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Kassen wollen Psychotherapie-Sprechstunden : Schnelle Hilfe für die Seele

Die Krankenkassen wollen den Zugang zu Psychotherapie vereinfachen. Im Gegenzug sollen die Behandlungen aber unterbrochen und Langzeittherapien erschwert werden.

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Psychisch Kranke müssen oft monatelang auf eine Therapie warten. Künftig soll es schneller gehen.
Psychisch Kranke müssen oft monatelang auf eine Therapie warten. Künftig soll es schneller gehen.Foto: Imago

Josef Hecken übt offenbar tätige Reue. Vor kurzem war der Chef des Gemeinsamen Bundesausschusses noch mit dem Satz aufgefallen, dass nicht jeder einen Psychotherapeuten benötige. „Eine Flasche Bier tut es manchmal auch“, flapste der Funktionär, dessen Gremium über nichts weniger als die Leistungen für Kassenpatienten zu entscheiden hat.

Nun tritt der Mann mit einer ganz anderen Botschaft an die Öffentlichkeit. Um die teils monatelangen Wartezeiten zu verkürzen, werde es, so kündigte er bei einem Kongress in Berlin an, schon bald deutlich mehr Psychotherapeuten geben. Im kommenden Jahr würden nicht nur 1000 neue Sitze geschaffen, mit denen sich vor allem das Angebot in ländlichen Regionen verbessern soll. Hinzu komme auch noch die Möglichkeit, 300 freigebliebene Sitze von ärztlichen Therapeuten durch nicht-ärztliche zu ersetzen.

Therapie auf Versichertenkarte

Dass die Versorgung psychisch Kranker abseits der Ballungszentren angesichts steigender Fallzahlen kaum noch gewährleistet ist, scheinen die Verantwortlichen erkannt zu haben. Und die Krankenkassen planen noch weitere Reformen, die sich gut anhören. Nach einem Konzept ihres Spitzenverbands, das dem Tagesspiegel vorliegt, sollen Therapien von bis zu 25 Stunden künftig auf Versichertenkarte möglich sein. Ohne Genehmigung und Berichtspflicht der Behandelnden. Zudem sollen die Therapeuten künftig Sprechstunden anbieten müssen, in denen Patienten in Krisensituationen schnelle Hilfe erhalten und über geeignete Behandlungswege informiert werden. Bisher müssen sie sich nach der Hausarzt-Diagnose meist lange gedulden, um dann nach dem Zufallsprinzip bei irgendeinem Therapeuten zu landen, der noch Platz im Terminkalender hat.

Mit einer obligatorischen Sprechstunde gebe es „endlich ein niedrigschwelliges Angebot“, sagte Florian Lanz, der Sprecher des GKV-Spitzenverbandes, dieser Zeitung. Und mit dem Verzicht auf die Genehmigungspflicht von Kurztherapien lasse sich „viel Bürokratie sparen“.

Sechs Wochen Pause

Ein Konzept, das auch die Therapeuten gutheißen würden – wenn es nicht noch andere Ideen enthielte. Die Krankenkassen wollen die Behandlung nämlich auch verkürzen. Nur in Ausnahmefällen sollen künftig mehr als 50 Stunden bezahlt werden. Und sie möchten allen Patienten nach zwölf Stunden Behandlung eine „Mindestwartezeit“ von sechs Wochen verordnen – „zur Überprüfung der Sinnhaftigkeit der Therapie“.

Gegen beides laufen die Verbände Sturm. Betrieben werde damit „nichts anderes als eine Rationierung“, wettert der Präsident der Psychotherapeutenkammer, Rainer Richter. „Psychotherapieraster mit kleinsten Portionen“ passten für psychisch Kranke in der Regel nicht, sie bräuchten „keine Einpeitscher, die sie zur Gesundung treiben wollen“. Und die vorgesehene Therapieunterbrechung komme für viele einer „therapeutischen Katastrophe“ gleich, sie sei fachlich und ethisch nicht verantwortbar.

"Massive Benachteiligung"

Die Vorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung, Barbara Lubisch, sieht das genauso. Die Zwangspause sei eine Zumutung, die Behandlungsbegrenzung eine „massive Benachteiligung“ von schwerer Erkrankten. Und Verbandsvize Dieter Best ärgert es, dass man psychisch Kranken mit der Behandlungsunterbrechung etwas abverlange, was in der somatischen Medizin „undenkbar“ sei. 25 Stunden am Stück benötigten akut Erkrankte auf jeden Fall, sagte er dem Tagesspiegel.

Die Kassen dagegen sehen in ihren Vorschlägen kein Problem. Eine sechswöchige Unterbrechung sei „medizinisch unschädlich“, da es sich bei Psychotherapie ja um „keine Krisenintervention“ handle, ist sich Verbandssprecher Lanz sicher. Die Therapiepause eröffne den Patienten „die Chance, die eigene Situation und den eingeschlagenen Behandlungsweg zu hinterfragen“. Wichtig sei, dass Menschen mit psychischen Problemen künftig „schneller in Behandlung kämen“, sagt Lanz. Und Langzeittherapien von bis zu 300 Stunden seien nach dem Kassenkonzept auch weiter möglich. Die Hürden dafür lägen dann aber deutlich höher.

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