine fanatische Einheitspartei. Kapitalismus, Freiheit und Rechtsstaat, das und nur das ist eine unschlagbare Kombination.


Es ist seltsam. Tausende riskieren ihre Haut und lassen alles zurück, nur um in einem System leben zu dürfen, das hier viele für durch und durch unmenschlich halten. In Deutschland kapieren viele nicht, wie viel Glück sie haben.

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