Katalonienkrise : Der spanische Schatten

Die katalanischen Unabhängigkeitskämpfer sind Populisten? Nicht nur. Der Streit offenbart die Folgen der unaufgearbeiteten Franco-Diktatur. Ein Essay.

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Massenproteste gegen die Festnahme katalanischer Politiker am 11. November in Barcelona.
Massenproteste gegen die Festnahme katalanischer Politiker am 11. November in Barcelona.Foto: Matthias Oesterle/Zuma Press/dpa

An dem kurzen Tag, den die katalanische Republik währte, heulte der 68-jährige Manel Tosca wie ein Schuljunge. Der Elektroingenieur im Ruhestand verbrachte den Nachmittag des 28. Oktober, an dem das Parlament die Unabhängigkeit beschloss, in seinem Wohnzimmer, von wo er ganz Barcelona überblickt, trank katalanischen Weißwein. Und brach immer wieder in Tränen aus. Später erklärte er, ihn hätten die Emotionen dermaßen überwältigt, weil er in diesen Stunden das Gefühl hatte, seine Ahnen seien bei ihm. Sein verstorbener Vater, der Großvater. Gemeinsam mit ihnen hätte er gefeiert, dass die Spanier, die seiner Familie das Leben zur Hölle gemacht haben, endlich aus Katalonien gedrängt worden waren. Zumindest für einen symbolischen Augenblick.

Dass die katalanische Republik im Herbst 2017 noch nicht dauerhaft Wirklichkeit werden würde, ahnte Tosca. Seine Freude schmälerte es nicht. Er war sicher: Dieser historische Moment würde noch seinen Enkeln Kraft geben, um weiterzukämpfen. Gegen die Spanier, für ein unabhängiges Katalonien. Die drei Kinder, noch keines zehn Jahre alt, riefen ihn an jenem ersten und einzigen Tag der katalanischen Republik an, und stimmten gemeinsam die katalanische Nationalhymne an. Manel Tosca kamen wieder die Tränen.

Er war längst nicht der Einzige, der an diesem Tag emotional wurde. Junge Frauen schwenkten mit entrücktem Blick Unabhängigkeitsfahnen, Erwachsene zerbrachen ihre spanischen Plastikausweise und jubelten frenetischer als bei einem Barça-Sieg. Diese Gefühlsausbrüche wurden in den europäischen Medien oft als Hexenwerk der katalanischen Populisten interpretiert. Doch viel mehr zeigen die großen Emotionen der Katalanen, dass erlebtes Unrecht oft über Generationen hinweg wirkt.

Die Katalanen wuchsen mit Erzählungen von Unterdrückung und Demütigung auf

Die Katalanen, die bei der Proklamation der Republik weinten, haben alle ähnliche Familiengeschichten. Sie wuchsen mit Erzählungen von Unterdrückung und Demütigung auf. Und oft erlebten sie noch selbst in der Diktatur Schikane und das Verbot der eigenen Sprache und Kultur.

Weil sich die Zweite Spanische Republik in Katalonien am längsten hielt, galten die Katalanen in der nachfolgenden Franco-Diktatur als Verräter. Als kulturelle Minderheit, die sich als eigene Nation begriff, waren sie der natürliche Feind des spanischen Reichs. Die letzten politischen Gegner wurden kurz vor dem Tod des Diktators hingerichtet, mit dem Würgeeisen. In den katalanischen Klassenzimmern hingen bis 1975 Plakate, auf denen Francisco Franco mit erhobenem Zeigefinger drohte: „Sprecht kein Katalanisch! Sprecht die Sprache des Reiches!“ Wer es doch tat, musste in Umerziehungslager. Zum Beispiel Manel Toscas Vater, der auf Katalanisch dichtete. Der Sohn wiederum sagt, die Unterdrückung durch den spanischen Staat dauere noch immer an. Er nennt ihn Unrechtsstaat oder Besatzungsmacht.

Die Folgen der Franco-Diktatur wirken bis heute

Es ist in Spanien kein katalanisches Phänomen, dass die Ereignisse der Diktatur und des Bürgerkriegs negativ bis in die Gegenwart wirken. Die Wunden des Bürgerkriegs sind überall sichtbar. Das Land ist gespalten in Nachfahren von Republikanern und Kinder der Parteigänger von Francisco Franco. In den Dörfern weiß jeder, ob sein Nachbar aus einer „roten“ oder einer „Nationalisten“-Familie stammt. Die Nachfahren eines Republikaners sind überzeugt, dass die konservative Partido Popular bis heute voller früherer Franco-Gefolgsleute ist. Einige lehnen den gesamten spanischen Staat und alle etablierten Parteien als Kontinuität der Diktatur ab. Als Beweis führen sie an, dass die letzten Reiter-Denkmäler aus der Franco-Zeit erst nach den jüngsten Kommunalwahlen entfernt wurden, als neue Parteien wie Podemos die Mehrheit stellten.

Ein Amnestiegesetz verbot die Verbrechen der Diktatur juristisch aufzuarbeiten

Tatsächlich verabschiedete Spanien die Diktatur sehr zögerlich. Sie endete nicht etwa, weil das Volk gegen den Gewaltherrscher rebelliert hätte, sondern weil Francisco Franco im Jahr 1975 starb. Und danach war eine Zeitlang überhaupt nicht klar, wie es weitergehen würde. König Juan Carlos, den Franco als seinen Nachfolger bestimmt hatte, bestätigte erst mal dessen Regierungschef im Amt. Zwei Jahre später fanden dann doch freie Wahlen statt, begleitet von Anschlägen von Links- und Rechtsextremen. Aus Angst, das Land könnte auf dem Weg zur Demokratie doch noch vom Weg abkommen, verabschiedete die gewählte Regierung als Allererstes, noch vor der Verfassung, ein Amnestie-Gesetz, das verbot, die politischen Verbrechen des Bürgerkriegs und der Diktatur juristisch aufzuarbeiten. Die Verantwortlichen waren überzeugt, dass dies die junge Demokratie destabilisieren würde. Das Gesetz galt als Grundlage für den friedlichen Übergang zur Demokratie. Mittlerweile gilt es vielen eher als Grund für die aktuellen Probleme des spanischen Staats – und für die Katalonien-Krise.

In der Folge fand nämlich eine gesellschaftliche und politische Aufarbeitung der Diktatur so gut wie gar nicht statt. Viele Parteigänger von Franco blieben in der Politik und in den Institutionen – auch wenn sie Kriegsverbrechen verübt hatten oder wenn sie politische Gegner ohne Prozess hatten hinrichten lassen. Die Hingerichteten wurden nie rehabilitiert. Sogar die Massengräber aus dem Bürgerkrieg und aus den Anfängen der Diktatur blieben lange unangetastet.

Dass die Gebeine der Ermordeten seit etwa zehn Jahren allmählich exhumiert werden, geht auf die Initiative von Ehepartnern und Geschwistern zurück. Die Hochbetagten wollten ihre Angehörigen richtig bestatten, bevor sie selbst starben. Das ist längst nicht allen gelungen. Der Prozess ist kompliziert und teuer. Oft wissen die Verwandten gar nicht, in welchem Massengrab sie suchen müssen, und ist das geschafft, müssen die Knochen per DNA-Analyse zugeordnet werden. Um den Prozess zu beschleunigen, baten die Familien die Politik um Hilfe. Doch die Regierung berief sich auf das Amnestiegesetz und tat nichts.

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