Jahresbericht des Sachverständigenrats : Europa wandert in Deutschland ein

Die Bundesrepublik zieht wieder mehr Migranten an. Es sind zum weitaus größten Teil Europäer - und die meisten sind besser ausgebildet als die Einheimischen.

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Arbeiten in Deutschland - immer mehr Europäer wollen das.
Arbeiten in Deutschland - immer mehr Europäer wollen das.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Wenn von Migration die Rede ist, geht es meist um Türken, Afrikaner oder Vietnamesen. Tatsächlich jedoch kommen die meisten Einwanderer aus EU-Europa – mehr als zwei Drittel waren in der ersten Hälfte 2012 Unionsbürger. Und Deutschland profitiert von ihnen, meint der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR). Im aktuellen Jahresgutachten, das am Freitag vorgestellt wurde, hat er sich mit „Folgen und Herausforderungen der EU-Freizügigkeit für Deutschland“ beschäftigt.
Die Zuzügler aus Europa sind im Schnitt zehn Jahre jünger als die deutsche Bevölkerung und haben öfter Hochschulabschlüsse. Und diese Europäer im wirtschaftlich aktiven Alter, von denen Deutschland überdurchschnittlich viele anzieht, arbeiten: Bulgaren und Rumänen etwa, über die erst kürzlich wieder unter dem Stichwort „Armutseinwanderung“ debattiert wurde, zu 72 Prozent. Ein „hoher Wert für Neuankömmlinge“, sagte die SVR-Vorsitzende Christine Langenfeld, die im vergangenen Jahr das Amt vom Gründungschef Klaus Bade übernahm. Die vieldiskutierte „Einwanderung in die Sozialsysteme“ sei „eher gefühlt als real“. Dies könne sich angesichts der großen Unterschiede des Lebensstandards in der EU aber ändern.
Unsicher ist das Expertengremium, ob das Plus, das den Trend zum Auswanderungsland in den letzten beiden Jahren gedreht hat, nur „ein Strohfeuer“ ist. Der Anteil der von der Euro-Krise getroffenen Länder ist schließlich deutlich: Der Zuzug von Menschen aus den Krisenländern Griechenland, Italien und Spanien, Portugal und Irland hat sich zwischen 2007 und 2011 verdoppelt.
Lob sprechen die neun Professoren im SVR der deutschen Migrationspolitik aus: Die Bundesrepublik lockere ihre Zuwanderungsregeln zunehmend, auch für Neuankömmlinge von außerhalb der EU. Deutschland sei „ein vergleichsweise liberales Einwanderungsland“ geworden, sagte Langenfeld. In der Umsetzung der guten Absichten allerdings „knirscht es noch“, so die Vorsitzende. Gerade mal fünf von 16 Ländern haben im Verlauf eines Jahres jenes Bundesgesetz in Landesrecht umgesetzt, das die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse regelt. Selbst dort, ergänzte der Wirtschaftswissenschaftler Thomas K. Bauer, dauere es noch mehr als ein Jahr, bis ein Arzt mit ausländischer Ausbildung seine Anerkennung habe. Und dringend benötigte Lehrer, ergänzte Langenfeld, scheiterten daran, dass sie in Deutschland zwei Fächer unterrichten müssten. Ein Unikum: Überall sonst in Europa genügt eines.

Das Gutachten, das der SVR anschließend erstmals auch dem Bundespräsidenten vorlegte, weist auch auf eine Strukturveränderung der innereuropäischen Wanderungen hin: Immer öfter verlegen Migranten ihren Wohnsitz nur für ein paar Jahre ins Ausland. Einen entsprechenden „Paradigmenwechsel“ gebe es auch an den Universitäten, sagt die Erziehungswissenschaftlerin Yasemin Karakasoglu, Konrektorin der Universität Bremen. Man bemühe sich stärker, ausländische Studierende wenigstens ein paar Jahre nach dem Studium im Land zu halten. Das sei im Sinne Deutschlands, wo sie kostenlos studieren konnten, „aber das wollen sie auch selbst“.
Um „Deutschlands Rückkehr als Einwanderungsland“ politisch abzufedern und der Vielfalt des Zuzugs gerecht zu werden, schlägt der SVR einen „Nationalen Migrationsplan“ vor. Dazu allerdings, so Langenfeld, müsste die Zuständigkeit für das Thema den Innenministerien genommen werden – es passe nicht mehr in die Zeit, es vor allem unter dem Sicherheitsaspekt abzuhandeln.
Dass Migration im zusammenwachsenden Europa und trotz Krisendrucks immer noch Sache von wenigen ist, steht ebenfalls im Gutachten: Aus jener EU, die es bis Mitte der 90er Jahre gab, also die der reicheren süd- und westeuropäischen Länder, hat es bis heute gerade einmal 1,9 Prozent zum Arbeiten in ein anderes europäisches Land gezogen. Zwar sei „die innereuropäische Mobilität in den letzten Jahren deutlich angestiegen“, heißt es im Gutachten. Aber: „Sesshaftigkeit ist in Europa die dominante Lebensform“.

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