Landsmannschaft Ostpreußen : An der Grenze

Die Landsmannschaft Ostpreußen sieht sich als Kulturverein, viele deutsche Politiker unterstützen sie. Doch sie ist umstritten.

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Reine Brauchtumspflege? Ein Deutschlandtreffen der Landsmannschaft Ostpreußen. Foto: dpa
Reine Brauchtumspflege? Ein Deutschlandtreffen der Landsmannschaft Ostpreußen.Foto: dpa

Die Bierbänke stehen, die Verkaufsstände für Bernstein, Marzipan und ostpreußische Spezialitäten sind aufgebaut. 5000 Menschen werden auf dem Messegelände in Kassel erwartet. Die meisten von ihnen 70, 80 oder 90 Jahre alt. Beim 21. Deutschlandtreffen der Landsmannschaft Ostpreußen (LO) wollen sie Erinnerungen an ihre alte Heimat austauschen – die seit 1945 Teil Polens, Litauens und Russlands ist.

Nach dem Zweiten Weltkrieg vertraten die diversen Landsmannschaften noch 12 Millionen Menschen, die aus Osteuropa geflohen waren oder von dort vertrieben wurden. Heute sieht sich der 1948 gegründete Verein als Vertreter einer Interessengruppe von knapp 250 000 Menschen. Noch vor zehn Jahren strebte er eine „Wiedervereinigung Ostpreußens mit ganz Deutschland“ an. 2005 wurde die Passage aus der Satzung gestrichen. „Die Grenzfrage ist für die LO keine Frage mehr“, sagt LO-Geschäftsführer Sebastian Husen. Polen und Litauen seien Teil der EU. Und seit die Reisefreiheit gilt, sei das Ziel „aktive Völkerverständigung“. So veranstaltet die Landsmannschaft im Juni so etwas wie olympische Sommerspiele für Jugendliche in Szczytno, dem ehemaligen Ortelsburg in der Region Ermland und Masuren - zusammen mit dem polnischen Innenministerium. Zudem gibt es Kooperationen mit Museen und Kulturvereinen beispielsweise in Königsberger Gebiet, gefördert auch durch die Bundesregierung. Zu den kommunalen Treffen der LO kommen neben polnischen Regionalpolitikern auch immer wieder deutsche Spitzenpolitiker. Als prominente Referenten der vergangenen Jahre listet die LO unter anderem Wolfgang Schäuble, Thomas de Maizière sowie Günther Beckstein auf.

Kulturpflege und Geschichtslehren

Beim diesjährigen Treffen in Kassel wird der Berliner Historiker Arnulf Baring die Festrede halten: „Es freut mich, dass hier ein kulturelles Erbe aufgenommen und weitergeführt wird“, sagt er dem Tagesspiegel. Die LO versuche, einen wichtigen Teil der Geschichte in Erinnerung zu halten. „Flucht und Vertreibung dürfen nicht vergessen werden, aber die politischen und historischen Fakten müssen alle hinnehmen.“ Eine Einladung, beim Treffen der Sudetendeutschen Landsmannschaft zu sprechen, hat Baring beispielsweise abgesagt: „Zu problematisch.“

Die Mitglieder der LO organisieren sich bundesweit in 16 Landesgruppen und 38 Kreisgemeinschaften wie Memel, Osterode oder Lötzen, die den ehemaligen ostpreußischen Stadt- und Landkreisen entsprechen.„In Berlin haben die verschiedenen Landsmannschaften noch 1000 Mitglieder, in der Landsmannschaft Ostpreußen sind es etwa 300“, sagt Rüdiger Jakesch, einst Bürgermeister im Bezirk Schöneberg und heute Vorsitzender des Landesverbandes der Vertriebenen und der Landsmannschaft Ostpreußen Berlin.

Die Älteren brauchen einen Ort zum gemeinsamen Erinnern

Doch jedes Jahr sinkt die Zahl der Mitglieder. Die Alten sterben, junge Leute interessieren sich nicht für die Landsmannschaft. „Ob es für mich noch einen Nachfolger geben wird, ist ungewiss“, sagt der 73-Jährige. Einmal im Monat treffen sich die Mitglieder der Heimatkreise bei Kaffee und Kuchen zum Gedankenaustausch und gemeinsamen Erinnern. Schon seit Mitte der 60er Jahre will die Mehrheit der Vertriebenen nicht mehr in die alte Heimat zurück, sagt Jakesch. Die neuen Bewohner lebten nunmehr in der zweiten und dritten Generation dort und hätten „Heimatrecht erworben“. „Altes Unrecht kann nicht durch neues Unrecht wieder gutgemacht werden.“

Aber für die Überlebenden sind Flucht, Vertreibung und Heimatverlust nicht vergessen. „Das sind schmerzliche Wunden, die nur langsam verheilen“, sagt Jakesch. Die alten Menschen bräuchten einen Anlaufspunkt, der sie mit ihrer alten Heimat verbindet. Um Entschädigungen oder Grenzverläufe gehe es schon lange nicht mehr. „Politik interessiert die Älteren nicht.“

Den Anschein eines Kulturvereins kauft der Sozial- und Politikwissenschaftler Samuel Salzborn der LO allerdings nicht ab. Er ist Professor an der Georg-August-Universität in Göttingen und hat unter anderem zu Landsmannschaften geforscht. Die Brauchtums- und Kulturpflege habe es von Anbeginn gegeben. „Heute soll verschleiert werden, dass es ein politischer Verein ist“, sagt Salzborn. „Damit sich Leute treffen können, dafür braucht es keine Landsmannschaften.“

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