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Helgoland : Weil der Wind sich dreht

15.09.2012 16:45 Uhrvon
Die lange Anna - ein vorgelagerter Felsen, den vor allem die Vögel schätzen. Seit 100 Jahren gibt es eine Vogelwarte auf der Insel, weil dort schon immer Seevögel im Buntsandstein des frühen Erdmittelalters (Trias) genistet haben.Bilder
Die lange Anna - ein vorgelagerter Felsen, den vor allem die Vögel schätzen. Seit 100 Jahren gibt es eine Vogelwarte auf der Insel, weil dort schon immer Seevögel im Buntsandstein... - Foto: ddp

Das Riesenwindrad auf Helgoland floppte und die Insulaner hatten die Nase voll von Ökoenergie. Aber die lässt sich nicht abhalten.

Auf dem Weg von der Unterstadt zur Oberstadt pfeift einem der Wind um die Ohren. Er zerrt an den Haaren, bläst Jacken und Hosen auf. Kommt er von hinten, beschleunigt sich der Schritt automatisch, kommt er von vorn, kämpft man sich mühsam voran. Der Wind bläst auf Helgoland fast immer. In der Unterstadt lässt sich das zwischendurch vergessen, weil die eng stehenden denkmalgeschützten Häuser ihn aufhalten. Aber in der Oberstadt, wo die Buntsandsteinfelsen aus dem frühen Erdmittelalter steil ins Meer abfallen, nicht. Da ist der Wind allgegenwärtig. Man sollte also meinen, dass Helgoland, Deutschlands einzige Hochseeinsel, etwa 60 Kilometer von der Küste entfernt in der Nordsee gelegen, der ideale Ort für eine Windkraftanlage sei.

Aber damit hätte man sich total vertan.

Vielmehr zeigt sich am Beispiel Helgoland, was für die ganze Energiewende gilt, die die Bundesregierung derzeit in Schweiß hält: dass eine gute Theorie noch lange keine gute Praxis ergibt. Und dass der Mensch unleidlich wird, wenn ihm einer Idee wegen plötzlich der Strom wegbleibt.

Es ist das Jahr 1990. An der Südwestspitze der Insel dreht sich Growian zwei. Ein dreiflügeliger Rotor auf einem 44 Meter hohen Turm. Das größte Windrad der Welt. Growian ist die Abkürzung für Große Windkraftanlage, die technische Bezeichnung lautet WKA 60. Das Rad ist Hoffnungsträger einer frühen Generation von Energieexperten; gefördert von der EU und vom Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber, der mit der Fliege, quasi Rotor am Hals. Es soll die rund 1300 Einwohner der 1,7 Quadratkilometer großen Insel mit Energie versorgen – und dann dies: In der Nordseehalle rotiert der Filmprojektor, es ist Kinoabend auf dem Eiland, draußen tobt ein Gewitter, drinnen ist es kuschelig, und dann schlägt der Blitz in Growians Flügel ein, und der Projektor steht still. Mitten im Film. Da fluchten die Helgoländer und rollten mit den Augen. Und die Versicherungen auch. Drei Mal passierte das: Drei Mal schlug ein Blitz in die Rotoren ein, und auf Helgoland gingen Lichter aus, dann war alle Geduld der Bürger aufgebraucht, und auch die Versicherungen streikten. Growian zwei wurde 1995 abgebaut, und wenn die Insulaner fortan ein Motto hatten, das sie einte, hieß das: Windkraft, nein danke! Da hatte die frühe bundesrepublikanische Windenergieförderung ganze Arbeit geleistet. Und wohl mit Absicht. Growian sollte zeigen, „dass es nicht geht“, soll ein beteiligter Unternehmenssprecher damals gesagt haben.

Auch Jörg Singer erinnert sich, dass die beiden Growiane vor allem dazu dienen sollten, die Windenergie unmöglich erscheinen zu lassen. Die beiden: Growian eins und zwei. Growian eins war ein Zweiflügler, 102 Meter hoch, ein gigantischer Misserfolg. Das technisch nicht beherrschbare und überdimensionierte Monstrum produzierte zwischen Aufbau (1983) und Abriss (1987) genau 17 Tage lang Strom. Das Versuchsgelände im Kaiser-Wilhelm-Koog, auf dem es stand, wurde aber doch noch zur Initialzündung der deutschen Windkraftrenaissance, als dort 1987 mit vielen kleinen Windrädern der erste kommerziell genutzte Windpark in Betrieb ging.

Singer, heute 46, hat seine Jugend auf Helgoland verbracht, ging zum Studieren aufs Festland und schließlich in die USA. 2010 kehrte er – inzwischen mit einer Helgoländerin verheiratet und Vater geworden – auf die Insel zurück. Er ist ein smarter Typ, schicker Haarschnitt, moderne Hornbrille, dynamisches Auftreten. Als @meermann hat er schon 2009 begonnen zu twittern – allerdings hat er seither erst 20 Nachrichten abgesetzt. Eine davon hieß: „Einen Offshorewindpark um Helgoland planen – hier ist Deine Chance! Ingenieur/in als Projektplaner“ und ist vom Juni 2010. Drei Monate später wurde er zum parteilosen Bürgermeister gewählt. Mit dem erklärten Ziel, die Energiewende doch noch nach Helgoland zu holen. Ein erstaunlicher Wandel? Singer sagt, die hohen Energiepreise hätten bei den Helgoländern ein Umdenken erzwungen. Denn Energie brauchen sie auf der Insel. Mehr, als man vielleicht zunächst annehmen würde.

Die Insel, die im Ersten Weltkrieg eine Festung war und im Zweiten Weltkrieg massiv bombardiert wurde, 1947 sogar teilweise gesprengt worden war, hat Probleme zu lösen, die auf dem Festland gar nicht existieren. Helgoland ist ein Felsen. Nichts, rein gar nichts lässt sich dort anbauen. Alle Nahrungsmittel müssen gebracht werden, seit die Fischerei kaum noch etwas einbringt. Süßwasser gibt es auch keines. Das Regenwasser wird mühsam aufgefangen und in Wasserspeichern gelagert. Zusätzlich muss über einen Osmoseprozess Salzwasser zu Trinkwasser aufbereitet werden. Jede Flasche Schnaps, die auf Helgoland zollfrei verkauft wird, muss vorher erst dorthingebracht werden. Jeder Liter Schweröl für die Börteboote, mit denen aus alter Tradition die Gäste von den Schiffen an Land gebracht werden, muss die Insel erst einmal erreichen, bevor die Boote getankt werden können. Der Müll der Insulaner und der jährlich rund 300 000 Tagesgäste, die zollfrei einkaufen oder Robben fotografieren wollen, muss ans Festland geschafft werden, sofern er auf der Insel nicht verwertet werden kann. Nichts ist einfach auf der Insel. Dass dort nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt wieder Menschen siedelten, ist also ein ein unerhörter Luxus – oder auch ein großer Unsinn. Auf jeden Fall war es eine politische Entscheidung. Helgoland ist unser!, bedeutete die der Welt. Inselökonomische Probleme wurden großzügig ignoriert.

Nach dem Scheitern von Growian zwei wurde die Energiegewinnung wieder ausschließlich mit Heizöl gestemmt. Durch ein Blockheizkraftwerk, das auch die Wärme für die Insulaner herstellte. Auch dieses Heizöl musste natürlich zunächst nach Helgoland gebracht werden. Den Einwohnern war zwar lange klar, dass es so nicht ewig weitergehen könne, aber in den Debatten über eine Alternative waren die alternativen Energien zunächst einmal gar kein Thema mehr. Auf Helgoland war der Zorn über das nichtsnutzige Windrad lang anhaltend und so groß, dass die Insulaner nur noch eins wollten: ans Festlandstromnetz angeschlossen werden.

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