Interview mit Ensaf Haidar, Ehefrau von Raif Badawi : „Er hat am Telefon geweint“

Die Frau des inhaftierten saudischen Bloggers Raif Badawi spricht im Interview über die Lage ihres Mannes im Gefängnis, ihr Gefühl wenn seine Auspeitschung wieder ansteht und die Rolle Deutschlands in Saudi-Arabien.

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Ensaf Haidar (links) kämpft für die Freiheit ihres Mannes, wie hier bei einer Kundgebung in Montreal.
Ensaf Haidar (links) kämpft für die Freiheit ihres Mannes, wie hier bei einer Kundgebung in Montreal.Foto: PA/Canadian Press/Ryan Remiorz

Jeden Freitag stellt sich die Frage, ob Ihr Mann Raif Badawi ausgepeitscht wird. Wie fühlen Sie sich an diesen Tagen?

Dieses Gefühl, verloren zu sein, beginnt schon am Donnerstagabend. Ich kann sowieso nicht schlafen, am Freitag ist es aber besonders schwierig für mich aufzustehen, an diesem Tag habe ich Angst.

Eine Fatwa gegen Ihren Mann wirft ihm vor, den Islam beleidigt zu haben …

Das ist eine Hassschrift. Es sind Terroristen, die auf der Straße ihr Unwesen treiben und die solche Rechtsgutachten herausgeben. Nun wollen einige von ihnen Raif sogar töten. Mein Mann hat niemals etwas gegen den Islam oder irgendeine andere Religion gesagt oder geschrieben. Er hat immer nur die „Männer der Religion“ kritisiert, die den Glauben der Menschen für ihre Zwecke ausnutzen. Er hat das System kritisiert.

Wusste er, in welcher Gefahr er schwebt?

Es gibt kein Gesetz, das verbietet, die Verhältnisse zu kritisieren, sogar in Saudi- Arabien nicht. Wir hätten nie gedacht, dass es so schlimm wird.

Sie und Ihre drei Kinder sind schon 2012 nach Kanada geflohen. Hatten Sie das Gefühl, dass auch Sie in Gefahr sind?

Wir wussten zwar nicht, dass es so schlimm wird, aber Raif wollte auf Nummer sicher gehen. Er ist ein vorsichtiger Mensch. Er hat für uns die Reise nach Kanada organisiert. Als wir hier waren, wurde Raif angeklagt, und wir haben Asyl beantragt.

Was wollte Ihr Mann erreichen?

Er setzt sich für die grundlegenden Menschenrechte ein. Er rief dazu auf, dass man die Meinung des anderen respektieren sollte. Seine Vision ist eine liberale Gesellschaft, die auf einem friedlichen Zusammenleben aller Mitglieder fußt.

Eigentlich kennen wir Ihren Mann kaum. Erzählen Sie uns mehr, bitte.

Für mich ist Raif der wundervollste Mensch, den ich in meinem Leben getroffen habe. Er hat schon immer geschrieben, als Hobby und als Beruf. 2008 verhängte man gegen ihn ein Berufs- und Reiseverbot in Saudi-Arabien. Er hat trotzdem weitergeschrieben, auch für saudische Medien. Die konnten ihn nicht direkt bezahlen, weil sie sich ja strafbar gemacht hätten. Manchmal hat er deswegen ganz auf seine Honorare verzichtet, weil er unbedingt seine Texte schreiben wollte.

Ein Teil der Strafe gegen Ihren Mann ist auch eine Geldbuße von umgerechnet 195 000 Euro …

Mir ist unklar, wie wir diese Geldstrafe bezahlen sollen. Daran habe ich noch gar nicht ausführlich denken können. Auf der Flucht in den Libanon und dann nach Kanada haben mir und meinen Kindern zunächst Freunde über die Runden geholfen, und jetzt lebe ich von der Hilfe der kanadischen Regierung.

Wie geht es Ihren Kindern?

Sie sind traumatisiert. Sie bekommen aber psychologische Hilfe. Ich versuche, zusammen mit ihren Lehrern und Freunden, die Situation für sie so erträglich zu machen wie nur möglich. Aber natürlich fragen sie nach ihrem Vater.

Dürfen Sie mit Ihrem Mann reden?

Wir sprechen uns nur unregelmäßig. Er hat keine Nummer, ich kann ihn nicht anrufen. Manchmal ruft er mich an, dann können wir drei oder vier Minuten reden. Ich lasse mein Handy nie aus den Augen.

Hat ihn jemand besuchen dürfen?

Nein. Seine Schwester hat versucht, ihn im Gefängnis zu besuchen. Aber sie kam nicht rein. Und Raif findet keinen Anwalt, weil keiner den Fall übernehmen will.

Haben Sie Kontakt zu seiner Familie?

Nein. Ich habe zu Raifs und meiner Familie in Saudi-Arabien keinen Kontakt. Die Badawis und die Haidars sind weder mit unserem Engagement noch mit unserer Liebe einverstanden.

Wer kann seine Tortur noch beenden?

Der König oder der saudische Innenminister Mohammed bin Naif.

Was fordern Sie vom König?

Raif soll freigelassen werden, er hat nichts verbrochen. Er ist unschuldig. Außerdem soll er dann ausreisen, zu mir nach Kanada kommen dürfen. Denn in Saudi-Arabien können wir nicht mehr leben.

Was kann Deutschland machen?

Ich bin überwältigt und dankbar, wie viel Unterstützung wir aus so vielen verschiedenen Ländern bekommen. Dafür möchte ich auch der Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier danken. Doch ich hoffe, dass sie noch mehr versuchen. Deutschland ist ein in Saudi-Arabien sehr respektiertes Land, mit einem enormen Einfluss. Es sollte seine Stärke für meinen Mann und die Menschenrechte einsetzen.

Weiß Raif Badawi eigentlich, dass sich die halbe Welt große Sorgen um ihn macht?

Ich habe es ihm neulich am Telefon erzählt. Dass sein Gesicht auf so vielen Titelbildern zu sehen ist, dass Zeitungen weltweit gegen die Ungerechtigkeit, die uns angetan wird, anschreiben, bis er freikommt, dass nun auch viele Saudis wissen, wer Raif Badawi ist. Er hat am Telefon geweint.

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