Jahrestag des Völkermordes : Erdogan erinnert an die "Schmerzen" der Armenier-Vertreibung

Als erster Regierungschef der Türkei hat Erdogan offiziellen den Massenmorden an den Armeniern im Ersten Weltkrieg gedacht. Ein Schritt, mit dem er mehrere Ziele verfolgt.

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Erdogan erinnert als erster Regierungschef der Türkei an die "Schmerzen" der Armenier-Vertreibung.
Erdogan erinnert als erster Regierungschef der Türkei an die "Schmerzen" der Armenier-Vertreibung.Foto: Reuters

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat als erster Regierungschef in der Geschichte seines Landes in einer offiziellen Grußbotschaft der Massenmorde an den Armeniern im Ersten Weltkrieg gedacht. Die Erinnerung an die Schmerzen sei eine „menschliche Pflicht“, betonte Erdogan am Mittwoch in einer offiziellen Erklärung des Ministerpräsidentenamtes in Ankara. Beobachter sprechen von einem bedeutsamen Schritt, auch wenn die Erklärung keine Anerkennung des Völkermords oder eine formelle Entschuldigung darstellte.

Am 24. April 1915 begann die Vertreibung der Armenier im Osmanischen Reich, dem Vorgänger der heutigen türkischen Republik. Nach Überzeugung der Armenier und eines Großteils der internationalen Forschung handelte es sich bei den Massakern und Todesmärschen bis 1917 um einen Genozid mit dem Ziel, die Armenier als Volk auszulöschen. Bis zu 1,5 Millionen Menschen sollen umgekommen sein. Ankara weist den Genozid-Vorwurf zurück, spricht von einer kriegsbedingten Tragödie und setzt die Zahl der Opfer wesentlich niedriger an.

Erdogan kondoliert den Hinterbliebenen des Verbrechens

In seiner Erklärung vom Mittwoch betont Erdogan sein Mitgefühl mit den Opfern und kondoliert den Hinterbliebenen des Verbrechens. Ereignisse wie die Vertreibung der Armenier seien „unmenschlich“ gewesen. Alle Volksgruppen des Osmanischen Reiches hätten damals eine schmerzensreiche Zeit durchlebt. Deshalb sprach er sich in Anspielung auf die Bezeichnung Völkermord gegen eine „Hierarchie der Schmerzen“ aus.

Erdogan erneuerte zudem seinen Vorschlag zur Bildung einer türkisch-armenischen Historikerkommission zur Untersuchung der Ereignisse. Die türkischen Archive stünden der Forschung offen.

Ziya Meral, ein in London lebender Türkei-Experte, begrüßte Erdogans Erklärung als „kleinen, aber weitreichenden Schritt“. Lange Zeit habe die Türkei geleugnet, dass überhaupt etwas Unschönes passiert sei, erklärte Meral auf Twitter. Nun räume Ankara ein, „dass wirklich schlimme Dinge geschehen sind“. Der ehemalige Diplomat Özdem Sanberk meinte, zum ersten Mal habe sich Ankara mit menschlicher Anteilnahme zu dem Thema geäußert. Die türkische Regierung veröffentlichte auch eine armenische Fassung von Erdogans Erklärung, ebenfalls ein ungewöhnlicher Schritt.

Bald jährt sich der Völkermord zum 100. Mal

Erdogans Beileidserklärung ist auch im Zusammenhang mit den Vorbereitungen auf den 100. Jahrestag des Völkermordes im kommenden Jahr zu sehen. Die türkische Regierung ist bemüht, den Anhängern des Völkermords-Vorwurfes möglichst wenig Angriffsfläche zu geben. Türkei-Experte Meral erklärte, offenbar wolle die Regierung die türkische Öffentlichkeit auf eine künftige Anerkennung des Völkermordes vorbereiten; der Weg dahin sei aber noch weit.

Auf kurze Sicht will Erdogan verhindern, dass US-Präsident Obama in der traditionellen Botschaft der USA zum Armenier-Tag an diesem Donnerstag das Wort „Genozid“ verwendet. Dies ist nach der Erklärung des türkischen Premiers vom Mittwoch nun kaum zu erwarten.

Am zentralen Taksim-Platz in Istanbul soll an diesem Donnerstag eine Gedenkveranstaltung für die Opfer des Völkermordes stattfinden. Die türkischen Behörden hatten die Kundgebung zunächst verboten, dann aber freigegeben. Seit den Gezi-Protesten des vergangenen Jahres ist der Taksim-Platz normalerweise für politische Kundgebungen gesperrt.

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