Letzte Fraktionssitzung : Wie sich die FDP aus dem Bundestag verabschiedet

Die Liberalen haben fast immer regiert. Jetzt steht die FDP vor dem Nichts, die größte Fraktion ihrer Geschichte hat sich aufgelöst. 600 Mitarbeiter packen Kisten im Bundestag und stehen Schlange vor der Tür der Arbeitsagentur.

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Das war's. Die FDP muss raus aus dem Bundestag.
Das war's. Die FDP muss raus aus dem Bundestag.Foto: dpa

Zum Schluss gibt es eingetrocknete Sahneschnittchen und ein kitschiges Holzmännlein aus dem Erzgebirge. „Hoffnung, Beharrlichkeit und Gottvertrauen“ steht drauf. Als ob eine der drei Bergmannstugenden irgendwas geändert hätte. Und Tränen? Auch. Aber nicht so viele, wie man annehmen durfte und wenn, dann still ins Taschentuch. Wer so gehasst wird wie die FDP, der stirbt wohl aufrecht und stolz. Es ist Dienstag, der 8. Oktober 2013 und um 15 Uhr beginnt unter der Reichstagskuppel etwas, worüber man später in Geschichtsbüchern wird lesen können: Zum letzten Mal trifft sich die Bundestagsfraktion der FDP.

Sie ist aus dem Parlament geflogen. Letzte Woche war einer im Blaumann hier und hat den Saal ausgemessen. Ihren Fraktionssaal. Neuer Teppich soll vielleicht rein. „Freiheit bewegt“ steht an den blau-gelben Wänden und: FDP. Noch ein paar Tage, dann leuchtet hier alles rot. Die Linksfraktion zieht ein. Erst Neoliberalismus, dann Kommunismus: So ist es in der Politik eben manchmal. Wolfgang Gerhardt, er war auch mal FDP-Chef, krächzt heiser etwas von „Rückkehr 2017“. Reale Chance, muss man jetzt nutzen, alles wird gut werden und solche Sachen. Durchhalteparolen! Was soll man auch sagen an so einem Tag. Die Wahrheit? Wer kennt die schon. „Mit einem, der aussieht wie ein Vietnamese, da kann man keine Wahl gewinnen“, sagt ein Sachse. Er musste das mal loswerden, wenigstens zum Schluss. „Ist doch wahr, was soll man da ’rumreden“. Bitterkeit am Ende.

Sie hat fast immer regiert, diese FDP

Was es wirklich bedeutet für diese Republik, dass es nun keine FDP mehr im Bundestag gibt, das wird man wohl erst in ein paar Monaten merken. Oder vielleicht auch gar nicht. Vielleicht sind 65 Jahre Parlamentarismus ja genug für die Liberalen. So lange hatte die FDP nämlich Abgeordnete im Bundestag sitzen. Mal nur 31, das war 1969, als die Liberalen mit 5,8 Prozent schon mal knapp am Rauswurf vorbeigeschrammt waren. Und dann 93, zum Schluss, quasi als krönendes Ende der parlamentarischen Geschichte. 93 Abgeordnete nach dem fulminanten Sieg bei der Bundestagswahl 2009. 14,6 Prozent, das war Rekord. Damals wurde es eng im Fraktionssaal, den der Bundestag den Gelb-Blauen ganz oben zugewiesen hatte. Wie in einer Sardinenbüchse haben sie gesessen. Und stolz waren sie wie Bolle. Die Kleinen ganz groß. Westerwelle trug die Nase hoch und träumte von der „geistig politischen Wende“. Leider sagte er solche Sätze auch laut, was das Ende beschleunigte. Doch dazu später mehr.

Zunächst eine klitzekleine Verbeugung. Vor dieser FDP, die jetzt Kisten packt. Wer ein Gefühl dafür bekommen will, was diese Partei für Deutschland war, der muss nur mal kurz in seine eigene Geschichte hineinhorchen: „Hoch auf dem gelben Wagen“. Na, von wem ist das? Richtig: Walter Scheel. Der kleine grauhaarige Präsident hat das Lied 1973 aufgenommen, um Spenden zu sammeln. Da war er noch gar nicht Staatsoberhaupt. Aber regiert hatte er schon eine Weile. Mit Willy Brandt und Helmut Schmidt. Große Namen der deutschen Geschichte. Immer war die FDP irgendwie dabei. Scheels Lied wurde ein Hit, jedes Kind kennt es. Auch die aus der DDR. Überhaupt: Regiert hat diese FDP eigentlich fast immer.

Öde war die Partei nie

42 Jahre lang, entweder mit Adenauer und seiner CDU oder eben mit der SPD. Keine Partei saß länger auf der Regierungsbank. Irgendwie ist deutsche Politik ohne die Liberalen nicht gegangen: Entspannungspolitik, Ostverträge, Deutsche Einheit. Immer waren die Liberalen dabei. Mancher meint gar, die Bonner Republik ohne die FDP, das hätte es gar nicht geben können. Zu dicke aufgetragen? Weiß noch einer, wie Scheels NSDAP-Mitgliedschaft ’rauskam und plötzlich klar wurde, wie verstrickt die Alten mit der neuen demokratischen Ordnung wirklich waren? Das war natürlich lange, nachdem die FDP Anfang der Fünfziger ihren „Schlussstrich“-Wahlkampf geführt hatte. „Bürger 2. Klasse“, was sie meinten, dass die mit dem NS-System Verstrickten waren, sollte es nicht mehr geben.

Ja, auch das war die FDP. Oder der „Große Lauschangriff“: Eine kleine etwas rundliche Frau mit dicker Perlenkette nahm demonstrativ ihren Hut, weil eine – wenn auch knappe – Mehrheit ihrer Partei für das Recht der Polizei auf Abhören von Wohnungen stand. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Jeder kennt die Story, wenn er sich auch nur ein bisschen für Politik interessiert hat. Oder den Grafen Lambsdorff. Und dann der Selbstmord Jürgen Möllemanns. Und die „18“ auf der Schuhsohle von Guido Westerwelle, Spaßpartei, ein Politiker im Big-Brother-Container: Es gibt Dutzende solcher Geschichten und Anekdoten, die die FDP weit über den Kreis des politischen Establishments hinaus bekannt gemacht hatte. Und Frauen und Männer, die für ihre Überzeugung gelebt haben und das auch ausstrahlten. Bisschen verrückt waren sie, diese Liberalen. Aber nie öde.

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