Kampf um die Präsidentschaft : Poroschenko will Ukraine wie Schokoladenfabrik führen

Er ist einer der reichsten Männer der Ukraine, seine Schokolade und Bonbons werden in alle Länder der früheren Sowjetunion geliefert. Wie der Oligarch Petro Poroschenko die Präsidentschaftswahlen gewinnen will.

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Petro Poroschenko
Petro PoroschenkoFoto: Reuters

Blau, rot, gelb, grün leuchten Lichter, werfen zum Takt von ukrainischen Rocksongs und populären Volksliedern Figuren und Szenen über das dunkle Wasser des Südlichen Bugs. Am Ufer, an der Promenade bejubeln 50.000 Zuschauer das Spektakel am späten Freitagabend. Auf einer Bühne direkt am Fluss stehen zwei TV-Moderatoren und begleiten die Saisoneröffnung der größten Musikfontäne Europas.

Einer verfolgt das Spektakel mit besonderem Interesse: Petro Poroschenko, Oligarch, Politiker und größter Arbeitgeber in der zentralukrainischen Region Vinnitsa. Eine der größten und modernsten Produktionsanlagen seiner Süßwarenfabrik steht genau am Ufer. Blau, groß und modern, mit dem Namenszug Roshen, die Poroschenko nach seinem Nachnamen benannt hat, brummt das Werk im 24-Stunden-Takt.

Der 48-Jährige zählt zu den zehn reichsten Menschen der Ukraine, unter anderem weil er seine Schokolade, Kekse, Bonbons und Pralinen in alle Länder der früheren UdSSR verkauft, außerdem exportiert Roshen in den Nahen Osten, nach China, in die USA und nach Kanada. Neuerdings gibt es auch in Budapest ein Werk. Auch in der ukrainischen Provinz geht es voran. Poroschenko hat am Freitag eine Milchfabrik eröffnet. „Jetzt brauchen wir die Rohstoffe nicht mehr aus der Schweiz und aus Frankreich importieren“, berichtet er stolz, als er ausländischen Journalisten und örtlichen Honoratioren die neue Produktionsstätte zeigt. „Hier sind 350 Arbeitsplätze entstanden, 150 weitere folgen noch.“

Poroschenko will am 25. Mai die Präsidentschaftswahlen in der Ukraine gewinnen. „Lass‘ uns keine Zeit verschwenden und in der ersten Runde alles klar machen. Sagt allen aus Familie und Freundeskreis, dass jeder zur Wahl gehen soll“, wirbt der Mann im eleganten, anthranzitfarbenen Anzug im Kulturhaus der Kleinstadt Koziatyn der Region Vinnitsa. Die Ukraine habe sich auf dem Maidan entschieden „auf neue Weise zu leben“. Anstatt in sinnlosen Debatten Argumente auszutauschen, sollte das Land nun schnellstens „Stabilität und Wirtschaftswachstum zurückbekommen, beschwört der frühere Außenminister und Wirtschaftsminister seine Zuhörer. Auch Irina Sulemiya, eine Lehrerin aus dem Ort, ist zur Kundgebung gekommen. Sie wolle sich den Kandidaten nun einmal aus nächster Nähe anschauen. „Er ist bei uns bekannt wie kein anderer, er sorgt für uns“, sagt die 47-Jährige.

Kritik an Putin unterbleibt

Der Großunternehmer, Arbeitgeber und Politiker hat es an diesem Nachmittag eilig. Man soll die Fragen der Bürger doch bitte aufschreiben, er werde sich das alles anschauen. Versprochen. Der Auftritt in dem Kulturhaus, das in Sowjetzeiten erbaut wurde und offenbar seither noch nie renoviert wurde, scheint Poroschenko nicht zu behagen. Die Menschen schauen den seltenen Gast zwar voller Neugier an, doch kaum einer wagt sich, ihn anzusprechen. Ein bisschen erinnert die Szene an frühere Zeiten, als Gutsherren regierten. Poroschenko sagt: „Ich möchte die Ukraine führen, wie meine Roshen-Werke. Meine Angestellten bekommen pünktlich ihr Gehalt, außerdem gibt es Sonderkonditionen wie Gesundheitsversicherung und andere Zuschüsse.“ Und das Publikum applaudiert. Weder die Bilder, die auf einer großen Videoleinwand auf der Bühne gezeigt wurden, und an die Szenen aus den Protestmonaten vom Dezember bis Februar 2014 in Kiew erinnerten, noch Poroschenkos kurze Abhandlungen zur Zusammenarbeit mit der EU und dem großen Nachbarn Russland, haben den Menschen solche Emotionen entlockt. Kritik am russischen Präsidenten Putin unterbleibt. Eine Mitgliedschaft in der EU wird nicht gefordert. „Am 26. Mai 2014 werde ich als Präsident mit Russland in einen neuen Dialog treten“, sagt Poroschenko, ohne Details zu nennen.

Wirtschaftsminister unter Janukowitsch

Poroschenko ist einer der erfahrensten Politiker der Ukraine, auch mit Revolutionen kennt er sich aus. Bereits 2004 finanzierte er die Orangene Revolution, wurde unter Präsident Viktor Juschtschenko Außenminister. Der Oligarch, der die Unternehmensgruppe Ukrprominvest leitet und neben Schokolade auch mit dem Schiffsbau, einer Medienholding sowie Rüstungsgütern sein Geld verdient, hat geschickt seinen TV-Sender, den "5 Kanal" dazu eingesetzt, die Ukrainer über die Protestbewegung des Euro-Maidans zu informieren. Die Forderungen der Aktivisten waren jedoch andere, als jene, die Poroschenko heute in den Mittelpunkt stellt. Unter anderem sollten die 100 reichsten Menschen der Ukraine keine politischen Ämter mehr bekleiden. Der Milliardär hat auch unten dem verhassten, am 22. Februar abgesetzten Präsidenten Viktor Janukowitsch, als Wirtschaftsminister in der Regierung gesessen.

Timoschenko liegt in Umfragen bei nur neun Prozent

Im Wahlkampf greift der gewiefte Jurist aus Odessa auf die Unterstützung früherer Juschtschenko-Gefolgsleute zurück. Seine Wahlkampagne wird von Roman Zwaritsch, Justizminister bei Präsident Juschtschenko, geleitet. Auch Poroschenkos Außenpolitischer, Valerij Tschali, hat in gleicher Position für den früheren Präsidenten gearbeitet. Heute gehört er zu den Geschäftsführern des Razumkow-Zentrums. Von dort kamen vor ein paar Tagen Umfragewerte, die Poroschenko bei 33 Prozent, seine Widersacherin Timoschenko bei neun Prozent sahen.

Zudem hat Poroschenko offenbar enge Beziehungen zu dem Gas-Zwischenhändler und Multimilliardär Dmtrij Firtasch. Der Anfang März in Wien verhaftete Unternehmer, soll wegen Geldwäsche und Bestechung in den USA angeklagt werden, bei einer Verurteilung drohen ihm 15 bis 20 Jahre Haft. Firtasch hatte zum früheren Präsidenten Janukowitsch engste Beziehungen und mit seiner Firma Rosukrenergo, die zur Hälfte der russischen Gazprom gehört, Milliarden Euro vom ukrainischen Staatshaushalt kassiert.

In Kiew bekämpfen sich die Konkurrenten erbittert, in Vinnitsa hingegen hatte Poroschenko am Freitag ein Heimspiel. In seinem Wahlkreis hatte er bereits bei den Parlamentswahlen 2012 eine Zustimmung von 75 Prozent bekommen.

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