Kolumne "Mon Berlin" : Neapels Ordnung, Berliner Chaos

Eine Rückkehr nach Berlin wirkt oft wie der Exodus aus den himmlischen Gärten. Brutal. Das Flugzeug spuckt einen auf nassen Asphalt, mitten auf die Landebahn. Es ist grau und kalt. Ein Kommentar.

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Berlins Charme erschließt sich nicht immer gleich.
Berlins Charme erschließt sich nicht immer gleich.Foto: picture alliance / dpa

Dieses von Gewalt, Katastrophen und Fiaskos zum Glück noch unberührte Jahr mit einem Sturm aus Ironie gegen meine Wahlheimat zu beginnen, ist nicht sehr elegant. Das ist mir wohl bewusst. Ich will auf keinen Fall die seit Jahren glimmende Glut befächern, nicht Salz in die klaffende Wunde reiben; ich will den Berlinern nicht die Scham ins Gesicht schießen lassen und so womöglich noch ihre schlechte Laune herbeirufen – nicht schon am zweiten Tag des Jahres.

Und ja, ich weiß, alles – oder fast alles – ist schon über die gigantische Fata Morgana namens Flughafen Schönefeld gesagt worden. Doch, nach einem Wochenende in Neapel, kann ich mich nicht mehr zurückhalten.

Lassen Sie uns zuerst die Klischees prüfen, die uns beim Gedanken an diese städtischen Antipoden kommen: Neapel, Hauptstadt der Mafia und der Pizza, lärmend, mit ihren nervösen Fiats und Vespas, die mit vollem Tempo durch die Hangstraßen knattern. Mit der schamlos entlang der Fassaden aufgehängten Wäsche, mit den überfüllten Müllsäcken, die auf den Trottoirs vor den Haustüren abgeladen werden. Neapel = Chaos.

Berlin? Berlin, die Hauptstadt des reichsten und erfolgreichsten Landes Europas. Tugendhaft, sauber mit seinen in regelmäßigen Intervallen aufgestellten Mülleimern und den breiten, täglich gefegten Bürgersteigen, mit den Volkswagen, die in Schrittgeschwindigkeit durch die geräumigen Straßen schleichen, immer das Wort des StVO-Evangeliums achtend. Die immer für Fußgänger an Zebrastreifen anhalten, und von roten Ampeln brauchen wir gar nicht zu sprechen. Berlinische Unterhosen und BHs trocknen diskret in der Intimität der Badezimmer. Berlin = Ordnung.

Kehrt man die Klischees um, gibt man Neapel die Ordnung und Berlin das Chaos, weiß man, was man von den jeweiligen Flughäfen erwarten kann. Flughafen Neapel: luxuriös, sauber, hell, perfekt funktional. Neapel hat sich einen neuen Look gegeben, um Touristen anzulocken. Und die Stadt hat ja auch viel vorzuweisen: Pompeji, die Küstenhänge von Amalfi, Capri. Am Flughafen kann man Sushi essen und Panini mit Gänsestopfleber. Man kann „Le Figaro“ am Erscheinungstag lesen, als wäre man in Paris.

Man könnte denken, man sei im Vorzimmer des Paradieses

Die Distanzen im Flughafen selbst sind kurz. Man gleitet von Gate zu Gate durch strahlende Gänge. Man pausiert auf Designsofas derselben Farbe wie die Latte Macchiatos, die man am Tresen der Cafés trinken kann. Wenn man hinzuzählt – was natürlich nichts mit neapolitanischer Effizienz, sondern persönlichem Eindruck zu tun hat –, dass es hier 18 Grad warm ist, die Luft süß und die Bucht von Neapel mitten im Winter in Sonnenschein getränkt ist: Man könnte denken, man sei im Vorzimmer des Paradieses.

Die Rückkehr nach Berlin wirkt wie der Exodus aus den himmlischen Gärten. Brutal. Das Flugzeug spuckt einen auf nassen Asphalt, mitten auf die Landebahn. Es ist grau und kalt. Man schließt seinen Mantel, zurrt seinen Schal fest um den Hals und schreitet zu Fuß, den Koffer hinter sich her ziehend, zum Hangar, dessen Stahlblechkonstruktion aussieht wie eine provisorische Unterkunft. Man macht sich auf einen Fußmarsch, der einer Expedition gleicht, durch die unendlichen Gänge, die vom Wind durchweht und von Neon-Deckenlichtern spärlich beleuchtet werden.

Düster! Es riecht nach Kerosin und Regen. Aus den schlauchigen Gängen wird man irgendwann in die Eingangshalle gespült. Ausländische Zeitungen an den Kiosken sind selten. Ein Geruch von altem Frittieröl und Bockwurst schwebt über dem gesamten Flughafen.

Ich stoße gerne an Klischees und kehre sie um. Und gerade hat sich ja ein Jahr zu Ende geneigt, das die Klischees zwischen Griechenlandkrise und Volkswagenskandal von einem Volk auf das nächste hin und her geschoben hat. Erinnern Sie sich an die Pleitegriechen und die korrekten Deutschen? Wie unerschütterlich die Weltordnung damals schien. Ich finde, der kleine, verstörende Vergleich zwischen den Flughäfen ist eine gute Art, solche Ideen wieder auf ihre Plätze zu verweisen, bevor man dieses Jahr beginnt. Bonne année!

- Aus dem Französischen übersetzt von Fabian Federl.