Politik : Im Todestrakt: Eine Mutter kämpft um ihre Tochter

Tanja Stelzer

Florence, Arizona: Seit elf Jahren sitzt Debbie Milke im Todestrakt. Ihre Mutter sagt, das Geständnis war gefälscht.

Renate Janka hat nur noch ein Ziel: Sie lebt dafür, ihrer Tochter die Freiheit zu erkämpfen. Aber wie nimmt man es mit einer Großmacht auf? Es ist alles vorbereitet für die Ankunft der Tochter: eine kleine Einliegerwohnung im Erdgeschoss, im Schlafzimmer das dunkelbraune, veloursbezogene Polsterbett und der Spiegelschrank, im Wohnzimmer die barocke Sitzgruppe und das verschnörkelte Eckschränkchen, darin das Porzellan der Großmutter. Das Wichtigste aber, sagt Debbie, und was Debbie sagt, ist immer das Wichtigste: Mami, als Allererstes musst du mir die Haare färben.

Eine richtige Blondine war sie früher, die jüngere Schwester neidete ihr die Engelslocken. Jetzt sind sie grau, mit Christophers Tod kamen die ersten Strähnen, da war Debbie 25. Nun ist sie 36, und seit sie ihre Hinrichtung üben musste, sind mehr graue Haare auf ihrem Kopf als blonde. Sie soll zwei Männer angeheuert haben, ihren vierjährigen Sohn umzubringen, deshalb soll sie sterben.

Auf den offiziellen, über www.debbiemilke.com verbreiteten Fotos sind die Haare noch golden. Sie schauen unter dem weißen Hut der High-School-Absolventin hervor, sind zurechtgefönt für den großen Tag. Die weiße, gestärkte Bluse sitzt so brav wie Debbies Lächeln. Sehr amerikanisch sieht das Mädchen aus und auch sehr naiv. Das ist der einzige Fehler, den Renate Janka an ihrer Tochter erkennen mag. "Sie hat", sagt sie, "von Anfang an nicht begriffen, was um sie herum passiert." Das, glaubt die Mutter, hat sie in den Todestrakt von Florence, Arizona, gebracht. Renate Janka glaubt fest an die Unschuld ihrer Tochter, aber darum geht es hier nicht, nur darum: zu zeigen, was elf Jahre im Todestrakt aus einem Menschen machen und aus seiner Familie.

Elf Jahre, so lange schon erzählt Renate Janka ihre Geschichte, mit verhangenem Blick, der vielleicht von den vielen Tränen rührt, die in dieser Zeit geflossen sind. Renate Jankas Geschichte ist kompliziert, viele Menschen tauchen darin auf, kranke Menschen, aus dem Tritt geratene Menschen, deren Beziehungen untereinander schwer zu begreifen sind. Die Aufgabe, diese Geschichte so vielen Menschen wie möglich zu erzählen, hat Renate Jankas Beruf ersetzt, inzwischen nimmt sie jeden Tag acht bis zehn Stunden in Anspruch. Aber auch am Ende dieses Tages wird die Geschichte rätselhaft bleiben, und Renate Janka wird ungläubig sein über das, was ihr und ihrer Tochter passiert ist.

5000 Dollar aus der Lebensversicherung

Die Geschichte handelt von einem Polizisten, der Geständnisse erpresst, vielleicht sogar fälscht; von einer Richterin, die Entlastungszeugen nicht zulässt und sich weigert, die Disziplinarakte jenes Polizisten zur Kenntnis zu nehmen; von einem Psychiater, der von der Unschuld der Angeklagten überzeugt ist, vom Gericht aber nicht gehört wurde. Der Polizist behauptet, Debbie Milke, das lächelnde High-School-Mädchen, habe den Auftrag erteilt, ihren Sohn zu ermorden. Vier Jahre war Christopher alt, sein Vater war ein drogenabhängiger Trinker, der Debbie in die Flucht geschlagen hatte. Renate Janka, inzwischen 58 Jahre alt, hat ihren Enkel viermal gesehen. Heute wäre er 15, wäre er nicht am 2. Dezember 1989 in der Wüste von Arizona gefunden worden, in einem ausgetrockneten Flussbett nördlich der Happy Valley Road, zwischen Sträuchern und Geröll, mit drei Kugeln im Hinterkopf.

Als Täter nahm man James Styers fest, bei dem Debbie Milke zur Untermiete wohnte, und dessen Freund Roger Scott. Sie hatten Christopher versprochen, mit ihm den Nikolaus in einem Einkaufszentrum zu besuchen, und sie bestreiten nicht, dass sie stattdessen mit ihm in die Wüste gefahren sind. Aber wer von beiden geschossen hat, ist bis heute nicht geklärt. Sie bezichtigen sich gegenseitig der Tat. Beide sind psychisch krank, vielleicht so krank, dass sie den Auftrag annehmen würden, ein Kind zu erschießen, vielleicht so krank, dass sie ein Kind aus Spaß exekutieren. Auch sie sollen hingerichtet werden. Debbie Milke, heißt es, habe ihren Sohn umbringen lassen, weil sie sich als Mutter überfordert gefühlt habe, vermutlich habe das Kind auch einer Beziehung im Weg gestanden. Und sie habe auf 5000 Dollar aus einer Lebensversicherung spekuliert, die auf Christophers Namen abgeschlossen war.

Die These vom Auftragsmord geht auf die Aussage von Roger Scott zurück, der das Zitat von Debbie Milke überliefert hat: Sie wolle Christopher loswerden, sie sei nicht zur Mutter geboren; er, Scott, und Styers sollten sich um den Jungen kümmern. Polizeikommissar Armando Saldate sagt, dass Debbie den Auftrag zum Kindsmord bei einem Verhör gestanden hat. Was bei jener Vernehmung tatsächlich gesprochen wurde, wissen nur der Kommissar und die Todeskandidatin. Sicher ist lediglich, dass Debbie das Geständnis nicht unterschrieben hat. Saldate hat ihre Aussage nicht auf Tonband festgehalten. Vor Gericht hat er ausgesagt, er habe die Notizen, die er während des Verhörs gemacht hat, weggeworfen. Dafür gibt es ein Gedächtnisprotokoll, angefertigt drei Tage nach der Vernehmung. Darin steht unter anderem, dass Debbie aufgeschrien habe auf die Nachricht, man habe die Leiche ihres Sohnes gefunden, aber der Kommissar hat angeblich keine Tränen in ihren Augen gesehen.

Debbie, die Kindsmörderin. Das Szenario passt nicht zu dem, was man über Mütter weiß, die ihre Kinder töten. Sie sorgen meist für einen sanften Tod, und sie tun es selbst. Die Psychologen, die Debbie während der ersten acht Monate ihrer Haft rund um die Uhr beobachtet haben, halten es für ausgeschlossen, dass sie getan hat, was ihr zur Last gelegt wird. Da waren keine Schuldgefühle, sagen sie, da waren nur Fassungslosigkeit und Trauer über den Verlust ihres Kindes. Noel Levy aber, der Staatsanwalt, hat "nicht den geringsten Zweifel, dass sie es war, "ich schaute in ihre Augen, und die Augen waren tot, der Blick war diabolisch."

Debbie, das Monster. Es gibt einige, die sie so sehen. Ihr Vater zum Beispiel. Er war Gefängnisaufseher, bevor er starb. Er arbeitete unter anderem im Gefängnis von Florence, in dem Debbie hingerichtet werden soll, auch im Todestrakt. Vor Gericht hat er gesagt: Wenn diese Frau jemals wieder ein Kind bekommen würde, sie würde es wieder umbringen. Sie muss hart bestraft werden. Debbies Schwester sprach den Satz aus: "Sie hat die Todesstrafe verdient."

Wie es kommt, dass Vater und Schwester Debbie dermaßen hassen, erklärt die Mutter so: Debbies Vater, auch er ein Schläger, ein Trinker wie der Vater von Christopher, habe ihr, Renate Janka, nie verziehen, dass sie ihn verließ. Er hat sofort wieder geheiratet, von diesem Zeitpunkt an waren die gemeinsamen Kinder aus erster Ehe für ihn abgeschrieben. Ähnlich kompliziert die Beziehung zwischen Debbie und ihrer jüngeren Schwester Sandy. Die Mutter beschreibt sie als von Neid und Eifersucht geprägt, gleichzeitig vom starken Wunsch der Jüngeren, die Liebe der Älteren zu gewinnen. Als Debbie schwanger wurde, machte Sandy es ihr sechs Wochen später nach. Als die Kinder da waren, gab Sandy ihren Job auf, um sich um die beiden Jungen zu kümmern. Fünf Jahre später der Auftritt vor Gericht, anschließend beteiligte sich Sandy an einer Debbie-Milke- Hassseite im Internet. Es ist ein Hin und Her. Jetzt sagt Sandy: Sobald Debbie frei ist, kümmere ich mich um sie.

Wohl erst im Gerichtssaal begriff Debbie, dass sie nicht der Verletzung der Aufsichtspflicht beschuldigt wurde, sondern des Mordes. Es gibt Aufnahmen von einem Fernsehinterview mit ihr, geführt nach der Verkündung des Urteils. Es ist schwer zu schätzen, wie oft Renate Janka dieses Video betrachtet hat, ein paar Hundert Mal müssen es sein; sie führt es den meisten ihrer Besucher vor. Und immer noch schießen ihr die Tränen in die Augen, wenn sie Debbie in ihrem taubenblauen Anstaltshemd betrachtet, wie sie die Brauen kräuselt, wie sie die Augen ungläubig aufreißt. Ein Todesurteil, das hatte Debbie nicht erwartet.

Der warnende Ruf "Milke walking"

Renate Janka ist nicht zum Prozess nach Arizona gefahren, um sich die Worte des Staatsanwalts anzuhören. Sie war auch nicht dabei, als Debbies Vater seinen Auftritt vor Gericht hatte, nicht, als Sandy sprach. Sie blieb in der Schweiz, wo sie seit 1989 lebt. Die Mutter sagt, man habe sie als Zeugin der Anklage hören wollen, das habe sie abgelehnt. Nie im Leben hätte sie gegen Debbie ausgesagt, was auch immer sie getan haben mochte, und zu diesem Zeitpunkt hielt sie das durchaus für möglich.

Dass sie damals fehlte, versuchte sie später wettzumachen, sie versucht es noch heute. Das ist vielleicht das einzige Positive an der Sache: Dass sich Renate Janka und ihre Tochter wieder näher gekommen sind, so nah, sagt die Mutter, dass sie körperlichen Schmerz spürt, wenn sie weiß: Ihre Tochter ist in einer depressiven Phase.

Debbie sitzt in Isolationshaft, in ihren Briefen schreibt sie: Mama, ich weiß nicht mehr, wer ich bin. Früher durften sie sich Kassetten schicken, da hat die Mutter der Tochter die neuesten Songs aufgenommen, von denen sie dachte, so etwas müsste jungen Leuten gefallen. Die Scorpions, zu Weihnachten die drei Tenöre, das Olympia-Lied. Irgendwann haben sie ihr das verboten, genauso wie sie es im vergangenen September verboten haben, dass die beiden einmal im Monat telefonieren, per R-Gespräch. Neulich, am Mittwoch vor Muttertag, gab es eine Ausnahme.

Es bleiben die Briefe, die Fotos. Die Mutter knipst ständig: das Haus, die Einliegerwohnung, Prominente wie Uschi Glas, die sich für Debbie einsetzen und mit denen Renate Janka sich trifft. Früher, als sie noch telefonieren durften, machte sie sich Notizen, damit sie nicht vergaß, was sie Debbie erzählen wollte. Und sie schickt der Tochter Anleitungen, wie sie sich fit halten kann. Eine Frau aus dem Dorf hat für Debbie ein Programm ausgearbeitet, mit dem sich jeder Muskel trainieren lässt, auch auf kleinstem Raum: Stretching- Übungen, Liegestütz, Auf-der-Stelle-Joggen. Die Mutter hat die Zelle nie gesehen, aber sie misst sie in Gedanken aus, schreitet im Wohnzimmer die Maße ab: zwei mal drei Meter. Hier die Pritsche, da der Tisch, davor ein Stuhl, die Toilette.

Einmal am Tag wird Debbie für eine Stunde nach draußen geführt, ihr schallt der warnende Ruf "Milke Walking" voraus. In Fuß-, Hand- und Bauchkette wird sie in einen Käfig gestellt, der ist kopfhoch und auch nicht größer als die Zelle. Da steht sie dann, bei 55 Grad im Schatten, und hält die Nase in die feuchte Monsunluft von Arizona.

Draußen. Die Weite hat Renate Janka immer geliebt an diesem Land. Gucken bis zum Horizont, das war für sie, die in der eingemauerten Stadt Berlin aufgewachsen ist, Amerika. Das Land, in das als 23-Jährige ausgewandert ist, von dem sie sich ihren leichten, kaum wahrnehmbaren Akzent bewahrt hat. Und Arizona: In zweieinhalb Stunden Autofahrt sieht man alles vom Hochschwarzwald bis zur Sandwüste. Noch immer bewundert sie die Schönheit dieses Landes, sogar die Grundsätze, auf denen es aufgebaut ist. Nur leben, leben will sie dort nicht mehr.

Sie wohnt in der Schweiz, mit ihrem neuen Mann ist sie in ein Haus in der Nähe von Luzern gezogen. Es verströmt amerikanischen Schick, alles dort ist sehr klar, sehr aufgeräumt, ein wahrscheinlich notwendiger Kontrast zu der Unordnung in ihrem Leben. Der blanke Granitfußboden, der weiße Kamin mit dem Kaminbesteck aus Messing davor, der Kronleuchter mit den gedrechselten Glühbirnen über dem Esstisch, die offene Küche. In der Schrankwand steht eine Uhr aus den Sechzigern mit goldenem Zifferblatt, darauf kann man die Zeit in Arizona ablesen.

Die Probehinrichtung

Das Haus ist an den Hang gebaut, von der Terrasse blickt man auf den Vierwaldstätter See. Vom hier aus kann man stundenlang wandern, kann Gipfel besteigen. Ohne diese Idylle, glaubt Renate Janka, wäre sie schon längst durchgedreht. Sie führt, sagt sie, nicht das, was man sich unter einem normalen Leben vorstellt. Es ist ein Leben, in dem man beiläufig Sätze sagen muss wie: Es waren ja drei Kopfschüsse. Sie hält Vorträge bei Veranstaltungen von amnesty, bei denen sie nebenbei alles erfährt, was sie lieber nicht hören möchte über verschiedene Hinrichtungsmethoden, über die Wirkung der Substanzen Natriumpentothal, Pancuroniumbromid und Kaliumchlorid, die, in vorgegebener Reihenfolge intravenös verabreicht, den Tod des Verurteilten bringen. Sie arbeitet Prozessakten durch und all die Studien über die Todesurteile in den USA, über Juroren, die eingeschlafen sind, betrunkene Richter und Staatsanwälte. Sie schreibt Briefe, in denen sie um Überweisungen an das Debbie-Milke-Spenden-Konto Nummer 9436007, Bankleitzahl 68052328 in Deutschland bittet und an die Konten in der Schweiz und den USA, damit sie ihr Juristenteam bezahlen kann.

Regelmäßig telefoniert sie mit dem Privatdetektiv Kirk Fowler, der Details zusammenträgt, die die Absurdität des Urteils belegen sollen. Er will "mindestens fünf Fälle" gefunden haben, in denen Kommissar Saldate Geständnisse manipuliert hat, er hat darauf hingewiesen, dass sich Saldate zum Abschluss seiner Karriere in ein honoriges Amt wählen lassen wollte, dass ihm dafür eine rasche Lösung des Falls Christopher Milke, seines letzten Falls vor den Pensionierung, gelegen kam. Fowler hat auch herausgefunden, dass Debbies Richterin inzwischen wegen Fehlverhaltens ihres Amtes enthoben wurde. In einer 16-Punkte-Erklärung weist der Detektiv darauf hin, dass Richterin Cheryl Hendrix keine Zeugen, die für Debbie aussagen wollten, akzeptiert habe, auch nicht die Einlassung von Styers, Debbie habe mit dem Mord nichts zu tun. Debbies psychiatrischen Gutachter hat die Richterin abgelehnt.

Der Fall ist einmal durch alle bundesstaatlichen Instanzen gegangen und befindet sich inzwischen auf der vorletzten Berufungs-Ebene in Arizona. Einen 5000-seitigen Anhang hat die letzte Petition, eine Habeas-Corpus-Klage. Dabei geht es darum, ob Debbie ein gerechtes Verfahren bekommen hat. Erkennt das Gericht an, dass das nicht der Fall war, könnte es einen neuen Prozess geben; die Frage nach der Schuld würde neu gestellt. Andernfalls wird es eine Revision vor dem District Bundesgericht geben, das ebenfalls ein neues Verfahren auf bundesstaatlicher Ebene anordnen kann.

Einmal dachte Renate Janka, der Kampf ist verloren. Da gab es den Hinrichtungstermin: 29. Januar 1998. Als sie davon erfuhr, flog die Mutter in die USA, nahm sich ein Apartment zehn Autominuten vom Gefängnis entfernt. Sie blieb 15 Monate. In dieser Zeit hat sie Debbie zum letzten Mal besucht, da hat es die Tochter noch erlaubt. Aber die Besuche, sagt sie, stürzen sie in tiefe Depression. Sie erträgt es nicht mehr, diese Leibesvisitationen, Körperöffnungen inklusive, dann das Sitzen vor der Glaswand, die Mutter dahinter, und eine Stunde später muss sie zurück in die Zelle. Dann lieber keinen Besuch.

Der Hinrichtungstermin wurde damals aufgehoben, trotzdem haben sie den Dry Run durchgezogen, die Trockenübung. Debbie hat in einem Brief davon berichtet: Wie sie in ein Formular eintragen musste, welche Hinrichtungsart sie wünschte: Gaskammer oder Giftspritze (sie machte ihre Kreuz bei "Spritze"); welche Henkersmahlzeit sie bestellen wollte, welche Zeugen an dem Akt teilnehmen sollten, wie sie bestattet werden sollte. Sie erhielt, schreibt sie, Besuch von einem Arzt, der ihre Venen auf die Tauglichkeit für die Hinrichtung untersuchte, die Psychiater kamen, der Kaplan. Dry Runs sind in Arizona vorgesehen, sobald ein Hinrichtungstermin feststeht. Man will wissen, auf was man sich gefasst zu machen hat, wie der Todeskandidat reagieren wird, die Probe wird auf Video aufgenommen. Debbie wurde während der Prozedur hysterisch, dann durfte sie zurückkehren ins Leben.

Weil das Zellenleben auch nach elf Jahren nicht reicht, um den Tag und die Gedanken zu füllen, führt Debbie Milke noch ein anderes Leben, eine Parallel-Existenz. Sie ist sehr abstrakt und doch sehr konkret, denn sie passt in schätzungsweise 40 Kartons, die in einem Lagerhaus nicht weit vom Gefängnis untergebracht sind. Der Lagerraum ist klimatisiert, mit einem Vorhängeschloss verriegelt, und darin gibt eine T-Shirt-Kiste, eine Hosen-Kiste, eine Socken-Kiste, eine Kosmetik-Kiste, eine Kiste mit satinbezogenen Kleiderbügeln. Renate Janka hat das alles bei einem Versandhaus bestellt, sie darf es Debbie nicht ins Gefängnis schicken. Wenn ihr die Mutter schreibt: Dein Rock ist angekommen, dann antwortet Debbie: Der ist so süß, ich freue mich so, und dann wandert der Rock in eine der Kisten. Die Tochter weiß, dass die Kisten bereitstehen, damit sie sie auspacken und ihr verlorenes Leben nachholen kann.

Einmal, sagt Renate Janka, hat sie in dem Lager aufgeräumt, und sie hat 30 Paar Socken gefunden. Da hat sie Debbie gesagt, ganz im Tonfall der ermahnenden Mutter: Mein Gott, Kind, was willst du damit, die reichen dir fürs ganze Leben.

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