Politik : Hollerith: Der Holocaust als Lochkarten-Muster

Johannes Bähr

Edwin Black hat in diesen Tagen viel erreicht. Sein in 14 Ländern zeitgleich veröffentlichtes Buch "IBM und der Holocaust" ist zu einem medialen Ereignis geworden. Gegen IBM wurden Entschädigungsklagen in noch nicht absehbarer Höhe eingereicht. Der amerikanische Publizist wirft dem Konzern vor, technischen Beistand für den Holocaust geleistet zu haben. IBM hätte Hitlers Obsession "unterstützt und angetrieben".

Black ist auf spektakuläre Enthüllungen spezialisiert. Das hat er schon als investigativer Journalist bewiesen. Er versteht es, die Sensationsgier der Medien zu bedienen, und er weiß, dass einfache, plakative Botschaften wirkungsvoll sind. Eine dieser Botschaften in seinem neuen Buch lautet: "Das Informationszeitalter begann mit dem Niedergang des menschlichen Anstandes".

Wenn Black das IBM-Buch als Erfüllung einer persönlichen Mission ausgibt, dann wird auch damit etwas bezweckt. Er habe, so ist in der Einleitung zu lesen, dieses Buch seinen Eltern versprochen, die den Holocaust nur ganz knapp überlebten. Der Anlass zu dem Versprechen ergab sich im United States Holocaust Memorial Museum in Washington. Dort entdeckte Black in Begleitung seiner Eltern eine Hollerith-Maschine mit IBM-Firmenschild. Die Botschaft, die der Autor auf diese Weise vermittelt, ist klar: Das Buch kann die besondere Legitimation der Opfer und deren Kinder beanspruchen, nach der Schuld der Täter zu fragen.

Die Zusammenarbeit zwischen IBM und dem "Dritten Reich" beschreibt Black, indem er bei Thomas J. Watson beginnt, dem damaligen Präsidenten des Konzerns. Watson, ein hemdsärmliger und skrupelloser Autokrat, hatte beste Kontakte zu Präsident Roosevelt, aber Hitler faszinierte ihn als Politikertyp, als einer, der "durchgreift". Die Begeisterung für den Diktator verband sich mit der Euphorie über die geschäftlichen Möglichkeiten, die das "Dritte Reich" der Datenverarbeitungsbranche bot. Für seine eliminatorische Rassenpolitik benötigte das NS-Regime möglichst präzise Daten und verfeinerte Methoden der Datenauswertung. IBM konnte die leistungsfähigste Technik bieten: Hollerith-Lochkarten. Über seine deutsche Tochtergesellschaft Deutsche Hollerith-Maschinen GmbH (Dehomag) in Berlin lieferte IBM Hollerith-Lochkarten und Datenverarbeitungsgeräte an den NS-Staat und an die Wirtschaft des "Dritten Reichs".

Black legt dar, dass die Hollerith-Systeme von IBM eine schnellere und engmaschigere Erfassung der Juden ermöglichten als andere verfügbare Techniken. Nach Kriegsbeginn kamen die Hollerith-Maschinen bei der Selektion der Bevölkerung in den von Deutschland besetzten Ländern zum Einsatz. In Warschau wurden mit dieser Technik innerhalb von 48 Stunden 360 000 Juden erfasst.

Black kann auch nachweisen, dass die Hollerith-Systeme bei den Deportationen und in den Konzentrationslagern eingesetzt wurden. Er kommt zu dem Schluss, dass die Hollerith-Technik dazu beitrug, die Effizienz der Terror- und Vernichtungsmaschinerie des "Dritten Reichs" zu erhöhen. Die SS war durch die Lochkarten in der Lage, "jede Bewegung eines Häftlings zu verfolgen und zu kontrollieren".

In vielem stützt sich Black auf die im Jahr 1984 veröffentlichte Untersuchung von Götz Aly und Karl-Heinz Roth ("Die restlose Erfassung"). Neu ist der Nachweis, dass im "Dritten Reich" die Hollerith-Technik in größerem Umfang angewendet wurde, als dies bislang bekannt war und dass diese Anwendung bis in die Konzentrationslager hineinreichte. Wenig wusste man auch über die Rolle der deutschen IBM-Tochter Dehomag.

Dennoch: Der Stand der neueren NS-Forschung ist dem Autor ebenso fremd wie das gesamte Gebiet der NS-Unternehmensgeschichte. In weiten Teilen des Buches wird schlichtweg nicht mehr präsentiert als eine Mischung aus Klischees und fragwürdigen Mutmaßungen. Geradezu peinlich sind einige eingeflochtene Schilderungen des historischen Rahmens. Black gleitet hier in das schlichte Geschichtsbild eines amerikanischen B-Movies ab. Die NS-Diktatur hatte von Anfang an das Land bis in den letzten Winkel unter Kontrolle, die Menschen waren durch Lochkarten perfekt identifiziert, und die SA marschierte "in der warmen Sonne Nürnbergs im Stechschritt". Nach diesem Strickmuster konstruiert Black das Szenario einer omnipräsenten "Hollerith-Maschinerie des NS-Regimes".

Tatsächlich gestaltete sich der Zugriff des Terror- und Vernichtungsapparats auf die Daten der Juden keineswegs so reibungslos und total, wie Black dies suggeriert. Die Ergänzungskarten der Volkszählung von 1939, auf denen sich die Angaben zur "Abstammung" befanden, wurden nicht umgehend der SS und der Gestapo zur Verfügung gestellt, sondern blieben fast zwei Jahre lang beim Statistischen Reichsamt in Bearbeitung. Die Lochkarten waren im Übrigen nicht mit Namen und Anschrift versehen. Die Gestapo stützte sich bei der Erstellung der Deportationslisten auf eine Erhebung der Reichsvereinigung der deutschen Juden, bei der keine Hollerith-Lochkarten verwendet wurden.

Was wusste IBM über den Einsatz der Hollerith-Maschinen in den Konzentrationslagern? In den Akten des IBM-Archivs finden sich dazu offensichtlich keine Hinweise. Black vermutet, dass Watson und die New Yorker Zentrale das Schlimmste gar nicht erst wissen wollten. Die Dehomag wurde 1941 als feindliches Vermögen unter Verwaltung des Reichs gestellt, der Muttergesellschaft waren nun Geschäfte mit den Achsenmächten verboten.

Black stellt schon klar, dass der Holocaust auch ohne IBM stattgefunden hätte. Wäre die Ausgrenzung und Vernichtung der Juden ohne Hollerith-Karten anders verlaufen? Wohl kaum. Black bleibt hier den Beweis schuldig. Festzuhalten ist allerdings, dass IBM keinerlei Skrupel hatte, mit Hitler-Deutschland zusammenzuarbeiten.

Edwin Black klagt nicht nur IBM an, sondern auch die amerikanischen Behörden, die es nicht zuließen, dass der Konzern wegen seiner Geschäfte mit Hitler-Deutschland zur Rechenschaft gezogen wurde. Watson war unangreifbar, und IBM für die amerikanische Armee unverzichtbar. IBM lieferte der amerikanischen Regierung die neueste Datenverarbeitungstechnik für die Mobilmachung und den Krieg. Die US-Armee verfügte bald über leistungsfähigere Hollerith-Maschinen als die Wehrmacht.

Seit Erscheinen des IBM-Buchs wird auf die Parallelen zwischen Edwin Black und Norman Finkelstein hingewiesen. Gemeinsam sind beiden nicht nur der Missionsgeist und die Neigung zu medienwirksamen Inszenierungen. Beide fragen als amerikanische Juden, Kinder von Holocaust-Überlebenden, nach amerikanischer Schuld. Damit stehen sie für einen Trend in der amerikanischen Holocaust-Forschung. Die Verzerrungen und Klischees in Blacks IBM-Buch müsste man ohne diesen Hintergrund kaum sonderlich ernst nehmen. Aber sind sie nicht vielleicht Ausdruck der neuen amerikanischen Nabelschau? Lässt hier über der Beschäftigung mit der Schuld Amerikas das Interesse an der Analyse des "Dritten Reichs" nach? So gesehen wäre es beruhigend, wenn wir die Legende von der NS-Diktatur als einer einzigen großen Hollerith-Maschinerie nur Edwin Blacks Publizitätsdrang zu verdanken hätten.

Edwin Black: IBM und der Holocaust. Die Verstrickung des Weltkonzerns in die Verbrechen der Nazis. Propyläen Verlag, Berlin / München 2001. 704 Seiten. 59,90 DM.

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