Krawalle bei der Fußball-EM : Wenn Flaschen fliegen, ist es zu spät

Die Strategie der Franzosen gegen die gewalttätigen Fußballfans ist gescheitert. Eine andere funktioniert. Ein Kommentar.

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Ein englischer Fan mit einem französischen Polizisten in Marseille
Ein englischer Fan mit einem französischen Polizisten in MarseilleFoto: AFP/Leon Neal

Fliegende Fäuste, Stühle und Flaschen, Tränengaswolken, blutüberströmte Fans: Es sind Bilder aus fast schon vergessenen Fußball-Zeiten, die diese Europameisterschaft auch bietet. Bei Krawallen in Marseille wurden 44 Personen verletzt, die Ausschreitungen rund um die Partie England gegen Russland lassen Schlimmes für den Rest des Turniers erwarten.

Fans sind nicht gleich Fans. Die überwältigende Mehrheit der europäischen Fußballgemeinde ist friedlich und will ein fröhliches Fest in Frankreich erleben. Anscheinend ging die Gewalt in Marseille von einer relativ überschaubaren Gruppe russischer Anhänger aus. 200 bis 300 Männer attackierten gezielt und organisiert englische Fans und zogen sich danach zurück. Die französische Polizei griff immer erst Minuten später ein, mit Schildern, Knüppeln, Blaulicht und reichlich Tränengas.

Getränke wurden in Glasflaschen anstatt in Plastikbechern verkauft

Diese Strategie ist zum Scheitern verurteilt. Andere Länder, wie zum Beispiel England oder Deutschland, sind längst dazu übergegangen, intensiv mit Fanorganisationen und Fanbetreuern zusammenzuarbeiten. Frankreichs Polizei hat sich für diesen Ansatz im Vorfeld des Turniers unempfänglich gezeigt und selbst Kollegen aus dem Ausland abblitzen lassen. Nicht nur die Sicherheitskräfte scheinen schlecht vorbereitet zu sein: In den Kneipen und Restaurants der Stadt wurden Getränke in Glasflaschen anstatt in Plastikbechern verkauft. Insofern zeigen sich internationale Experten auch kaum überrascht von dem Bild, das Marseille in den vergangenen drei Tagen geboten hat.

In Zeiten der Terrorangst setzt Frankreich auf massive Polizeipräsenz und scharfe Kontrollen. Beide Maßnahmen sind wichtig und richtig, wenn es um potenzielle Attentäter geht. Im Fall der Fußball-Touristen sind sie mitunter aber kontraproduktiv. Wer Fußballfans nur als Problem wahrnimmt und behandelt, bekommt in der Regel auch Probleme mit ihnen. Diese selbsterfüllende Prophezeiung ist die Erfahrung etlicher Spiele und Turniere.

Auseinandersetzung: Fans beim EM-Spiel England gegen Russland in Marseille
Auseinandersetzung: Fans beim EM-Spiel England gegen Russland in MarseilleFoto: Reuters/Kai Pfaffenbach


Natürlich darf man gewaltsuchenden Hooligans, die die große Bühne der EM zur Selbstdarstellung und für Machtdemonstration nutzen wollen, nicht die Hand reichen. Im Gegenteil: Hier muss die Polizei hart und schnell reagieren. Das kann sie aber nur, wenn sie mit den friedlichen Fans und ausländischen Behörden zusammen arbeitet. Wer erst eingreift, wenn die Flaschen fliegen, kann nur verlieren.

Letztes Mittel wäre ein Ausschluss Russlands aus dem Turnier

Auch die Uefa macht sich ihre Gedanken – letztes Mittel des europäischen Fußballverbands wäre ein Ausschluss Russlands aus dem Turnier. Die Hooligans würde diese Maßnahme allerdings kaum stören. Für russische Nationalisten – auch die Gewalttäter von Marseille sind dieser Gesinnung zuzuordnen – wäre der Rauswurf aus der EM nur ein weiterer Beweis für die vermeintliche Verschwörung des Westens gegen Russland.

Die Zeit drängt, für die Organisatoren und die Behörden. Am Mittwoch spielt Russland in Lille gegen die Slowakei, einen Tag später tritt England in Lens gegen Wales an. Beide Städte sind nur eine halbe Stunde voneinander entfernt, in Lens werden 70 000 Engländer erwartet. Es wird nicht reichen abzuwarten, bis etwas passiert.

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Fußball-EM in Frankreich: Das Hooligan-Problem
Fußball-EM in Frankreich: Das Hooligan-Problem

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