• Interview mit Katrin Göring-Eckardt: „In Flüchtlingsheimen gelten die Regeln unseres Zusammenlebens“

Interview mit Katrin Göring-Eckardt : „In Flüchtlingsheimen gelten die Regeln unseres Zusammenlebens“

Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt über Konflikte zwischen Muslimen und Christen, Ängste in der Bevölkerung und den Missbrauch von Religion.

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Die Bundestags-Fraktionsvorsitzende der Partei Bündnis90/Die Grünen, Katrin Göring-Eckardt.
Die Bundestags-Fraktionsvorsitzende der Partei Bündnis90/Die Grünen, Katrin Göring-Eckardt.Foto: picture alliance / dpa

Frau Göring-Eckardt, in etlichen Ländern auf dieser Welt gibt es Probleme mit der Religionsfreiheit. Die am meisten verfolgte Gruppe sind die Christen. Müssen wir als christlich geprägtes Land uns besonders für die Christen einsetzen?

Als christlich geprägtes Land müssen wir uns für alle einsetzen, die verfolgt werden. Menschen werden wegen ihrer Religion, aber auch wegen der Nationalität oder der Herkunft verfolgt. Im Moment sind viele Menschen aus Kriegsgebieten auf der Flucht. Als demokratisches Land dürfen wir keine Unterschiede machen, aber auch als Christen nicht. Die Nächstenliebe gilt nicht für den einen mehr als für den anderen.

In der Bibel heißt es bei Apostel Paulus: „Lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubensgenossen“. Leitet sich daraus nicht eine besondere Verantwortung für die Christen ab?

Erstaunlich ist doch, dass der Satz von Paulus schon die universale Verpflichtung im Blick hat. Denn entscheidend ist, dass bei Paulus steht: Gutes tun an jedermann. Heute würde man übrigens auch sagen, Gutes tun an jeder Frau. Es geht darum, dass wir helfen sollen, unabhängig von der Person, dem Geschlecht, der Religion.

In deutschen Flüchtlingsheimen sind Christen in der Minderheit, es gibt Klagen darüber, dass streng gläubige Muslime sie mobben. Wie sollten wir damit umgehen?

Die erste Phase der Flüchtlingsunterbringung, in der es vor allem darum ging, ein Dach über dem Kopf, eine funktionierende Heizung und etwas zu Essen zu organisieren, ist allmählich vorbei. Und es ist doch klar: In Flüchtlingsunterkünften gelten die Regeln unseres Zusammenlebens. Dazu gehört es, dass niemand wegen seiner Religion benachteiligt werden darf. Wir benötigen die Großunterkünfte noch eine Weile und müssen uns vor allem um die kümmern, die besonderen Schutz brauchen. Dazu gehören insbesondere Frauen und Kinder. In vielen Unterkünften leben Schwangere und Familien ohne Rückzugsmöglichkeiten. Das ist eine der Aufgaben, die uns im nächsten Jahr bevorstehen. Das ist die erste, aber nicht die einzige Aufgabe für Sozialarbeiter und die Mitarbeiter in den Unterkünften. Es gibt übrigens nicht nur Konflikte zwischen Muslimen und Christen, sondern auch zwischen unterschiedlichen Ausprägungen des Islam. Schließlich leben in den Unterkünften auch Menschen muslimischen Glaubens, die vor islamistischer Verfolgung geflohen sind.

Pegida nutzt die Flüchtlingskrise, um in Deutschland Ängste vor dem Islam zu schüren. Was lässt sich dagegen tun?

Pegida versucht, aus der Notsituation von Menschen Kapital zu schlagen und gibt das noch offen zu. Ich finde es schäbig, dass sie sich dabei auf das christliche Abendland berufen. Es ist unchristlich, Ressentiments gegen Minderheiten zu schüren. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, heißt es in der Bibel, und das ist höchste Gebot.

Wie kann man den Ängsten begegnen, die es ja in Teilen der Bevölkerung gibt?

Man wird offen sagen müssen, dass das, was Islamisten an Terror und Ideologie verbreiten, auch etwas mit dem Islam zu tun hat. Natürlich ist der Islam keine Religion, die per se böse ist. Auch im Islam geht es um Nächstenliebe, und es gibt einen barmherzigen Gott. Und so wie im Alten Testament steht „Auge um Auge und Zahn um Zahn“, gibt es Passagen im Koran, die man nicht als Anleitung zum Handeln nehmen darf. Es muss klar sein, dass der Islam in Europa ein aufgeklärter, demokratisch fundierter Islam sein muss, der sich klar von Terror und Erpressung abgrenzt. Aber es muss auch deutlich werden, dass man diese Religion auch in einem demokratischen Land leben kann und es einem dabei sogar besser gehen kann als in jedem islamistischen Regime.

Deutschland steht seit einiger Zeit in internationalen Studien unter Beobachtung wegen der Zunahme von Antisemitismus und Islamophobie. Macht Ihnen das Sorgen?

Das macht mir große Sorgen. Es ist erschreckend, dass die Zahl rechtsmotivierter Straftaten zugenommen hat. Besonders bereitet es mir Sorgen, dass die Sicherheitsbehörden sagen, dass die Gewaltbereitschaft auch bei angeblich unbescholtenen Bürgern aus der Nachbarschaft zunimmt. Daher ist es besonders gefährlich, wenn Politiker mit Ressentiments spielen und damit die Stimmung an den Stammtischen anheizen. Der Weg zur Gewalt ist da nicht mehr weit. Da ist besonders die AfD in der Verantwortung, aber es gibt auch immer wieder Politiker von CDU und CSU, die Ressentiments schüren.

Was kann die deutsche Politik tun, um Religionsfreiheit auf dieser Welt durchzusetzen? Sollten wir die Vergabe von Mitteln in der Entwicklungszusammenarbeit stärker daran knüpfen?

Man trifft ja die Ärmsten der Armen und genau die Falschen, wenn wir nur Länder unterstützen, die alle Religionen gleich behandeln. Klar ist aber: In Ländern, die wir unterstützen, muss selbstverständlich der Anspruch sein, dass Christinnen und Christen, wie auch Angehörige anderer Religionen, ihren Glauben ohne Verfolgung leben können. Wir haben deshalb gemeinsam mit den Koalitionsfraktionen die Bundesregierung aufgefordert, dem Bundestag bis zum Sommer einen Bericht zur weltweiten Lage der Religions- und Glaubensfreiheit vorzulegen, wie ihn das State Department in den USA jährlich herausgibt. Und wenn wir in Deutschland über Städtebau reden, werden wir auch darüber diskutieren müssen, dass es ausreichend Moscheen gibt. Sogar in der DDR wurde dafür gesorgt, dass es zwischen den Plattenbauten eine Kirche gab. Hinterhofmoscheen sind keine Lösung!

Wird die Rolle der Religion bei internationalen Konflikten überbewertet?

Natürlich geht es bei vielen Konflikten auch um den Kampf um Ressourcen oder um soziale Unterschiede. Aber es hat auch etwas mit Religion zu tun, wenn es beispielsweise in Saudi-Arabien in diesem Jahr 151 Hinrichtungen gab, darunter viele öffentliche Enthauptungen. Der Wahabismus im saudischen Königreich ist eine militante Form des Islam und dort Staatsdoktrin. Wir müssen es anprangern, wenn Religion so missbraucht wird.

Katrin Göring-Eckardt führt seit Oktober 2013 zusammen mit Anton Hofreiter die Bundestagsfraktion der Grünen. Die Fragen stellte Cordula Eubel.

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