Lookismus : Die Bevorzugung der Schönen

Wer nicht attraktiv ist, hat es schwer im Leben. Dieses Forschungsergebnis nennt sich „Lookismus“. Es ist die vielleicht meist unterschätzte aller Diskriminierungen. Ein Essay.

von
Schön oder zu schön? Wer unattraktiv ist, wird benachteiligt, wer zu schön ist, aber auch. Foto: dpa
Schön oder zu schön? Wer unattraktiv ist, wird benachteiligt, wer zu schön ist, aber auch.Foto: dpa

Wer attraktiv ist, erhält bei der Bank eher Kredit. Er kann vor Gericht auf ein milderes Urteil hoffen. Bekommt im Restaurant vom Kellner einen besseren Tisch zugewiesen. Wissenschaftler haben das nachgewiesen.

Wer attraktiv ist, hat es leichter im Studium. Hat Vorteile beim Bewerbungsgespräch, wird schneller befördert, bekommt mehr Lohn. Wird eher gehört, wenn er in einer Notfallsituation Fremde um Hilfe bittet. Auch Freundschaften lassen sich so leichter schließen. Wissenschaftler haben all das nachgewiesen, immer im Vergleich zu einem, der weniger attraktiv ist, sich ansonsten aber in nichts unterscheidet.

Es gibt mittlerweile hunderter solcher Studien, „Attraktivitätsforschung“ nennt sich die Disziplin. Bevorzugung der Schönen und also Benachteiligung der Übrigen ziehen sich durch praktisch alle Lebensbereiche, die Ungerechtigkeit lässt sich durchdeklinieren. Attraktive Politiker werden eher gewählt, Chefs sind bei ihren Untergebenen beliebter, Fußballer haben einen höheren Marktwert und erzielen bei Vereinswechseln höhere Ablösesummen.

Je mehr Studien auftauchen und je präziser die Effekte nachgewiesen werden, desto stärker verwundert es, dass sich niemand daran stört. Das Thema eignet sich maximal als Gesprächsstoff auf Partys, Kategorie Fun Fact. Oder zum flüchtigen Sich-Drüber-Aufregen. Beliebter Reflex: Ist eben so. Da kann man nichts machen außer akzeptieren. Das Leben ist nun mal ungerecht.

Wer diese Denkfaulheit kurz überwindet, wird zugeben, dass es sich hier um eine Form von Diskriminierung handelt. Und bei Diskriminierung war es noch nie eine gute Idee zu sagen: Ist halt so.

Wer sind die Betroffenen? Wer ist denn schön und wer nicht?

Im englischsprachigen Raum gibt es ein Wort dafür. Lookism. In Deutschland sagt man auch Lookismus. Och nee, nicht noch so ein Ismus! Haben wir nicht genug zu tun mit all den Minderheiten und sonstwie Benachteiligten, mit Transgender-Toiletten und politisch korrekten Anreden? Kann denn, wer es ständig allen recht machen muss und niemandem auf die Füße treten darf, sich am Ende überhaupt noch bewegen?

Attraktive Kellner bekommen mehr Trinkgeld, Professoren mehr Zuhörer, Chormusiker eher ein Solo. Lookism ist mehr als bloß eine weitere Form von Diskriminierung. Es handelt sich wahrscheinlich um die meist unterschätzte aller heutigen Diskriminierungen.
Es hakt ja schon beim Versuch, die Gruppe der Betroffenen einzugrenzen. Wer ist jetzt schön, und wer hässlich? Unter Attraktivitätsforschern dominierte lange die sogenannte Durchschnittshypothese, wonach als begehrenswert gilt, wer dem mathematischen Durchschnitt einer Bevölkerung entspricht. Anhänger der Theorie legen zum Beweis die Porträtfotos verschiedener Menschen digital übereinander, je mehr Bilder es werden, desto attraktiver erscheint das Einheitsgesicht. Kritiker sagen, das liege an Artefakten, also methodischen Fehlern. Je mehr Gesichter übereinander gehäuft werden, desto mehr Konturen gehen verloren. Das Gesicht wirkt ebenmäßiger, Hautunreinheiten verschwinden.


Daneben gibt es die Symmetriehypothese. Je ähnlicher sich beide Gesichtshälften sind, heißt es da, desto schöner der zugehörige Mensch. Auch gegen diese Theorie gibt es Bedenken, in Versuchsreihen schaffen es Probanden nicht einmal, symmetrische von weniger symmetrischen Gesichtern zu unterscheiden. Ein dritter Ansatz, die „sexhormone-markers theory“, behauptet grob gesagt: Ein Frauengesicht gilt als umso attraktiver, je femininer es wirkt. Ein Männergesicht wiederum gilt als umso attraktiver, je maskuliner es wirkt. Messkriterien sind etwa die Maße von Wangenknochen, Stirn, Augen, Nase. Zumindest für den Mann gilt die Theorie nur eingeschränkt. Extrem maskuline Typen wirken nicht extrem attraktiv.

Ebenso umstritten ist, ob Schönheit und ihre Wahrnehmung genetisch bedingt sind oder kulturell erlernt werden. Evolutionsbiologen auf der einen und Psychologen auf der anderen Seite haben gute Argumente für ihre jeweilige Sicht, und mal wieder lautet die wahrscheinlichste Antwort: Es ist eine Mischung aus beidem.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

62 Kommentare

Neuester Kommentar